Kaum eine Idee hat unsere Kultur so geprägt wie die Hölle – von Dantes Inferno über mittelalterliche Fresken voller Folterszenen bis zu modernen Endzeitfilmen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Diese Bilder stammen weniger aus der Bibel als aus Jahrtausenden von politischen Krisen, sozialen Machtkämpfen und kulturellen Fantasien über Schuld und Strafe.
Die Geschichte der Hölle erzählt deshalb vor allem etwas über uns – und erstaunlich wenig über das, was wir Gott nennen.
Das älteste Jenseitsbild der Weltgeschichte
Die Vorstellung, dass es nach dem Tod weitergeht, ist älter als jede Religion, die wir heute kennen. Lange bevor Menschen von Himmel und Hölle sprachen, suchten sie nach Bildern, um das Unfassbare zu ordnen: den Tod, das Sterben, das Verschwinden eines geliebten Menschen.
In den frühesten Kulturen taucht deshalb kein Ort der Strafe auf, sondern ein Ort der Schatten.
Bereits im dritten Jahrtausend vor Christus begegnet uns dieses Motiv: ein blasser, dämmeriger Raum, in dem die Toten weiterexistieren – weder glücklich noch qualvoll, sondern einfach jenseits der Grenze des Sichtbaren. Gerechte und Ungerechte teilen denselben Ort, denselben Zustand, denselben Schlaf.
Vom Schattenreich zum Gerichtsort
Erst in späteren Kulturen beginnt sich der Schattenraum zu verändern. Besonders eindrücklich zeigt das das alte Ägypten: Dort wird das Jenseits plötzlich moralisch aufgeladen. Der Verstorbene tritt vor das Gericht des Osiris, wo sein Herz gewogen und sein Leben geprüft wird. In den sogenannten «Negativbekenntnissen» zählt er auf, was er nicht getan hat – keine Sklaven misshandelt, niemanden hungern lassen, keine Grabbeigaben gestohlen.
Zum ersten Mal wird das Jenseits zu einem Ort, an dem sich Menschen für ihr Handeln verantworten müssen.
Wer besteht, darf in das Reich des Osiris eintreten. Wer durchfällt, erleidet den «zweiten Tod» – er kommt an einen Ort der masslosen Folter, an dem er gekocht, verspeist und zerrissen wird. Dabei bleibt jedoch noch offen, ob diese Qualen ewig andauern.
Hier zeigt sich ein entscheidender Wandel: Das Jenseits wird moralisiert und dient nicht mehr nur dazu, den Tod zu erklären, sondern das Leben zu ordnen.
Die göttliche Justiz vollendet, was der irdischen Gerichtsbarkeit entgangen ist. Dabei lässt sich trotz aller grausamen Motive eine egalitäre Stossrichtung feststellen, denn auch der Pharao muss sich – wie die «einfachen Leute» auch – vor dem Gericht verantworten.
Griechische Mythen und römische Moral
Auch im griechisch‑römischen Denken wird das Jenseits zunehmend moralisiert. Zwar kennen die Griechen den Hades als Reich der Schatten, an dem erst einmal alle Menschen sein werden, egal was sie getan heben. Doch wer die Götter herausfordert oder schwere Tabus bricht, wird exemplarisch bestraft.
Sisyphos wälzt seinen Stein endlos den Berg hinauf und Prometheus’ Leber wächst jede Nacht nach, damit der Adler sie am nächsten Tag erneut fressen kann.
Bei den Römern wird diese Logik weiter verschärft. Der Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) beschreibt die römische Unterwelt als Gerichtsort, an dem politische Vergehen wie Vaterlandsverrat oder Bestechlichkeit besonders hart geahndet werden. Manche werden ins Infernum verstossen, die meisten aber zur Läuterung gepeinigt und wiedergeboren.
Was sowohl hier – aber auch schon früher auffällt: Das Jenseits bestraft stets die politischen «Sünden» seiner Zeit – und verrät damit mehr über die Kultur als über Gott.
Das Alte Testament: Ein Totenreich ohne Hölle
Im Alten Testament finden wir einen überraschenden Befund: Obwohl im Alten Orient bereits Vorstellungen einer strafenden Unterwelt kursierten, bleibt die alttestamentliche Scheol völlig frei von Folter und Pein. Sie ist der Ort, an den alle Menschen gehen: Gerechte wie Ungerechte.
Das biblische Jenseits beginnt nicht mit Strafe, sondern mit radikaler Nüchternheit.
