Vor fünf Jahren habe ich bei RefLab eine Reihe zur evangelikalen Bewegung veröffentlicht. Ausgangspunkt war die zunehmend kritische Hinterfragung des Evangelikalismus von Seiten derer, die sich lange damit identifiziert hatten (Ex- und Postevangelikale).
Die neue Serie setzt schon mit dem Titel «Christlicher Nationalismus» einen anderen, politischen Fokus.
Radikalisierung des Evangelikalismus?
Dass zum Evangelikalismus eine politische Seite gehört, ist seit 50 Jahren selbstverständlich. Die Entwicklungen der letzten zehn Jahren aber sind so einschneidend, dass sie mindestens die Wahrnehmung der evangelikalen Bewegung und wohl auch diese selbst grundlegend verändert haben dürften. Denn schon der Ausdruck «Christlicher Nationalismus» signalisiert, dass etwas Neues entstanden ist.
Wie kam es zur Entwicklung von der christlichen Rechten zum christlichen Nationalismus?
Der Ausdruck des christlichen Nationalismus ist nicht neu. Schon vor bald zwanzig Jahren verwendete ihn Michelle Goldberg in ihrer Studie «Kingdom Coming. The Rise of Christian Nationalism» (2007). In diesem Werk beschreibt sie wie viele andere den Aufstieg der christlichen Rechten bis zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush, nur mit einem etwas anderen Begriff als üblich, der sich damals nicht durchsetzte.
Selbstverständnis und Zuschreibung
Wie kommt es, dass sich dieser Ausdruck inzwischen doch so stark etabliert hat, spätestens seit der Studie von Andrew Whitehead und Samuel Perry, «Taking America Back For God» (2021)?
Das Bemerkenswerte ist: Christlicher Nationalismus ist in den USA nicht mehr nur eine Beschreibung von aussen, sondern ein Begriff, der inzwischen von erheblichen Teilen der Trump-Fans auch als Selbstbezeichnung akzeptiert wird.
Denn die Beschreibungen dieser Bewegung als christliche Rechte, überhaupt als «rechts» sind immer Aussenbeschreibung geblieben. In ihrem Selbstverständnis waren die Akteure nie rechts oder gar extrem. Die gemeinten Gruppen haben sich schlicht als Christen verstanden, als wahre und eigentliche Christen in Abgrenzung zu liberalen und progressiven Kirchen, die in ihren Augen kein Christentum mehr verkörpern.
Und mehr: Trotz ihres starken politischen Engagements sahen sie sich selbst lange als nicht wirklich politisch an. Vielmehr nahmen sie es so wahr, dass es einen aggressiv von links betriebenen Kulturkampf gebe, dem man endlich etwas entgegenhalten müsse.
Kulturkampf gegen links
Dabei berief man sich auf die christlich-moralischen Überzeugungen der schweigenden Mehrheit, wie schon der Name einer der grössten Organisationen der christlichen Rechten, der Moral Majority, deutlich machte.
Letztlich stellte man sich selbst nicht als rechts oder besonders politisch dar, sondern als Vertreter von Common Sense und christlichen Werten. Extrem seien die anderen, die Linken bzw. Progressiven.
In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Vor allem zweierlei ist bemerkenswert. Angesichts der beiden Präsidentschaften von Donald Trump haben viele Beobachter den Eindruck, dass der Begriff nicht mehr ausreicht. Es geht nicht mehr um eine christlich unterstützte Präsidentschaft wie unter Reagan oder Bush, die eine demokratische Regierung ablöst. Die Dinge haben sich radikal verändert. Und mehr:
Die Verschiebung unter Trump
Anders als zuvor, gibt es inzwischen etliche christliche Unterstützer Trumps, die diesen Ausdruck sogar positiv aufgreifen.
Begriffsbestimmungen sind wichtig und zugleich immer nur eine erste Annäherung. Worum geht es? In ihrem Standardwerk «Taking America Back For God» legen Andrew Whitehead und Samuel Perry für christlichen Nationalismus eine weitverbreitete Definition («Ideology that idealizes and advocates a fusion of American civic life with a particular type of Christian identity and culture.») vor:
Christlicher Nationalismus ist eine Ideologie, die eine Verschmelzung des amerikanischen gesellschaftlichen Lebens mit einer bestimmten Form christlicher Identität und Kultur idealisiert und befürwortet.
Christlicher Nationalismus beschreibt demnach politische Positionen, in denen «christlich» zum fundierenden Grund und zur exkludierenden Norm des nationalen Selbstverständnisses wird, in Abgrenzung zu säkularen, liberalen und pluralistischen Gesellschaftsbildern.
Nationalismus in den USA und in Europa
Im Deutschen hat Nationalismus einen Klang, der zuerst an eine aggressive Aussenpolitik denken lässt. Nicht selten wird Nationalismus von Patriotismus abgegrenzt, in dem Sinne, dass Patriotismus Liebe zum eigenen Land bedeute, Nationalismus aber die Erhebung über andere Länder. Wir werden sehen, dass dies im christlichen Nationalismus mitschwingt.
