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 Lesedauer: 5 Minuten

What the hell (2): Warum wir den Himmel höllischer denken müssen

Warum zieht uns die Hölle an – und warum lässt uns der Himmel kalt? Was wäre, wenn der Himmel erst spannend wird, wenn wir ihn höllischer denken? Und was, wenn das Göttliche nicht statisch ist, sondern pulsierend, leiblich und voller Überraschung?

Was macht die Hölle so reizvoll?

Die Hölle hat in unserer Kultur einen überraschenden Glamour. Sie ist der Ort, an dem das Verbotene leuchtet, das Gefährliche lockt und das Normale endlich einmal aussetzt. Für die Eissorte Magnum wurde mit den «Todsünden» geworben, Modeketten inszenieren «Sünde» als Lifestyle, und der Spruch «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin» hängt in WG-Küchen wie ein ironisches Freiheitsmanifest.

Die Hölle ist der Raum, in dem man nicht angepasst sein muss, sondern lebendig, wild und unvernünftig sein darf.

Höllisch gut? Avaritia: Geiz, Ira: Zorn, Luxuria: Wollust, Acedia: Faulheit, Gula: Völlerei, Invidia: Neid, Superbia: Hochmut. Quelle: Online

Die Popkultur spielt seit Jahrzehnten mit der Hölle – zuletzt besonders erfolgreich in der Netflix-Serie «Lucifer», in der der Teufel nicht als Schreckfigur erscheint, sondern als charismatischer, witziger, zutiefst menschlicher Antiheld.

Und auch die Kunstgeschichte malt die Hölle in faszinierenden Bildern: Hieronymus Bosch beispielsweise zeigt sie als wimmelnde, groteske Welt, in der man sich kaum sattsehen kann.

Die Hölle ist ein Ort der Intensität – und Intensität ist attraktiv.

Die Hölle reizt, weil sie für Abenteuerlust, Erotik, Rebellion und Drama steht. Sie ist das Setting für Geschichten, die knistern. Wer wünscht sich kein Leben voller Leidenschaft und Genuss? Wer sehnt sich nicht nach Momenten, in denen man aus der Rolle fallen darf? Wer träumt nicht manchmal davon, Grenzen zu überschreiten, statt brav auf der Wolke zu sitzen?

Was macht den Himmel so langweilig?

Der Himmel ist hingegen der Ort der Ruhe und des Friedens – aber eben auch ohne Risiko und Abenteuer. Oft ist er entleiblicht und wolkig: ein Ort, in dem Engel Harfe spielen, lächeln und sich nicht streiten. Kein Drehbuchautor könnte aus dieser monotonen Harmonie einen Blockbuster machen. Das zeigt sich schon daran, dass der Himmel in Filmen fast nie die Hauptrolle bekommt: Während Serien wie «Lucifer» oder «The Sandman» die Hölle oder das Chaos ins Zentrum stellen, bleibt der Himmel meist eine blasse Kulisse, ein Ort für Nebenfiguren, die kaum Handlung erzeugen.

Auch die Werbung weiss, wie schwer der Himmel zu inszenieren ist. «Himmlisch» bedeutet dort meist: weich, cremig, sanft. Es ist ein ästhetisches Versprechen von Komfort, nicht von Intensität.

Kein Wunder, dass Marken lieber mit «Sünde» werben als mit «Himmel»: Sünde verkauft sich aufregender.

Der Himmel ist langweilig, weil er kulturell als Ort ohne Konflikt, ohne Körperlichkeit und ohne Überraschung inszeniert wird – ein Raum der ewigen Harmonie, in dem nichts mehr geschieht.

Wer möchte schon in einer Welt leben, in der jede Spannung verschwunden ist? Wer sehnt sich nach einem Ort, an dem weder Leidenschaft noch Widerspruch vorkommen? Wer träumt von einer Ewigkeit, die sich anfühlt wie ein endloser Werbespot voller Wattewolken und Harfenklänge?

Sooo langweilig! Foto: Monstera Production auf Pexels.

Warum wir den Himmel höllischer denken müssen

Ich glaube: Wir müssen den Himmel höllischer denken. Damit meine ich nicht, dass der Himmel ein Ort der Qual sein soll – so wie die Hölle in der Geschichte meist dargestellt wurde. Sondern dass er, im Licht der gegenwärtigen Popkultur, als Ort der Intensität, der Leidenschaft und der Überraschung gedacht werden muss. Und das setzt voraus, dass er leiblich gedacht wird.

Denn wie soll man sich umarmen, küssen, Wein trinken, Gras unter den Füßen spüren oder Klänge wahrnehmen, wenn man keinen Leib hat? Wir sind nichts ohne unseren Leib! Ein entleiblichter Himmel wäre ein Ort ohne Geschmack und ohne Klang.

Eine Ewigkeit ohne Sinnlichkeit wäre keine Vollendung, sondern eine Verflachung.

Und wenn der Himmel das ewig Gleiche wäre, dann wäre er nicht paradiesisch, sondern monoton. Vielleicht müssen wir den Himmel deshalb als den Ort denken, an dem das Leben nicht endet, sondern intensiver wird. Ein Ort, an dem Überraschung möglich bleibt.

Ein Himmel, der nicht langweilig ist, weil er zu perfekt ist, sondern schön, weil er lebendig bleibt.

Und das setzt voraus, dass wir auch Gott – oder das Göttliche – anders denken: nicht als ein ewig gleiches, statisches Sein, das leiblos, leidenschaftslos und unveränderlich durch die Ewigkeit schwebt, sondern als ein leidenschaftliches Pulsieren voller Neuheit und Abenteuer: hochgradig dynamisch, lebendig und selbst von Überraschung durchdrungen.

Martin Thoms ist Theologe und Autor aus Bochum. In seinem neuen Buch «Zur Hölle mit der Hölle!» setzt er sich mit den großen Hoffnungsbildern des christlichen Glaubens auseinander – von Gericht und Fegefeuer über Himmel und Hölle bis hin zur Frage, ob Gottes Liebe wirklich grenzenlos ist. Dieser Blogbeitrag greift Gedanken aus dem Buch auf. Darüber hinaus bietet Martin regelmäßig Onlinekurse zu Glaubens- und Lebensthemen an, unter anderem ab dem 6. Oktober zum Thema Himmel und Hölle sowie ab dem 8. Oktober zur Kreuzestheologie.

Im RefLab: «Keine Angst vor der Hölle» von Evelyne Baumberger; «Es gibt keine Hölle» von «Ausgeglaubt».

Foto von Gerardo Monatinos auf Unsplash

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