Manchmal wird die Scheol zum Ort der Gottlosigkeit (Ps 6,6), manchmal aber auch zum Ort, an dem Gott ist (Ps 139,8).
Der apokalyptische Wendepunkt im Judentum
Erst Jahrhunderte später, nach politischen Katastrophen und unter starkem kulturellen Einfluss der hellenistischen Welt, verändern sich die jüdischen Jenseitsvorstellungen.
Die jüdische Apokalyptik atmet mehr hellenistische Luft, als man lange wahrhaben wollte.
In apokalyptischen Schriften wie dem Äthiopischen Henochbuch taucht erstmals ein Ort der Strafe auf: die Gehenna. Henoch beschreibt Feuerklüfte, Strafengel und verschiedene Abteilungen für die Toten – je nach ihrem Verhalten im Leben. Besonders die Mächtigen, tyrannische Herrscher und falsche Führer werden dort gepeinigt. In späteren Texten wie 4. Buch Esra weitet sich das Gericht auf alle Menschen aus.
Diese Bilder waren zur Zeit Jesu allgemein bekannt. Man musste sie nicht erklären – jeder wusste, was gemeint war.
Das Neue Testament: Die Hölle gilt nicht den «Bösen», sondern den «Guten»
Jesus bricht radikal mit der damaligen Jenseitslogik. Während man Höllenbilder bisher nutzte, um «die Bösen» zu bedrohen, richtet Jesus seine Warnung überraschend an die «Guten». Er verwendet das bekannte Bild der Gehenna, um nicht Ungläubige zu erschrecken, sondern jene zu konfrontieren, die sich Gott besonders nah wähnen – aber dabei lieblos geworden sind.
So warnt er in der Bergpredigt nicht die «Gottlosen», sondern den religiösen Menschen, der andere beleidigt oder verachtet: Wer seinen Bruder «gottlos» nennt, richtet höllischen Schaden an (Mt 5,22).
Ebenso der fromme Mann, der andere durch seinen Blick zum Objekt macht (Mt 5,28–30). Auch die Pharisäer, die äusserlich korrekt leben, aber innerlich blind geworden sind, stehen mit einem Bein in der Gehenna (Mt 23). Und Jakobus sagt es noch deutlicher: Wer Gott lobt, aber Menschen verflucht, streckt sich nicht gen Himmel, sondern hinunter zur Hölle (Jak 3).
Damit entlarvt Jesus die Hölle als Warnbild für die zerstörerische Kraft religiöser Verirrung.
Nicht die Ungläubigen stehen im Fokus, sondern die Frommen, die mit Worten verletzen, mit Blicken entwürdigen oder mit Heuchelei Beziehungen zerstören.
Jesus kehrt die Höllenlogik um: Die «Hölle» entsteht dort, wo religiöse Menschen anderen das Heil absprechen – und damit selbst höllisches Leid verursachen.
Zwei Wege in der frühen Christenheit
Von Beginn an entwickelte die junge Christenheit sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Jenseits. Im Westen prägten früh harte Töne das Denken: Tertullian (um 200) stellte sich die Seligkeit so vor, dass die Gläubigen die Qualen der Verdammten betrachten und jubeln – ein frühes Beispiel für eine straforientierte Höllentheologie. Ab dem 4. Jahrhundert setzte sich diese Linie durch, besonders durch Johannes Chrysostomus (um 400) und später Augustinus (354–430), der mit seiner Prädestinationslehre die Vorstellung einer ewigen Verdammnis für grosse Teile der Menschheit festigte.
Ganz anders im Osten: Clemens von Alexandrien (um 200) und Origenes (185–254) deuteten das Feuer nicht als ewige Qual, sondern als Läuterung.
Für Origenes konnte am Ende sogar der Teufel gerettet werden.
Von Anfang an verlief die Christenheit zweigleisig: Während der Westen eine immer härtere Straflogik entwickelte, hielt der Osten an einer Hoffnung auf Läuterung fest.
Die Historikerin Ilaria Ramelli (*1973) hat gezeigt, dass diese Hoffnung auf eine Allversöhnung – ein Jenseits ohne ewige Hölle – in der frühen Kirche deutlich verbreiteter war, als lange angenommen.
