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 Lesedauer: 6 Minuten

What the hell (4): Höllenfahrt Christi – Mythos oder Revolution?

Ich habe den Eindruck: Die meisten Menschen stellen sich Gott dort vor, wo das Leben gelingt: im Licht, in der Schönheit, im Guten, in der Liebe, in der Naturidylle. Die christliche Tradition behauptet jedoch etwas viel Radikaleres. Sie erzählt von einem Gott, der sogar in die Hölle hinabsteigt. Wenn das stimmt, verändert das nicht nur unser Gottesbild – sondern unsere gesamte Wirklichkeit.

Wo würden wir Gott vermuten?

Wenn Menschen das Wort «Gott» hören, entstehen erstaunlich ähnliche Bilder. Ob religiös oder nicht: Gott steht oftmals für das Höchste. Für Vollkommenheit. Für Licht. Für Wahrheit. Für Schönheit. Für das, was über allem steht. Selbst Menschen, die nicht an Gott glauben, würden wahrscheinlich zustimmen:

Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste er größer sein als wir, stärker, heiliger, unberührbarer.

So haben Menschen Gott seit Jahrtausenden gedacht. Für Platon war das Göttliche mit dem Guten, Wahren und Schönen verbunden. Aristoteles sprach vom «unbewegten Beweger», den Thomas von Aquin später mit dem christlichen Gottesglauben verknüpfte: Gott als der vollkommene Ursprung allen Seins, selbst unbewegt und unveränderlich. Und Anselm von Canterbury definierte Gott als «das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann» – als die denkbar höchste Vollkommenheit.

Das befremdliche Kreuz

Auch viele moderne Formen von Spiritualität folgen diesem Grundmuster. Menschen suchen das Göttliche in der Stille einer Meditation, im Schweigen eines Zen-Retreats, in der Weite der Berge, beim Sonnenaufgang am Meer oder in jenem Frieden, der sich manchmal mitten in der Natur einstellt.

Transzendenz erscheint dort, wo das Leben heil, harmonisch und schön wirkt.

So unterschiedlich diese Entwürfe auch sind, sie weisen alle in dieselbe Richtung: ins Erhabene, ins Gelungene, ins Reine, ins Licht – auch wenn die Vorstellungen davon, was jeweils «erhaben», «gelungen» oder «rein» ist, durchaus auseinandergehen.

Vielleicht wirkt das Kreuz Jesu Christi deshalb bis heute so befremdlich. Und ich finde: Selbst im Christentum wird es oft entschärft, indem man es letztlich doch wieder als verborgene Geste göttlicher Erhabenheit deutet. Dabei behauptet es das Gegenteil: Gott offenbart sich nicht zuerst im Erhabenen, nicht im Gelungenen und nicht im Reinen, sondern «unten» – ganz «unten».

Tiefer geht es nicht

Das Apostolische Glaubensbekenntnis – eine der ältesten und bis heute weltweit gesprochenen Zusammenfassungen des christlichen Glaubens – fasst das Leben Jesu in wenigen Sätzen zusammen. Bemerkenswert ist dabei, wie wenig erklärt wird. Jesus wird geboren. Er leidet. Er stirbt. Er wird begraben.

Und dann folgt ausgerechnet dieser Satz: «Hinabgestiegen in das Reich des Todes.» Oder wie ältere Übersetzungen sagen: «Hinabgefahren zur Hölle.» Gerade das überrascht. Das Glaubensbekenntnis verliert kein Wort darüber, wie das Kreuz erlöst. Es entwickelt keine Opfertheorie, sondern beschreibt stattdessen eine Bewegung: immer weiter nach unten.

Von Gott zu den Menschen. Vom Leben in den Tod. Und schließlich bis an den tiefsten Ort menschlicher Wirklichkeit.

Die ersten Christen wollten mit der «Höllenfahrt Christi» keine Landkarte des Jenseits entwerfen. Sie wollten etwas über Gott sagen. Wenn Christus bis in die äußerste Gottverlassenheit hinabsteigt, dann gibt es keinen Ort mehr, an dem Gott sich zu schade wäre, gegenwärtig zu sein.