Die grundlegende Bedeutung ist aber erst einmal anders:
Christlicher Nationalismus ist zuerst nach innen gerichtet.
Im christlichen Nationalismus geht es um die Durchsetzung einer christlich-homogenen Wertebasis für alle Bereiche der eigenen Gesellschaft. Die Politik, das Recht, die Werte in Schulen und Universitäten, Kunst und Kultur, alles soll wieder ausdrücklich von christlichen Leitvorstellungen bestimmt werden.
America first
Es geht um Homogenität, von oben durchgesetzte Rückkehr zu dem, was man als Fundament einer christlichen Kultur versteht.
Da die konservativen Ordnungsideale vielfach autoritär verfasst sind, ist es kein Wunder, dass die Aussenpolitik eine hegemoniale Stossrichtung bekommt. Entsprechend ihrem besonderen Sendungsverständnis sollen die USA auch aussenpolitisch Dominanz wiedergewinnen und ausüben: America first.
Christlicher Nationalismus steht für eine autoritäre Umformung der Gesellschaft, homogen nach innen und hegemonial nach aussen.
Konsequenzen für die Weltpolitik
Man kann den Bruch zur Ära von Bush verdeutlichen an den massgeblichen Texten zur Aussenpolitik, The National Security Strategy 2002. Bushs Text ist bestimmt von der Erfahrung des 11. September 2001. In der Einleitung formuliert das Papier eine realistische Beurteilung der eigenen Lage und eine Selbstverpflichtung:
«Heute verfügen die Vereinigten Staaten über eine beispiellose militärische Stärke und großen wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Getreu unserem Erbe und unseren Grundsätzen nutzen wir unsere Stärke nicht, um einseitige Vorteile durchzusetzen. Stattdessen streben wir ein Kräftegleichgewicht an, das der Freiheit des Menschen dient.»
Ausdrücklich spricht der Text von einem amerikanischen Internationalismus, der die eigenen Interessen und die Bindung an grundlegende Werte miteinander verknüpft.
«Amerika muss entschlossen für die nicht verhandelbaren Anforderungen der Menschenwürde eintreten: Rechtsstaatlichkeit; Begrenzung der absoluten Macht des Staates; Redefreiheit; Religionsfreiheit; gleiche Gerechtigkeit; Achtung der Frauen; religiöse und ethnische Toleranz; sowie Achtung des Privateigentums.»
Fassen wir zentrale Merkmale zusammen:
- Zentrale Grundlage ist der Ausdruck der Würde des Einzelnen und der Schutz der Menschenrechte.
- Oberstes Ziel ist die Verteidigung der Freiheit, die nicht ohne Demokratie und freie Märkte gedacht werden kann.
- Explizite Ablehnung von «destruktiven totalitären Anschauungen, die gegen Freiheit und Gleichheit» aller Menschen gerichtet sind.
- Einsatz für eine regelbasierte Weltordnung, die Frieden und Wohlstand für alle sichert.
- Klares Bekenntnis zur Herrschaft des Rechts und Ablehnung aller Versuche, aus eigener Stärke unfaire Vorteile zu ziehen.
National Security Strategy
Wenn man die aktuelle Sicherheitsstrategie von 2025, The National Security Strategy 2025, zum Vergleich heranzieht, sind die Unterschiede nicht zu verkennen.
«Unsere Eliten haben die Bereitschaft Amerikas, auf Dauer globale Lasten zu schultern, die das amerikanische Volk nicht mit dem nationalen Interesse in Verbindung brachte, völlig falsch eingeschätzt. Sie haben Amerikas Fähigkeit überschätzt, gleichzeitig einen massiven Sozial-, Regulierungs- und Verwaltungsstaat sowie einen riesigen Militär-, Diplomatie-, Geheimdienst- und Entwicklungshilfekomplex zu finanzieren.»
Auch das für die Ära von Reagan bis Bush Jr. selbstverständliche Bekenntnis zum freien Handel und zu den Prinzipien der Marktwirtschaft ist obsolet.
«Sie setzten in äußerst fehlgeleiteter und destruktiver Weise auf Globalismus und den sogenannten ‹Freihandel›, was genau jene Mittelschicht und industrielle Basis aushöhlte, auf denen die wirtschaftliche und militärische Vorrangstellung Amerikas beruht.»
- Die Unterschiede zum früheren Selbstverständnis christlicher rechts-konservativer Politik sind gravierend.
- Die zentrale Grundlage der Strategie von 2002, die Anerkennung der menschlichen Würde, wird kein einziges Mal genannt. Ebenso wenig die Orientierung an Menschenrechen.
- Kein einziges Mal wird die Herrschaft des Rechts («rule of law») genannt.
- Nationalismus wird als zentrale Orientierung benannt, der Schutz der eigenen Interessen steht an erster Stelle.
- Freier Handel wird nur an einer Stelle erwähnt, als so-called «free trade», der Amerika Nachteile gebracht hat.