Zwischen mittelalterlicher Höllenvision und moderner Entzauberung
Im Mittelalter wurde die Hölle vor allem durch Visionen populär. Mönche und später Nonnen schilderten detaillierte Folterszenen, die die Volksfrömmigkeit stärker prägten als jede Theologie. Den Höhepunkt dieser Fantasie erreichte Dante (1265–1321) mit seiner Göttlichen Komödie, die die Hölle in neun Kreisen ordnete und mit unzähligen individuellen Strafen füllte.
So speiste sich die mittelalterliche Hölle weniger aus der Bibel als aus solchen Visionen – verständlich in einer Zeit, in der nur wenige (Bibel) lesen konnten und Bilder stärker wirkten als Texte.
Die Reformation (ab 1517) wandte sich zunächst gegen die mittelalterliche Angstreligion, doch schon bald kehrten auch im Protestantismus Höllenpredigten zurück.
Erst die Moderne entzauberte die Hölle. Der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) sah sie als Gewissensqual, Jean-Paul Sartre (1905–1980) als zwischenmenschliche Hölle («Die Hölle, das sind die anderen»). Viele Künstler und Literaten setzten die Hölle mit den Erfahrungen von Krieg, Folter und totalitären Regimen gleich.
Das moderne Revival der Höllenfantasie
Nach der weitgehenden Entzauberung der Hölle in der Aufklärung und der liberalen Theologie kam es im 19. und 20. Jahrhundert zu einem bemerkenswerten Revival der Höllenvorstellungen – diesmal nicht aus der klassischen Dogmatik, sondern aus der Erweckungsbewegung.
So wurde die Hölle erneut aufgegriffen, um die christliche Mission zu begründen und zur Bekehrung zu ermutigen.
Gleichzeitig wurde für manche die Hölle zu einem starken Druckmittel, um moralische Disziplin zu fördern und religiöse Ernsthaftigkeit einzufordern. In manchen Predigten taucht die Hölle bis heute wieder als unmittelbare Drohkulisse auf, oft verbunden mit ähnlich drastischen Bildern wie im Mittelalter.
Dass die Hölle als Drohkulisse zu zahllosen Bekehrungen führte, zeigt weniger ihre theologische Plausibilität als ihre Fähigkeit, eine tief sitzende menschliche Urangst zu aktivieren.
Diese Entwicklung wurde durch den Endzeitboom in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch verstärkt. Bestseller wie die Left-Behind-Reihe, zahlreiche evangelikale Endzeitpredigten und apokalyptische Filme zeichneten erneut ein dualistisches Weltbild, in dem die Hölle als unvermeidlicher Gegenpol zum Himmel inszeniert wurde.
Diese Darstellungen prägten ganze Generationen von Christ:innen, oft stärker als die Bibel selbst, und ließen die Hölle wieder zu einem festen Bestandteil religiöser Alltagsvorstellungen werden.
Was die Geschichte der Hölle zeigt
Die Vorstellung einer ewigen Verdammnis ist kein ursprünglich christliches Dogma, sondern das Ergebnis kultureller Ängste, politischer Krisen und religiöser Machtinteressen. Es ist schwer, darin Zufall zu sehen: In jeder Epoche wurden genau jene Vergehen im Jenseits besonders hart bestraft, die in der jeweiligen Kultur als besonders schlimm galten.
Wenn die Hölle historisch so wandelbar ist, kann sie theologisch nicht unverrückbar sein.
Verblüffend ist dagegen, dass die ursprünglich biblische Linie deutlich sparsamer höllische Drohkulissen einsetzt als mittelalterliche Dramen, «Komödien» oder auch neuzeitliche «Endzeitpredigten» vermuten lassen: Im Alten Testament gibt es keine Hölle, sondern nur die Scheol – ein Totenreich für alle. Jesus warnt nicht die Ungläubigen, sondern die Frommen – und zwar vor den zerstörerischen Folgen ihres Handelns im Diesseits. Und die ersten großen Theologen des Ostens sahen im Feuer Läuterung, nicht Verdammnis – für sie war Gottes Ziel Heil, nicht Strafe.
Ich glaube: Die Geschichte eines Gottes, der alles trägt und durchdringt, kann nicht mit einer ewigen Trennung enden – denn ein verdammender Gott wäre moralisch ärmer als jeder Mensch und ein trennender Gott kleiner als das Universum, das uns verbindet.
