Die Vegi-Annahme unter Spirituellen
Das Thema oder die Frage taucht immer wieder mal auf. Spätestens bei spätsommerlichen Grilladen fällt irgendwann der Kommentar: «Ah was Leela, du bist nicht Vegi?!»
Nein, bin ich nicht.
Diese Annahme, wenn nicht Dogma, ist weit verbreitet.
Als spiritueller Mensch, als achtsame Person, darfst du dich bloss pflanzlich ernähren. Alles andere ist unhaltbar.
Darüber habe ich mit Patrick einige Male gesprochen, z.B. hier: über den Weihnachtsbraten – oder hier: über die Konsequenzen einer verkörperten Spiritualität oder hier: über unser Handeln in der Welt.
Und seine Antwort oder Haltung war klar: Ja, ich muss mich einschränken für ein grösseres Gut. Ähnlich argumentiert ein Yogalehrerkollege von mir:
Als Yogi darfst du nicht Fleisch essen, weil es gegen das erste der so genannten Yamas verstösst. Gegen das Gebot von Ahimsa, «schaffe kein Leiden».
Das Gebot Ahimsa – was heisst das wirklich?
Doch was heisst Ahimsa wirklich?
Ich sehe das Thema etwas anders, aus einer etwas weiteren Perspektive. Ich verstehe die Argumente gut, kann mental und intellektuell nachvollziehen, warum wir Tiere essen mit «mehr Leid» gleichsetzen.
Die Realität, zumindest so wie ich sie kennengelernt habe und kenne, funktioniert jedoch nicht in solch simplen Gleichungen.
Die Realität ist viel wilder und unberechenbarer, eben nicht A plus B gleich C. Sondern ein für mein Ich unkontrollierbarer und unvorhersehbarer Mix.
Wenn der Körper Rüebli will
Wo ich persönlich mich auf meinen Körper als Kompass verlasse, mich über die Aufmerksamkeit im Körper leiten lasse. Der meldet lustigerweise regelmässig:
Ein Rüebli, bitte.
Oder plötzlich will sich der Körper bewegen, manchmal sehr fein, manchmal aber auch in der Form einer mehrtägigen, hochalpinen Wanderung.
Manchmal ist das Signal aus dem Körper, dass es jetzt ein kurzes Nickerchen braucht. Jedes Mal ist das für mich auch ein bisschen überraschend, weil «ich» so wenig damit zu tun habe.
Weil es so ein unmittelbares Signal aus dem Körper ist. Was sich sehr lebendig, sehr freudvoll anfühlt.
Und ja, gerade letzthin wieder hat mich eine Kollegin darauf hingewiesen, dass das Empfinden im Körper gar nicht so pur sei – sondern durchaus eingefärbt sei. Von Konditionierungen, Prägungen, sozialen Erwartungen etc.
Ja, das stimmt.
Und gleichzeitig ist es durchaus möglich, die pure Aufmerksamkeit zu «trainieren» oder sich einfach so vertraut damit zu machen, dass wir nadisna riechen können, ob das jetzt ein echter / wahrer Impuls ist, oder nicht.
Nicht von heute auf morgen, aber mit etwas Hingabe und Geduld.
Ahimsa wird lebendig statt dogmatisch
Und dann wird es spannend, findi. Dann wird das Konzept von Ahimsa nämlich super lebendig:
kein abstraktes ideologisches Dogma, sondern ein alltägliches Erleben. Simpel.
Und dann geht es nicht (bloss) um das Leiden der andern, sondern um das Hier und Jetzt, in meinem Körper. In diesem Moment, leide ich ein bisschen?
Weil ich etwa Durst habe, aber nicht trinke? Oder weil ich mich nach Ruhe sehne, aber sie mir nicht gönne?
Oder ebe au: Weil mein Körper eigentlich nach Wienerli schreit, ich sie ihm aber verweigere?
Was dabei oftmals missverstanden wird: Dieses auf den Körper hören ist nicht beschränkt auf bloss mich. Es stimmt nicht, dass mein eigenes Wohlbefinden nur für mich toll ist, aber niemand sonst etwas davon hat.
Das erlebe ich so ganz anders:
Mein Licht ist das Licht der Welt
Das Nicht-Leiden oder die Freude eines Wesen schlägt Wellen in die Welt. Mein Licht ist das Licht der Welt – oder wie Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt.
Das Licht, die Erfüllung, die in meinem Herzen leuchtet, steckt an, wird von anderen «Fünkli» genährt, nährt andere.
Und so bleibt das «auf den eigenen Körper hören» eben nicht beim Individuum stehen. Sondern schliesst auch das Wohl des Söilis mit ein, das für mein Wienerli stirbt.
Auf eine Art und Weise, die ich mit meinem Verstand oder auch mit meiner Aufmerksamkeit nicht bis ins Letzte verstehen kann.
Antworten im Körper suchen
Vielleicht etwas kitschig kommen mir da Mahatma Ghandis berühmte Worte in den Sinn – «Be the change you want to see in the world»,
«Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest».
Denn die Frage ist nicht bloss, ob ich ein schlechter Mensch bin, wenn ich Fleisch esse, sondern sie wird viel weiter.
Und landet für mich beim Liebesgebot: Liebe dich selbst wie deinen Nächsten und Gott.
Die Frage ist dann: Wie gehe ich mit mir selbst um, wie gehe ich mit meinen Nächsten um – und wie gehe ich mit Gott um.
Darauf habe ich persönlich keine abschliessenden Antworten, sondern finde die quasi in jedem Moment neu.
Über den Körper.
Leela Sutter hostet unter anderem auch den RefLab-Podcast «Holy Embodied», wo sie kürzlich mit Sarah Staub über das Vertrauen in instabilen Zeiten gesprochen hat.







