Mir sind diesen Sommer einige Artikel, Bücher und Podcasts aufgefallen, die die Themen Achtsamkeit und Spiritualität kritisieren. Achtsamkeit sei eine private Praxis oder Spiritualität werde als Mittel zum Selbstverbesserungszweck eingesetzt, hiess es da etwa.
Das hat mich inspiriert, darüber zu reflektieren, was denn der Kern einer gelebten Spiritualität oder einer Achtsamkeitspraxis ist. Denn ihr wisst vielleicht bereits: Ich habe mein Leben genau dieser Praxis gewidmet.
Das ist allerdings kein Entscheid, den ich einmal getroffen habe und seither nie wieder hinterfrage.
Es ist vielmehr eine Entscheidung, die quasi in jedem Moment wieder von Neuem getroffen wird.
Und damit komme ich dem Kern einer gelebten Spiritualität oder eben eines Achtsam Seins schon näher: es handelt sich um eine im Moment erlebte Sache. Es geht um die unmittelbare Nähe zum Strom des Lebens, zur Quelle allen Seins.
Offene Hände – nicht Produktivitätssteigerung
Aus meiner Sicht stellen sich die problematischen Seiten eines Achtsamkeitstrends mit der scham- und skrupellosen Kommerzialisierung ein. Damit, die Praxis und die Ideologie als Instrument oder Mittel zum Zweck einzusetzen.
Wo der Kern einer jeden spirituellen oder mystischen Tradition doch Selbstzweck ist – ich versenke mich in Gott / der Stille, um mich in Gott / der Stille zu versenken. Nichts weiter.
Ich setze mich mit offenen Händen in die Quelle allen Seins, ohne Erwartung, ohne Absicht.
In keiner spirituellen Tradition geht es etwa darum, sich über Trancezustände (ich könnte auch schreiben: vermeintliche oder fake Stille;)) Reichtum zu manifestieren.
In den Yogasutras von Patanjali wird explizit gewarnt davor, sich zu sehr von gewissen übernatürlichen Phänomenen faszinieren zu lassen. «Geh weiter, geh darüber hinaus», schreibt er.
In keiner Tradition geht es darum, die eigene Produktivität zu steigern.
Jesus fordert nicht dazu auf, sich selbst zu verleugnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen (Mk8, 34), um fitter, schöner oder reicher zu werden.
Der Kern einer jeder Spiritualität ist viel radikaler. Und damit eben genau nicht privat.
Widerstand ohne Kampf
Ich verstehe eigentlich mein ganzes Leben letztlich auch als Widerstand. Dabei muss ich nicht in eine Kampfhaltung übertreten oder Verbindungen kappen: Ich unterwerfe mich nicht einem vermeintlich gegebenen Machtgefüge, sondern treffe so autonome und souveräne Entscheidungen wie möglich.
Und zwar nicht aus meinem Kopf, sondern aus meinem Wesen, meiner Seele, Achtsamkeit, Bewusstsein. Nenn es, wie du willst.
Wer sich nicht in erster Linie an Regeln oder Normen orientiert, sondern sich auf ein ehrliches, tiefes Hören auf den Moment einlässt, ist ein Störelement in einer Gesellschaft, die auf Gleichstrom ausgelegt ist.
Jesus als mystischer Revolutionär
Genau das sehe ich das auch in den Erzählungen von Jesus gespiegelt: Da ist jemand, der das Establishment in Frage stellt, nicht immer laut und offensichtlich – und in Beziehung oder Verbindung zu den Menschen bleibt. Und im Moment.
Die Gleichnisse Jesu ergeben sich aus dem, was er gerade vor sich hat. Er blieb auch nicht einfach in der Wüste, sondern begab sich immer wieder zmitzt in die Gesellschaft, war auch mit jenen, die marginalisiert wurden. Kranke, Huren, Arme, Reiche.
Die Nachricht der bedingungslosen Liebe Gottes ist im Kern politisch.
In der Figur Jesus sehe ich einen «mystischen Revolutionär». Jemand, der die bestehende Ordnung, die bestehenden Regeln in Frage stellt.
