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 Lesedauer: 8 Minuten

James Talarico – Christ, Texaner und Demokrat

Texas. Der Lone Star State. Schon der Name löst farbige innere Diashows aus: Cowboyhüte und Stiefel, kakteenübersäte Wüsten, BBQ, Waffen, erzkonservative Regionen. Und ein charismatisches Christentum mit nicht nur amerikanischem, sondern ganz besonders texanischem Geschmack.

Inmitten dieses zutiefst republikanischen Staates kandidiert ein junger, weisser, progressiver und offen christlicher Demokrat für den US-Senat.

Er könnte eine 40-jährige, ununterbrochene republikanische Vertretung des flächen- und bevölkerungsmässig zweitgrössten US-Bundesstaates beenden.

Seine Chancen stehen nicht schlecht.

Aber wer ist James Talarico?

James Talarico kam 1989 in Texas zur Welt. Nach der Schule liess er sich zum Lehrer ausbilden und trat eine Stelle in einem Vorort von San Antonio an. Um an den schlechten Bedingungen im Schulwesen etwas zu ändern, kandidierte er für ein öffentliches Amt. 2018, mit erst 29 Jahren, gewann er einen umkämpften Sitz und zog ins texanische Repräsentantenhaus ein.

Schon das war beeindruckend. Einen texanischen Senatssitz in Washington zu «flippen», wäre aber ein absolutes Phänomen.

Dass dies überhaupt plausibel erscheint, hat weniger mit den Inhalten seiner Politik zu tun als damit, wie er sie begründet und präsentiert.

Politik aus dem Glauben

Talarico betreibt eine Politik mit einem moralischen Fundament, das ausdrücklich im Christentum verwurzelt ist. Sein Glaube ist nicht ein Aspekt unter vielen, er untermauert jede seiner politischen Entscheidungen. Fast jede Antwort auf seiner Wahlkampftour endet mit einem Bibelzitat oder einer Erläuterung, wie das Gesagte in seinem Christsein gründet.

Mit christlichen Motiven Wahlkampf zu machen, ist in Amerika keine Seltenheit, meist aber eine konservativ-republikanische Strategie. Talarico dagegen wird innerhalb seiner Partei links der Mitte verortet. Die meisten seiner Haltungen entsprechen der Parteilinie: Er will die Gesundheitsversorgung «Obamacare» sichern und Reiche stärker besteuern.

Zudem unterstützt er die gleichgeschlechtliche Ehe und das Recht auf Abtreibung.

In Diskussionen wirkt Talarico weniger polarisierend als andere Vertreter seiner Partei. Mit theologischen Gegenpositionen konfrontiert, geht er würdigend auf sie ein. Inhaltlich aber ist er grundsätzlich ein Demokrat wie jeder andere.

Die christlich begründeten Haltungen, die mit der demokratischen Parteilinie übereinstimmen, machen ihn in den Augen konservativer Christen zu einem Wolf im Schafspelz.

Die Hirten fürchten sich

Dass Talarico für konservative Christen nicht wählbar ist, überrascht wenig, schon nur wegen seiner Haltungen zu gleichgeschlechtlicher Ehe und Abtreibung. Für sie ist er aber nicht bloss ein Demokrat, der zu einer anderen Welt gehört. Er ist etwas viel Schlimmeres: ein falscher Lehrer, ein Agent des Dunkels, der sich in Licht kleidet, ein Verführer der Herde Gottes.

Gerade sein offenes Christsein bringt ihm Kritik von christlicher Seite ein. Für den grössten Aufruhr sorgen theologische Aussagen aus seiner bisherigen Karriere: Gott sei nonbinär. Alle Religionen der Liebe führten auf eigenen Wegen zu Gott, nicht nur die christliche. Das Recht auf Abtreibung lasse sich biblisch daraus ableiten, dass Maria einwilligen musste, bevor sie Jesus vom Heiligen Geist empfing. Bibelunterricht an öffentlichen Schulen sei falsch, weil Kinder noch nicht selbstständig denken könnten. Und die Trennung von Staat und Kirche sei ein heiliges Gut.