Mein Lieblingsparadox

Der Schrei Jesu am Kreuz gehört zu den verstörendsten Sätzen der Bibel: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Wie auch immer man diesen Satz theologisch deutet – als bewusstes Zitat aus Psalm 22 oder als Ausdruck einer realen Erfahrung der Gottverlassenheit –, in der Sache bringt er auf den Punkt, was eine Kreuzigung bedeutet: Fluch und Gottverlassenheit. Wer am Kreuz hing, starb nicht nur einen grausamen Tod. Er starb als Verfluchter.

So und jetzt kommt das, was ich am christlichen Glauben so genial finde, obwohl (oder weil?) es so paradox ist: Christen behaupten erstens: in Jesus Christus offenbart sich Gott, das heißt er zeigt sein Wesen, seine Eigenart, seinen Charakter. Das impliziert zweitens, dass sich Gott irgendwie auch am Kreuz offenbaren muss, wenn er sich in Christus offenbaren soll. Und das führt zu drittens, dass sich Gott folglich in der Gottverlassenheit eines sterbenden Menschen offenbart.

Christen behaupten also etwas ungeheuerliches: Ausgerechnet in einem Gottverlassenen zeigt Gott sein wahres Gesicht.

Nicht trotz dieses Schreis, sondern durch ihn.

Mein Gott warum?

Gott offenbart sich also in etwas, was maximal weit entfernt ist von allem, was man für gewöhnlich als «heilig» bezeichnen würde: im Schmerzensschrei eines sterbenden Menschen, der an einem römischen Folterinstrument hängt.

Gott offenbart sich nicht als der Unberührbare. Sondern als der, der sich berühren lässt. Nicht als der Ferne, sondern als der Mit-Leidende.

Das verändert alles. Denn plötzlich ist Gott nicht mehr nur dort, wo Menschen glücklich sind. Das Göttliche ist nicht nur bei demjenigen, der gerade friedvoll meditiert. Gott ist nicht nur dort, wo Gebete erhört werden oder wo alles heil erscheint.

Das Göttliche ist auch dort, wo Beziehungen zerbrechen. Wo Depression jede Hoffnung verschluckt. Wo Menschen Gewalt erleben. Wo Schuld das Leben zu ersticken scheint. Wo einer schreit: «Warum?» Jede Schmerz wird zu einer Resonanz des göttlichen Schmerzes, der sich am Kreuz in den Worten Jesu ausdrückt: «Warum hast du mich verlassen?»

Kein Ort ohne Gott

Wenn Gott selbst bis in die tiefste Verlassenheit geht, verliert diese Verlassenheit ihren absoluten Charakter. Natürlich fühlen Menschen sich verlassen. Natürlich erleben wir Einsamkeit, Angst und Hoffnungslosigkeit. Aber die Höllenfahrt Christi behauptet: Es gibt keinen Ort, an dem Gott erst noch ankommen müsste, weil er bereits da ist.

Die Höllenfahrt Christi ist deshalb weit mehr als ein überkommener Mythos. Ja, sie ist ein Mythos – nicht im Sinn einer erfundenen Geschichte, sondern als ein Bild, das eine tiefere Wahrheit erschließt. Gerade deshalb hat sie bis heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren. Denn sie behauptet etwas Unerhörtes:

Wenn Gott in Christus selbst bis in die tiefste Verlassenheit hinabsteigt, dann kann das Göttliche nicht mehr als Gegenpol zum Dunklen gedacht werden.

Gott umfasst sogar das, was wir für gottfern, unrein, dunkel oder endgültig verloren halten.

Das verändert nicht nur unser Gottesbild. Es verändert unseren Blick auf die Welt. Wer Gott auch im Ort der Dunkelheit sucht, wird ihn vielleicht auch im Fremden entdecken, im politischen Gegner oder im eigenen Leid.

Martin Thoms ist Theologe und Autor aus Bochum. In seinem neuen Buch «Zur Hölle mit der Hölle!» setzt er sich mit den großen Hoffnungsbildern des christlichen Glaubens auseinander – von Gericht und Fegefeuer über Himmel und Hölle bis hin zur Frage, ob Gottes Liebe wirklich grenzenlos ist. Dieser Blogbeitrag greift Gedanken aus dem Buch auf. Darüber hinaus bietet Martin regelmäßig Onlinekurse zu Glaubens- und Lebensthemen an.

Im RefLab: «Keine Angst vor der Hölle» von Evelyne Baumberger; «Es gibt keine Hölle» von «Ausgeglaubt».

Foto von Duncan Sanchez auf Unsplash

 

 

 

 

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