Jemand, der über das Sichtbare hinaus auf eine unsichtbare, jedoch deutlich spürbare göttliche Ordnung hinweist.
Eine Ordnung, die auf einer Gleichheit basiert.
Gleichheit im Sinne von: Gott liebt alle Wesen gleich, vor Gott sind wir alle gleich. Und wenn ich aus meinem non-dualen Erleben spreche:
Es gibt nichts, was nicht letztlich auch Gott ist.
Wie funktioniert wirksamer Aktivismus?
Das will nicht heissen, dass strukturelle Probleme via spirituellem Bypassing lapidar als «ist ja auch Gott» abgetan werden. Natürlich nicht.
Doch mein Aktivismus für eine bessere Welt oder ein besseres Zusammenleben zwischen den Menschen kann nur wirklich wirksam sein, wenn es im Körper lebendig ist.
Ansonsten sind es meine eigenen, internalisierten Geschichten von Ungerechtigkeit, die am Werk sind und sich unschuldig und unbemerkt weitervermehren.
Damit sind wir wieder beim Anfang: Die Praxis der Achtsamkeit oder anders gesagt, die Bereitschaft, die eigene Konditionierung und Kopfgeschichten immer und immer wieder zu hinterfragen und durchschauen, IST das Fundament eines nachhaltigen und wirksamen Aktivismus.
Doch wenig, was auf dem Markt angeboten wird, hält Menschen wirklich an dieses Level von Verantwortung und Bereitschaft. Das meiste ist weichgespülte Wohlfühlspiritualität. Was mit dem Eigentlichen herzlich wenig zu tun hat.
Spiritualität hat nichts mit Ego-Wünschen zu tun
Das finde ich schade, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass es inzwischen einige moderne Mystiker*innen gibt, die in ihrer Stille, in ihrer Achtsamkeit Widerstand leisten. Wie sichtbar oder öffentlich dieser Widerstand ist, ist, glaube ich, nicht ausschlaggebend.
Wichtiger ist, wie ehrlich er ist.
Lasse ich mich wirklich vom Heiligen Geist, wenn wir jenen Ausdruck aus der Schublade nehmen wollen, leiten?
Verkörpere ich diese Qualität – oder will ich heimlich doch lieber meine eigenen Pläne durchboxen? Und wenn wir zutiefst ehrlich sind mit uns, ist die Antwort wohl: In manchen Momenten ja, in anderen sind mir meine eigenen (Ego-)Absichten wichtiger.
Und das ist OK. Solange ich mir selbst nichts vormache… und selbst dann.
Doch ich hoffe, es wird deutlich:
Spiritualität ist kein Instrument, das Produktivität steigert.
Spiritualität ist auch Selbstzweck
Ist nicht ein Instrument, um die Wünsche eines Ego zu erfüllen. Spiritualität ist kein Stressmanagmenttool.
Es geht nicht darum, nur noch gleichmütig lächelnd durch die Welt zu schweben. Im Gegenteil.
Letztlich ist es ein Selbstzweck, ein derart präsent Sein, mit dem was ist – ebe in der Welt – dass der Geist mich leitet darin, wie meine Existenz im konkreten Moment Widerstand und Kritik an geltenden Normen ist.
Das kann von einem Ruhen als Widerstand gegen das kollektive Narrativ von «ich habe keine Zeit» reichen, jemandem helfen, etwas vom Boden aufzuheben, bis zu Meditieren als Widerstand gegen den internalisierten Zwang von «ich muss etwas tun».
Politisches Engagement ist nicht nur Unterschriften für Initiativen sammeln, sondern beginnt bei jeder einzelnen Handlung unseres Lebens.
Vielleicht ist es das, worauf Zwingli hingewiesen hat mit seinen Worten
«Tut um Gottes Willen etwas Tapferes».
Leela Sutter hostet den RefLab-Podcast «Holy Embodied», wo sie kürzlich mit Sarah Staub über Ambiguitätstoleranz und Klimascham gesprochen hat.
Foto von Alex Avalos auf Unsplash
Ressourcen / weiterführende Links:
https://www.woz.ch/2625/achtsamkeit/weltvergessen-im-bewusstseinsbunker/!2DNPFKE1Z445