Was Talaricos Besonderheit auszeichnet, sind aber nicht seine Positionen das. Entscheidend ist, was seine Art Politik zu machen, in Menschen auslöst.

Dazu später mehr.

Trotzdem warnen die Pastoren der evangelikalen Megakirchen in Texas ihre Gemeinden wegen dieser Äusserungen vehement vor Talarico. Sie fürchten, er könnte Christ:innen tatsächlich überzeugen, weil er ihnen «vorgaukle», selbst Christ zu sein. Aber ist diese Angst gerechtfertigt?

Wer wählt Talarico?

Grösstenteils nicht. Laut Umfragen wollen immer noch 78 % der weissen Evangelikalen in den Texas republikanisch wählen, nur 21 % erwägen, Talarico anzukreuzen. Unter Christen sind es eher lose gebundene Katholiken, die ihm zuneigen. Registrierte Demokrat:innen wählen ihn, wie sie jeden anderen demokratischen Kandidaten wählen würden.

Wer also ermöglicht es Talarico, ausgerechnet im republikanischen Texas drei Punkte vor seinem Gegner zu liegen?

Es sind junge Menschen, Moderate und «Independents», die sich bewusst keiner der beiden Parteien zuordnen. Laut der University of Houston kommt er bei den Independents auf 60 %, sein Gegner auf 32 %. Bei YouGov wählen ihn 69 % der 18- bis 29-Jährigen und 62 % der 30- bis 44-Jährigen, nur bei den über 65-Jährigen liegt der Republikaner mit 55 % vorne.

Besonders auffällig: Eine der Gruppen, die am stärksten von ihm fasziniert sind, sind junge progressive Atheist:innen und Agnostiker:innen. In den Kommentarspalten unter Videos mit ihm liest man oft Sätze wie «Ich bin zwar nicht religiös, aber diesen Talarico finde ich klasse!» oder «Wenn alle Christen wie Talarico wären, hätte ich weniger Mühe mit dieser Religion.» Ein Kommentar unter der Podcast-Episode von Ezra Klein (New York Times) mit Talarico bringt es auf den Punkt:

«Es ist, als hätten sie in einem Labor einen Christen entworfen, der für progressive Atheisten maximal zugänglich sein soll … Klingt zu gut, um wahr zu sein, aber ich bin trotzdem voll dabei.»

Moralisch, ohne zu moralisieren

Warum fasziniert Talarico also gerade auch Menschen, die nicht religiös sind? Das hat mit Säkularisierung, Moral und Hoffnung zu tun.

Er bietet eine Politik, die zutiefst moralisch ist, aber nicht moralisiert. Er wirkt kritisch und zugleich getragen, realistisch und zugleich hoffnungsvoll. Damit spricht er ein vergessenes Bedürfnis vieler Menschen an: das Leben auf tiefe moralische Prinzipien zu gründen, die grösser sind als man selbst.

Angesichts eines Glaubens, der im Transzendenten gründet und aus dem eine politisch relevante Moral erwächst, werden billige Zugehörigkeitsmarker und kulturkämpferische Schlagworte als oberflächliche, sinnentleerte Hülsen entlarvt.

Viele junge Menschen sind ohne christliches Umfeld aufgewachsen und haben eine Art kulturellen Agnostizismus übernommen. Dieser lässt eine Vakuum von Fragen offen: Worauf gründe ich mein Leben? Woran messe ich, was gut und richtig ist, wenn nichts Grösseres mich trägt? Talarico scheint diese Lücke auf überzeugende Art zu füllen, ohne den Ballast, den viele mit dem Christentum verbinden.