Martin Thoms ist Theologe und Autor aus Bochum. In seinem neuen Buch «Zur Hölle mit der Hölle!» setzt er sich mit den grossen Hoffnungsbildern des christlichen Glaubens auseinander – von Gericht und Fegefeuer über Himmel und Hölle bis hin zur Frage, ob Gottes Liebe wirklich grenzenlos ist. Diese Blogserie greift Gedanken aus dem Buch auf. Darüber hinaus bietet Martin regelmässig Onlinekurse zu Glaubens- und Lebensthemen an, unter anderem ab dem 6. Oktober zum Thema Himmel und Hölle sowie ab dem 8. Oktober zur Kreuzestheologie.
Im RefLab: «Keine Angst vor der Hölle» von Evelyne Baumberger; «Es gibt keine Hölle» von «Ausgeglaubt».
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10 Kommentare zu „What the hell (1): Kurze Geschichte der Höllenfantasien“
Vielen Dank, diese Thematik biblisch und theologisch aufzuarbeiten, wäre nach meiner Ansicht das „Gebot der Stunde“!
Mir gefällt die Erklärung von Elisabeth Haich im „Tarot“: Himmel, Erde und Hölle sind drei Bewusstseinszustände, je nachdem, mit welcher Ebene er (der Mensch) sich identifiziert, glücklich oder unglücklich ist. Wenn er sich mit sich selbst, mit seinem Geiste identifiziert und geistige Freuden sucht, so ist er glücklich, also im Himmel. Auf der Erde hat er Freuden und Leiden erlebt, aber beide sind vergänglich. Und wenn er sich mit seinen Trieben identifiziert und Sklave seines Körpers wird, dann verliert er sich selbst, wird verzweifelt und stürzt sich damit in die Hölle.
Sie appelliert an unsere Selbstverantwortung. Wir haben es selber in der Hand, ob wir im Himmel oder in der Hölle landen!
Der historische Überblick zeigt zu Recht, wie stark menschliche Höllenvorstellungen kulturell ausgeschmückt und religiös missbraucht wurden. Daraus folgt aber nicht, dass die biblische Rede vom endgültigen Gericht selbst kulturelle Fantasie ist. Wirkungsgeschichte ersetzt keine Auslegung, und der Missbrauch einer Lehre widerlegt die Lehre nicht.
Vor allem ist die Frage an das Alte Testament zu eng gestellt. Wer dort nur nach einem bereits ausformulierten Begriff der Hölle sucht, übersieht seine ganze Gerichtstypologie: die Vertreibung aus Eden, Sintflut und Arche, Sodom, Passah und das Blut des Lammes, den Untergang im Roten Meer, das Sterben in der Wüste, Opferkult und Exil. Immer wieder geht es um Ausschluss aus Gottes Gegenwart, Tod unter seinem Urteil und Rettung allein auf dem von Gott gegebenen Weg – bis hin zum stellvertretenden Opfer. Das Neue Testament liest diese Ereignisse ausdrücklich als Vorbilder des kommenden Gerichts: Jesus verweist auf Sintflut und Sodom, Paulus auf die Wüstenzeit, Judas auf das ewige Feuer. Dazu sprechen Daniel 12,2 von «ewiger Schmach» und Jesaja 66,24 vom unauslöschlichen Feuer. Im Alten Testament fehlt nicht das Gericht; es wird heilsgeschichtlich entfaltet.
Jesus warnt tatsächlich mit erschreckender Schärfe gerade Selbstgerechte und religiöse Heuchler. Aber daraus wird hier eine falsche Ausschliesslichkeit, als gehe es nur um die diesseitigen Folgen religiöser Lieblosigkeit. Jesus spricht ebenso von dem, der «Leib und Seele verderben kann in der Hölle» (Mt 10,28), vom breiten Weg ins Verderben und von «ewiger Strafe» (Mt 25,46).
Klagelieder 2,14 legt an jede Theologie einen ernsten Prüfstein an: «Sie deckten deine Schuld nicht auf, um deine Gefangenschaft abzuwenden.» Dieser Aufsatz benennt zwar menschliches Unrecht, verschiebt aber die Schuld vor Gott weitgehend in deren diesseitige Folgen. Doch wer Gottes Urteil über den Sünder zum Verschwinden bringt, tröstet ihn nicht. Er nimmt ihm den Retter, der dieses Urteil für ihn trägt.
