Dein digitales Lagerfeuer
Dein digitales Lagerfeuer
 Lesedauer: 5 Minuten

Lost in Transition

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und sortiere meine Kleider nach Farben. Die weißen Kleider auf der linken, die schwarzen Hoodies auf der rechten Seite. Einfach weil ich mich danach so aufgeräumt fühle. Und weil ich gerade nichts zu tun habe. Alternativ dazu könnte ich auch meine Küche aufräumen oder die Wände streichen.

Eigentlich ist es egal, was ich tue, ob ich überhaupt etwas tue. Diese Zeit fühlt sich wie ein Zeitloch an. Eine Phase im Jahr, in der ich nicht mehr weiß, welches Datum, welcher Wochentag, geschweige denn welches Jahr ist.

Irgendwann wird es dunkel und ich gehe schlafen, morgens wird es wieder grau und ich stehe auf. Zeitstrukturen weichen auf. Es gibt aber auch nichts, was meine Zeit strukturieren würde außer Essen und Schlafen.

zeitlose Zeit

Die Arbeit ist für dieses Jahr durch, nächstes Jahr stehen neue Projekte an. Der Podcast macht gerade Pause, dann folgt ein neues Thema. Die Familienfeiern sind erfolgreich hinter sich gebracht, das Essen ist verdaut, aber die Neujahrsvorsätze wurden noch nicht angegangen.

Bloß nicht übertreiben. Ich mache nichts von Bedeutung. Dinge, für die ich sonst keine Zeit hatte oder die schlichtweg nicht wichtig genug waren. Ich bin in der Zwischenzeit.

Eine Zeit, die irgendwann anfängt, aber hoffentlich auch bald wieder aufhört. Ich befinde mich in einem Übergangszeitraum, geprägt vom Zurückblicken und Vorausschauen. Alles, was war, hatte seine Zeit.

Blick zurück

Die Erinnerungen eines Jahres werden weitestgehend im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Und zwar in dem Teil des Gedächtnisses, das an die Erlebnisse des eigenen Lebens erinnert. Es handelt sich um das episodische Gedächtnis, welches Teil des deklarativen Gedächtnisses ist. Dieses enthält unter anderem Wissen und Tatsachen, Episoden und Erlebnisse. Dort sind vermutlich die meisten meiner Erinnerungen an das letzte Jahr einsortiert:

Das Kleid hatte ich im August an, als wir die Kraniche gesehen haben. Sie sind über das Heu gestakst und haben uns wachgeschrien mit ihren wilden Rufen. Den Pulli hatte ich das letzte Mal im März auf dem Konzert an, es ist immer noch ein bisschen Glitzer an der Kapuze vom Make-up.

So stehe ich vor meinen Kleidern und sortiere das weiße Kleid und den schwarzen Pulli ein. Den rot gemusterten Jumpsuit, den ich mal wieder anziehen könnte, genauso wie das silberne Pailletten-Kleid – und alle Erinnerungen und Farben, die vor mir auftauchen.

Ich halte kurz an. Blicke zurück und nehme wahr, was alles passiert ist. Wer ich war in den vergangenen Monaten und was ich getan habe.

Lerneffekte

Und dann sein lassen, was gewesen ist. Einfach mal nicht bewerten. Noch zweimal drüber nachdenken und dann ins Regal stellen und abspeichern.

Ich lande wieder bei Judith Schalansky und ihrem Buch Verzeichnis einiger Verluste. Sie schreibt:

«Nun ist die Welt an sich gewissermaßen das unüberschaubare Archiv ihrer selbst – und alle belebte und unbelebte Materie auf Erden ein Dokument eines […] Aufschreibesystems voller Versuche, aus vergangenen Erfahrungen Lehre und Schlüsse zu ziehen.»

Ich frage mich, ob ich mich nur an das erinnere, woraus ich auch lernen kann und wozu der ganze Rest noch so viel Platz einnimmt. Oder ob sich nicht von allein die unwichtigen Informationen irgendwann löschen und ich mich nur noch an das Relevante erinnere.