Ein Austausch zwischen Ezra Klein und Talarico bespricht genau diese Lücke in der politischen Kultur:

Ezra: «Ich glaube, dein Erfolg […] zeigt, dass die Menschen […] hungrig sind nach mehr moralischer Führung, auch von politischen Führungspersonen. […] Wenn ich alte politische Schriften lese, fällt mir auf, wie nah die Sprache der Moral, der Spiritualität und des Gemeinwesens den Menschen auf allen Seiten der Debatten war. So reden wir heute nicht mehr.»

Talarico: «Ja. Ich meine, Menschen wie Abraham Lincoln oder Martin Luther King Jr. haben ihre Politik auf ein moralisches Fundament gestellt, das oft ausdrücklich im Glauben verwurzelt war. Und das verändert alles, denn deine Politik sollte aus dieser Moral herauswachsen. Es gibt hier eine Reihenfolge. Und ich habe das Gefühl, darunter leiden wir heute: Die Leute fangen mit ihrer Politik an und versuchen dann, die Moral obendrauf zu setzen, oder? Dabei sollte es umgekehrt sein. Wer sind wir als Menschen? Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Wie sollen wir leben? Daraus sollte die Politik wachsen.»

Genau das Behandeln dieses Vakuums von Fragen erklärt auch, warum er bei konservativen Christen auf Ablehnung stösst:

Sie haben sich auf die Fragen nach Rechtfertigung, Zugehörigkeit und Richtig und Falsch längst Antworten zurechtgelegt, und Talarico stellt diese infrage.

Ein Glaube, der aus dem Vertrauen lebt, getragen zu sein, und zugleich an den moralischen Ansprüchen Jesu festhält, wirkt wenig attraktiv, wenn man Gutsein vor allem an der richtigen Zugehörigkeit und am Einhalten der richtigen Regeln und Glaubenssätze festmacht. Wer das Vakuum noch spürt, hört ihm zu. Wer es anders gefüllt hat, sieht in ihm eine Bedrohung.

Talarico antwortet darauf nicht mit Feindschaft, sondern plädiert für eine Politik der Liebe. Er grenzt sich immer wieder, manchmal auch vehement, vom rechten Christentum ab, nennt dessen Vertreter:innen aber stets Brüder und Schwestern im Leib Christi. Er kämpft für die Trennung von Staat und Kirche und zugleich für eine spirituell verwurzelte Politik, für Wurzeln, die tiefer reichen als Parteilichkeit.

Teil einer grösseren Geschichte

Am stärksten aber prägt Vertrauen seine Sprache und seine Ausstrahlung. Vertrauen in den Nächsten, vor allem aber ein tiefes Vertrauen in Gott. Aus diesem Vertrauen wächst eine Hoffnung, die man spüren kann, die ansteckt und fasziniert.

Ob er am 3. November tatsächlich Senator wird, ist offen. Und selbst wenn: Ob er diese Ruhe, Überzeugung und Resilienz in Washington bewahren kann oder ob auch er den Sumpf der Hauptstadt nicht unbeschadet übersteht, wird sich erst zeigen. Talarico selbst scheint das gelassen zu sehen:

«Wenn wir unser Vertrauen in unsere Nächsten setzen, in unsere gemeinsame Fähigkeit, etwas zu verändern, dann wird sich das eines Tages auszahlen. Vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht am 3. November, vielleicht nicht zu unseren Lebzeiten. Aber Glauben heisst, in einer grösseren Geschichte zu leben. Eines Tages werden wir gewinnen.»

Hierin liegt seine Faszination. Talarico zeigt, was es heisst, in der Überzeugung zu leben, Teil einer grösseren Geschichte zu sein, die auf ein gutes Ende zugeht. Es wäre wünschenswert, dass diese Haltung den politischen Stil der Zukunft prägt. Ob der 3. November dafür den Auftakt bildet, ist offen. Vielleicht ist es ja wirklich Teil einer grösseren Geschichte.

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