Spätestens am Ende verlässt Thoms die historische Beschreibung und spricht selbst das Urteil: «Ein verdammender Gott wäre moralisch ärmer als jeder Mensch.» Nun richtet nicht mehr Gottes Wort den Menschen, sondern der Mensch richtet Gott und erklärt ihm, welches Urteil er moralisch noch sprechen darf. Zugleich gerät der persönliche Gott aus dem Blick, der spricht, richtet, vergibt und rettet. An seine Stelle tritt ein Gott, der «alles trägt und durchdringt», verbunden mit einem Universum, «das uns verbindet». Das klingt eher nach einer esoterischen göttlichen Essenz als nach dem heiligen Gott Israels. Eine solche Essenz kann alles durchdringen, aber sie klagt niemanden an, vergibt niemandem und sagt keinem Sünder: «Deine Sünden sind dir vergeben.» In diesen Worten rettet nicht der gekreuzigte Christus den Sünder aus Gottes Gericht; eine alles durchdringende Wirklichkeit scheint das Gericht von vornherein unmöglich zu machen.
Doch Jesus Christus ist kein Bild für eine ohnehin alles verbindende Wirklichkeit. Er ist der gekreuzigte Retter wirklicher Sünder. Gott schweigt nicht über unsere Schuld; er richtet sie. Aber Christus trägt dieses Urteil, der Schuldlose für die Schuldigen. Der Gekreuzigte steht von den Toten auf und spricht sein konkretes Wort: «für dich». Der Gekreuzigte und Auferstandene ist dein Retter.
Hallo Habakuk, einfach eine kleine Anmerkung zu Ihrer biblischen Auslegung: der Begriff „ewig“ wurde in den deutschen Übersetzungen meist nicht gut wiedergegeben: griechisch heißt er „äonisch“ und bezeichnet einen begrenzten Zeitraum – von Äon zu Äon z. B. Das werden Sie an vielen Stellen finden, wenn Sie den Begriff im Groechischen nachschlagen. Das bedeutet dass auch Gottes Gerichtshandeln, also sein Handeln mit dem Ziel der „Zurechtbringung“ ( richten =zurechtbringen) äonisch ist, also einen begrenzten Zeitraum umfasst. Damit sind wir wieder eher bei der „Läuterung“ des Ostchristentums.
Liebe Ina, Ihren Wunsch nach einer genaueren Auseinandersetzung mit den Gerichtsworten Jesu teile ich. Der Hinweis auf «äonisch» löst diese für mich jedoch nicht auf: In Matthäus 25,46 bezeichnet dasselbe Adjektiv sowohl die Strafe als auch das Leben. Auch bedeutet «richten» nicht automatisch «zurechtbringen». Über den Sinn entscheidet der Text, nicht allein die Wortherkunft.
Wichtiger ist mir Ihre Berufung auf Demut und den «trüben Spiegel». Dieser macht Gottes Offenbarung nicht trüb, sondern beschreibt unsere begrenzte Erkenntnis – und damit zuerst die Grenze unserer Spekulationen. Deshalb überzeugt es mich nicht, Jesu Gerichtsworte unter Erkenntnisvorbehalt zu stellen und zugleich mit erstaunlicher Gewissheit von einem zeitlich begrenzten Gericht zur Zurechtbringung auszugehen. Demut bindet uns an den Gott, der sich offenbart hat; seine Verborgenheit ist kein Hinterzimmer, in dem sein gesprochenes Wort widerrufen wird.
Jesus offenbart nicht bloss das Gericht, sondern auch den Richter und die Rettung: «Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht» (Joh 5,24). Der in Sünden tote Mensch braucht nicht bloss Läuterung, sondern Wiedergeburt, die Gott allein aus Gnade schenkt. Gnade bedeutet nicht, das Gericht sprachlich zur Zurechtbringung umzudeuten. Gnade bedeutet, dass Christus das wirkliche Gericht für wirkliche Sünder trägt.
Darum halte ich mich nicht an die Vermutung, Gott könnte es jenseits seiner Worte anders meinen, sondern an Christus: «Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.»
Ich wünsche mir für die weiteren Folgen eine genauere theologische Analyse der betreffenden Stellen im NT ( evtl. auch AT), die insbesondere die Erwecklich- Evangelikalen Auslegungen aufgreift und theologisch vertieft argumentiert. Das kommt hier in diesem Beitrag insbesondere im Hinblick auf Jesu Reden zu kurz.
Ich vermute das geschieht im Buch ( das ich noch nicht in der Hand hatte).
Die Thematik hat nach wie vor eine sehr hohe Brisanz in der evangelikalen Bewegung und ist im Grunde weitverbreitet stark angstbesetzt – es ist mehr als dringend erforderlich, hier vertiefte theologische Arbeit zu leisten, die in einen direkten Disput gehen kann.