Blick nach vorn

Das, was ich dann noch brauche. In der Zeit, die irgendwann nach heute anfängt. Alles, was zu tun ist, hat seine Zeit. Sie kommt sicherlich, aber sie ist eben noch nicht jetzt. Das ganz große Neue hat noch nicht angefangen. Wer ich morgen sein werde, weiß ich noch nicht.

Ich habe Dinge gelernt und meine Erfahrungen gemacht, aber ich weiß nicht, was morgen passiert. Das Leben auf mich zukommen lassen, liegt mir nicht. Mit diesen neuen zwölf Monaten, die da vor mir liegen, bin ich durchaus überfordert.

Nicht umsonst machen Menschen sich Jahrespläne. Sie planen Urlaube und Familienfeiern Monate oder gar Jahre im Voraus, damit möglichst viele Menschen Zeit haben. Sie strukturieren ihr Jahr um Detox-Retreats und Erlebnisurlaube, Fortbildungen und Once-in-a-lifetime-Events herum.

Ich mache es ziemlich genauso. Im Juni ist der lange Urlaub, im September das große Arbeitsevent, dann kommt noch diese und jene Fortbildung dazu. Dabei habe ich doch gerade erst alles Vergangene in meinem Gedächtnis verstaut.

Und jetzt

Ich schwelge in Gedanken und bereite mich schon auf die nächsten baldigen Erinnerungen vor, die dann zukünftig eintrudeln werden, wie die Momente aus dem nächsten Urlaub im Mai. Meine Aufmerksamkeit pendelt von der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück.

Meine Kleider werden hin- und hergeschoben. Dieses nach links, jenes nach rechts. Direkt vor mir bleibt es seltsam leer. Alles gehört entweder noch zum Gestern oder schon ins Morgen. Wenig ist jetzt.

Wenn nichts anderes passiert und keine laufenden Aufgaben mich ablenken, könnte ich auch einfach mal da sein. Mit meiner ganzen Aufmerksamkeit. Das kann ich nämlich nicht wirklich gut. Wenn ich ganz hier bin, geht es nicht um die nächsten Reisen oder das letzte Familientreffen.

Wie fühlt sich der Moment der Zeitlosigkeit, des Wandels von der Vergangenheit zur Zukunft, also diese unmittelbare Gegenwart, eigentlich an, wenn ich mir erlaube, sie wahrzunehmen?

Welchen Dingen möchtest du im kommenden Jahr mehr Aufmerksamkeit schenken?

 

Foto@ unsplash: Ernest Karchmit

Alle Beiträge zu «Ein gefühltes Jahr – Dein Journaling Buch»

1 Gedanke zu „Lost in Transition“

  1. Der “seltsame Raum” vor der Zukunft, aber nach der Vergangenheit kommt daher als Zwischenzeit. Es ist der einzige Ort, wo lebendiges Leben stattfindet. Mich inspirierte es zur neu-formulierung vom Vaterunser:

    Lieber Vater im Himmel und auf Erden,

    du bist heilig und deine Namen auch,

    dein Reich ist die Gegenwart,

    dein Wille geschieht und lässt zu, dass Menschen die Zukunft mit-gestalten,

    du gibst uns Brot und Zähne zum Kauen, damit unsere (?) Mikroben im Leib es verdauen ohne schweißtreibende Arbeit verrichten zu müssen,

    du führst uns in Versuchung damit wir Böses erkennen und uns von ihm frei machen können,

    denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in der Zwischenzeit von Zukunft und Vergangenheit seit Beginn der Ewigkeit.

    AMEN

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Das RefLab-Team prüft alle Kommentare auf Spam, bevor sie freigeschaltet werden. Dein Kommentar ist deswegen nicht sofort nach dem Abschicken sichtbar, insbesondere, falls du am Abend oder am Wochenende postest.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox