«Aspetta, dov’è il mio telefono», sage ich zu meinem Liebsten. Wir machen Halt an der Raststätte San Gottardo Süd, auf der Heimreise ins Tessin nach einem Wochenende in Zürich. Seit wir an diesem Sonntagnachmittag in Zürich losgefahren sind, hatte ich dieses leise Ziehen, mein Smartphone in die Hand zu nehmen. Das habe ich jedoch ignoriert.
«Was willsch etz naluege, sei doch lieber einfach präsent auf dieser Fahrt», dachte ich.
Hätte ich doch besser auf das Ziehen gehört – das Telefon ist nämlich unauffindbar. Und ich sehe vor meinem inneren Auge genau, wo es liegengeblieben ist. Im Wohnzimmer meines Freundes in Zürich.
Es beginnt ein Werweissen, ob wir zurückfahren sollen, ich vielleicht irgendwo einen Zug erwischen könnte… Nein, das wäre ein unglaublicher Effort und so dringend ist das mit diesem Telefon auch nicht. Obwohl, praktisch meine gesamte Arbeit spielt sich auf diesem Gerät ab. Doch ein kurzes Reinhören macht klar: das sollte alles auch auf meinem Computer funktionieren.
Welche Telefonnummern kennst du auswendig?
Ein weiteres, lustiges Werweissen beginnt. Wir sind immer noch auf der Raststätte San Gottardo Süd, ein eher unwirtlicher Ort, an dem wohl niemand länger als nötig verweilen möchte.
Wie kann ich mit Cyrill, meinem Zürcher Freund, in Kontakt treten?
Witzigerweise sprachen wir tatsächlich vor Kurzem darüber, wie man früher Telefonnummern auswendig kannte – und ich erinnerte mich daran, dass ich wohl immer noch drei Nummern im Kopf habe. Jene meiner besten Freundin von damals, die von Cyrill und die meiner Eltern.
Ich beginne, die Nummern, an die ich mich zu erinnern glaube, ins Telefon meines Liebsten einzutippen. Der erste Versuch landet bei einer französisch sprechenden Frau, «excusez Madame», stammle ich ins Telefon.
Der nächste Versuch landet tatsächlich bei Cyrill. Wir einigen uns darauf, dass er das Gerät sofort am nächsten Morgen zur Post bringen wird.
Nichts läuft mehr wie geplant – ist es mein Fehler?
So weit, so gut. Ich fahre nach Hause und mache mir wenig Gedanken. Wenn nicht für meine Arbeit, bin ich nicht super angebunden an mein Smartphone. Zunächst scheint auch alles wie geplant und erwartet zu funktionieren – alle Applikationen laufen auch auf meinem Computer, wunderbar. Doch dann schaltet Cyrill mein Telefon aus und nichts läuft mehr.
Für einen Moment gerate ich in Panik. Was, wenn ich nun meine Sessions nicht durchführen kann? Was habe ich verbockt, wo habe ich einen Fehler gemacht, dass ich das Telefon vergessen habe?
Spannend, wie schnell dieser Gedanke der Schuld auftaucht, nicht?
Und kurz dahinter der Gedanke von «jetzt hab ich es wüki verkackt und ich werde rausgeschmissen».
Ja, ich würde hier gerne von einem ultra wohltuenden digital detoxen schreiben. Die Wahrheit ist aber: Die Zeit ohne mein Smartphone war ein richtig fetter Trigger.
Ich konnte so klar wie nie beobachten wie eins meiner Muster ans Werk gehen wollte. Und ich im ersten Moment panisch versuchte, alles unter den Teppich zu kehren.
«Muss ja niemand wissen, dass ich das vergessen habe», sagt das Muster. «Bloss keine Schwächen oder Schwachstellen zeigen, das ist gefährlich», fügt es an.
Dass die Post aus unerfindlichen Gründen dann auch noch Verspätung bei der Zustellung des Pakets hat und ich letztlich 72 Stunden ohne mein Smartphone war, hat nicht geholfen.
Wenn spirituelle Praxis im Alltag tragfähig wird – ist es immer noch unperfekt
Nein, nichts davon ist rational und im Kopf ist mir das zu tausend Prozent klar. Unbewusst aber sind diese kleinen, manchmal sehr subtilen Überzeugungen am Werk. Sie sabotieren oder trüben gerne das, was wirklich wahr ist.
Gerne zeigen die sich dann, wenn wir zum Beispiel müde sind, Hunger haben oder gerade sehr viele Dinge auf der to-do-Liste stehen. Oder eben, wie hier in meiner kleinen Geschichte, etwas anders ist als gewohnt.
Es sind genau jene Momente, in denen sich zeigt, wie verankert und integriert die neuen Verhaltensweisen sind. Die Verhaltensweisen oder Wege, sich in der Welt zu bewegen, die wir auf unseren Meditationskissen oder Yogamatten üben.
Ja, wenn sich die Praxis nicht in den stressigen, chaotischen und immer mal wieder überfordernden Alltag übersetzt – dann hat sie wenig Tragfähigkeit.
Spannend finde ich dabei, dass die Übersetzung in den Alltag aber nicht zwingend so funktioniert, dass sie dich stets einen kühlen Kopf bewahren lässt. Dich der Stress zum Beispiel nie mehr berührt. Das ist vielleicht die romantisch-verklärte Geschichte einer verkörperten Spiritualität, die zero Wurzeln im Echten, im Leben hat.
Nein.
Die Übersetzung in den Alltag heisst für mich vielmehr: OK, hier taucht dieser Trigger auf und löst so viel in mir aus, ich lass mich davon berühren und bewegen – und halte vielleicht mittendrin kurz inne.
Wenn sich Gnade und Angenommensein im Unperfekten zeigt
Es schien mir wie ein riesiger Akt der Gnade, dass ich mich in jenem Moment daran erinnerte, dass es OK ist, um Hilfe zu bitten. Dass ich mit einer Freundin testen kann, ob die Software für meine Sessions tatsächlich auf dem Computer läuft oder nicht.
Dass ich das Fehlerhafte, das Unperfekte, ja, das manchmal sehr Ungeordnete nicht verstecken muss.
In dieser kleinen Geschichte vom vergessenen Telefon steckt so viel Reichtum drin – ich sehe, erlebe, wie wohlwollend das Leben / Gott ist. Wie auch das Unperfekte aufgehoben ist. Wie ich ganz, wirklich ganz angenommen bin.
Ja, für mich ist das eine kleine Weihnachtsgeschichte. Eine Weihnachtsgeschichte im ganz banalen Alltag Ende 2025.
Wenn du dieses Angenommensein körperlich fühlen und einüben möchtest, komm in Leela Sutters Workshop vom 9.–11. Januar 2026 im Kloster Kappel: «Holy embodied – Sein als körperliche Erfahrung». Alle Infos hier.
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