Vielen Dank an Martin Thoms, dass er das heikle und schwierige Thema aufgreift!
Noch einen Gedanken zum Thema Hölle und Reich Gottes ( Himmel im Plural), der mich seit einiger Zeit beschäftigt. Kleinster gemeinsamer Nenner: Wir sind uns sicher in allen christlichen Richtungen einig, dass das „Reich Gottes mitten unter uns ist“ spätestens seit Jesu Kommen.
Also ist es doch logisch und auch für jeden täglich deutlich sichtbar, dass auch die „Hölle“ mitten unter uns ist und nicht erst im Jenseits auf uns wartet. ( Beispiel Eph. 5 – unsichtbare Welt usw. Usw. )
Abgesehen davon sind wir ja auch von der Physik her kommend von der unsichtbaren Welt/ unsichtbaren Materie usw. umgeben.
Spätestens da sollte es auch dem engsten Evangelikalen klar werden, dass unsere Begrifflichkeiten Himmel/ Hölle u. ä. unseren engen sprachlichen und menschlichen Deutungsrahmen bei weitem übersteigen.
Diese Demut im Hinblick auf unseren „trüben Spiegel“ sollte man von jedem Christen erwarten können, auch dem „rechtgläubigsten“ Evangelikalen. Ich glaube im jenseitigen Leben werden wir alle mal sehr staunen, wie es unfassbar es wirklich ist – da warten sicher manche Überraschungen im Hinblick auf unseren unfassbaren Gott auf uns!
Kleiner Hinweis: Wer einen lockereren Einstieg in dieses Thema sucht kann bei Hossa-talk #288 „Keine Erlösung ist auch keine Lösung“ fündig werden.
Wenn man ein Ki-Programm fragt „Wieviele Menschen haben einen Nachtodkontakt?“ – dann bekommt man als Antwort: Dass 9 – 75% von Hinterbliebenen eine verstorbene Person nach deren Tod so wie lebensecht erinnern können. (Der bekannteste Nachtodkontakt sind die Auferstehungsgeschichten mit Jesus, aus der Bibel.)
Wenn man ein KI-Programm fragt „Welche negativen Auswirkungen können Nahtoderfahrungen haben?“ dann bekommt man als Antwort: Eine Liste mit schlimmen Auswirkungen von diesen Erlebnissen.
„Nachtodkontakt“ und „Nahtoderfahrung“ lassen sich komplett als ein Ergebnis sehr einfacher Erinnerungsvorgänge erklären. Weil dabei auch Verstorbene lebensecht erinnert werden, kann dadurch der Glaube an eine Weiterexistenz dieser Personen im Jenseits entstehen. Und – weil man sich dabei auch an schlimme Erlebnisse erinnern kann – kann dadurch der Glaube an die Existenz einer Hölle entstehen. Auch personelle Formen wie Strigoi, Untote bzw. Wiedergänger können als Erklärungsversuche erfunden werden.
Je nach Qualität und Inhalten von solchen Erinnerungen können diese zum Glauben an ein schönes Jenseits bis hin zu schlimmen Höllenvorstellungen führen.
D.h. diese Ideen beruhen auf tatsächlichen biologischen Grundlagen und Erlebnissen: wie unser Gehirn funktioniert bzw. was/wie wir erinnern.
(Quellennachweis: In meinem Buch – Kinseher Richard „Auflösung großer Fragen: Was ist Bewusstsein? Was ist Zeit?“ – werden ´Nachtodkontakt´ bzw. die ´Nahtod-Erfahrung´ als Ergebnis einfacher Erinnerungsvorgänge beschrieben/erklärt. )
Nachtrag:
Bei ´Nachtodkontakt´ bzw. ´Nahtoderfahrung´ können auch sehr schöne Erlebnisse erinnert werden – weshalb solche Erfahrungen als intensives positives mystisches, spirituelles bzw. transzendentes Erlebnis empfunden werden können.
Und weil die Gehirne aller Menschen biologisch gleichartig funktionieren – seit es den modernen Menschen gibt – kann man daher sagen: dass es solche Erlebnisse in allen Kulturen und zu allen Zeiten seit der Steinzeit geben muss.
Die Vorstellungen von Himmel, Hölle bzw. Jenseits sind dann Ergebnisse davon, wie wir solche Erlebnisse interpretieren/erklären.