Von der Werteordnung zur Hegemonie
Auch dieses Strategiepapier hat Prinzipien:
«Präsident Trumps Außenpolitik (…) ist vor allem davon geleitet, was für Amerika funktioniert – oder, in zwei Worten: ‹America First›.»
Inhaltliche Grundlage ist der Wille des Präsidenten. Anstelle der Marktwirtschaft wird amerikanische Hegemonie genannt.
Demokratie spielt eine marginale Rolle. Vor allem international gibt es keine Perspektive zur Förderung der Demokratie.
Wenn man sich beide Texte im Vergleich anschaut, mag zunächst die Frage naheliegen: Warum wurde Bush Jr. in Europa so kritisch gesehen? War die permanente Kritik an Bush auch von kirchlich-theologischer Seite aus heutiger Sicht letztlich übertrieben? Warum erfuhr er sogar Kritik von kirchlich-theologischer Seite?
Die Antwort ist einfach. Vor 25 Jahren galt die Wertebindung der westlichen Welt für viele noch als selbstverständlich. Dass die Regierung Bush so eklatant gegen die eigenen Prinzipien verstiess, war damals Grund genug für eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Politik und ihren christlichen Unterstützern.
Dass Bush aus heutiger Sicht als jemand erscheint, der zumindest für die US-Demokratie keine Gefahr bedeutete, sagt viel über unsere Gegenwart aus.
Die entscheidende Frage
Die Präsidentschaften von Donald Trump kommen nicht aus dem Nichts. Sie sind die Konsequenz einer Jahrzehnte langen Politisierung und Radikalisierung vor allem konservativ-christlicher Kreise. Wer diese politische Entwicklung verstehen will, braucht nicht nur, aber auch mehr Kompetenz in der Einschätzung religiöser Bewegungen und ihrer theologischen Überzeugungen.
Was ist passiert, dass die Evangelikalen in ihrer politischen Überzeugung so homogen geworden sind?
Wie konnte es dazu kommen, dass sie Trump stärker unterstützen als jeden anderen republikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte, auch mehr als den evangelikalen George W. Bush? Das ist die Frage, die es heute aus theologischer Sicht zu stellen gilt.
Darum soll es in dieser Blogreihe gehen: Welche theologischen Entwicklungen haben die Radikalisierung der letzten Jahre vorbereitet? Welche Überzeugungen haben sich vor allem bei evangelikalen Gläubigen durchgesetzt, sodass sie heute eine Politik unterstützen, die selbst aus klassisch republikanischer Sicht als Ausdruck eines moralischen Nihilismus erscheint? Und gibt es Aussichten, dass diese Kreise noch einmal zu einer Selbstkorrektur gelangen?
Ende April erscheint: Christlicher Nationalismus in den USA. Theologische Erkundungen zu Geschichte und Profil einer global einflussreichen Bewegung. Herausgegeben von Thorsten Dietz und Maria Hinsenkamp.
Ein Überblick zu unseren Beiträgen im Umfeld des Buches zum Christlichen Nationalismus findet sich hier bei Fokustheologie.ch.
Thematisch verwandt: der RefLab-Podcast Stammtisch vom 07. November 2024: Donald Trump: Das politische Comeback des Jahres. Mit Thorsten Dietz, Jonas Simmerlein und Luca Zacchei.
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2 Kommentare zu „Vom Evangelikalismus zum Nationalismus?“
Es geht bei diesen Strömungen nicht nur um Nationalismus, sondern auch sehr deutlich um Rassismus: Z.B. wenn Abtreibung abgelehnt wird, mit dem Argument – dass man keine Ausländer braucht, wenn im Land viel mehr eigene christliche Kinder geboren werden.
Mit der Ablehnung von Abtreibung können sich viele Gläubige identifizieren – diese Haltung wird aber dann für Rassismus mißbraucht.
Danke für den Kommentar! Ja, Vertreter des Christlichen Nationalismus kritisieren viele Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung, lehnen Critical Race Theory und postkoloniale Ansätze ab. Und: Mehr oder alle distanzieren sich von einem biologistischen Rassismus, ebenso auch von Antisemitismus. Der Vorwurf, dass diese Leute rassistisch sind, funktioniert nicht ohne Differenzierungen. Sie orientieren sich in der Regel an veralteten Definitionen von Rassismus, nach deren Standards sie als nicht-rassistisch verstehen. Neuere Ansätze sind ihnen nicht bekannt bzw. werden abgelehnt.
Die Verbindung mit dem Thema Abtreibung ist komplex. Tatsächlich ist die sogenannte Lebensrechtsbewegung oft selektiv in der Frage, wessen Leben schützenswert ist. Zugleich sollte man vorsichtig sein, Kritik an Zuwanderung mit Rassismus gleichzusetzen. auch wenn es gute Gründe gibt, ethnopluralistische Ideen für unrealistisch und auch problematisch zu halten. Gerade wenn man Menschen mit problematischen Neigungen noch gewinnen möchte, empfiehlt sich Vorsicht im Umgang mit dem Rassismusbegriff, der zumindest immer erklärt werden müsste.