Dein digitales Lagerfeuer
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Meine erste Weihnacht

Eine Weihnachtsgeschichte ist gewünscht. Ich überlege angestrengt. Als Pfarrerin sollte man doch ein paar schöne Weihnachtsgeschichten auf Lager haben, geht es mir durch den Kopf, und ich beginne, nach entsprechenden Geschichten und Gedichten zu suchen.

Bald stelle ich fest, dass es viele gibt, darunter berührende und anrührende, übersüsse und allzu bittere.

Bei Dostojewski erfrieren Kinder in der Heiligen Nacht. Lagerlöf schreibt von «Augen, die Gottes Herrlichkeit sehen können», Morgenstern rückt drei Spatzen eng aneinander und Rilkes hohe «Tannen atmen heiser». Aber keine Geschichte, kein Gedicht will so recht bei mir bleiben. Meine aufgescheuchte Weihnachtsseele will einfach kein Nest finden. Also versuche ich selbst, so etwas wie eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.

Und wie ich mit dem Schreiben beginne, erfasst mich eine grosse Aufregung. Denn dieses Jahr ist ein Jahr der Erstlinge. Dieses Jahr fängt alles noch einmal von vorne an.

Es ist mein erster Winter nach meinem ersten Sommer und Herbst hier in Eggiwil. Es ist das Jahr des ersten Emmenbades, des ersten Spazierganges entlang blauer Kornblumenfelder.

Es ist das Jahr des ersten Abendessens im Schatten der Weide, des ersten Meertrübelikuchens mit den Früchten aus dem Pfarrhausgarten, der ersten Holunder- und Cassisbeeren, Äpfel, Birnen und Pflaumen, das Jahr der ersten Einmachgläser.

Dieses Jahr ist alles neu

Dieses Jahr: das ist der erste Alpabzug und die Viehschau, an der manche Leute aus dem Dorf denken, ich sei ein verirrter Feriengast, oder aber vom Tierschutzverein. Dieses Jahr ist alles Anfang. Jeden Tag beginne ich von neuem.

Pfarrhaus im Emmental und geschmückter Weihnachtsbaum.  

Ich gehe durch mein neues Zuhause, schreite jedes Zimmer ab, mit dem Sonnenlauf wandle ich durch die alten neuen Räume. Ich verinnerliche das Haus, jeden Türgriff, den Knauf des Treppengeländers. Ich zähle die Schritte vom Schlafzimmer zum Bad. Ich will wissen, welche Stufe knarrt und welche Diele.

Ich öffne jedes Fenster. Zu jedem Fenster gesellen sich andere Geräusche, andere Gesänge, andere Geschöpfe. Dieses Jahr bin ich ein Kind, das die Nächte zählt, die es noch schlafen muss bis Weihnachten.

Dieses Jahr ist alles neu: die ersten Kastanien in der Hand, der erste Schnee, der erste Kranz an der Haustür, mein erster Tannenbaum. Und dieses Jahr wird meine erste Weihnacht sein. Das Dorf, die Landschaft, der Fluss, die Menschen – sie sind mir allesamt ein grosser Adventskalender, jeden Tag neue Türchen, jeden Tag neues Staunen:

Da sind die Winterbäume, die grossen Tannen in ihrer Schwere und Schwebe.

Da ist der Schnee, der rauschend vom Dach der Kirche stürzt und die Heizung im Keller, die nachts wimmert wie ein Lamm.

Weichachtsringli und Grittibänze

In der Bäckerei gibt es Weihnachtsringli, wie sie meine Grossmutter gebacken hatte, und Grittibänze in allen Grössen und Formen. Beim Einkaufen sammelt man Sterne und klebt sie in eine dafür vorgesehene Sternenkarte. Jede ausgefüllte Sternkarte berechtigt zur Teilnahme am Weihnachtsspiel.

In der Metzgerei gibt es Blut- und Leberwürste. Und jeden Abend beim Eindunkeln leuchten neue Lichtinstallationen, Weihnachtsbäume, Fenstersimse, Gartenzäune, Dächer, Schneemänner und Laternen um die Wette.

Die Lichter lassen die Häuser auf den Hügeln näher rücken. Jeder noch so entlegene Hof blinzelt, jedes Fenster wird zum hellen Zwinkern.

Auf dem Friedhof brennen die Kerzen die ganze Nacht. Der Samichlous ist mit Schmutzli und Esel unterwegs und verteilt auch den Grossen Mandarinen. Die Kinder im Gottesdienst sichern Engelsspuren und verschenken Federn zu Aschenbrödels Filmmusik.

Im Altersheim wird von früheren Wintern erzählt und von Schulwegen in hohem Schnee.

Erschöpfung findet Frieden

Und da ist die grosse Eibe zwischen Pfarrhaus und Kirche, die dieses Jahr zum ersten Mal zum Weihnachtsbaum wird.

Mit einer Teleskopstange wird der silberne Stern an die Baumspitze gehängt, in einer Präzision und Konzentration und unter vielen mitfiebernden Augenpaaren, so dass man wahrlich meinen könnte, es werde gerade eine neue olympische Disziplin geboren.

Abends, nach solch aufregenden Tagen, in diesem meinem ersten Advent hier, beschleicht mich bisweilen Schwermut.

Wohl die Wehmut von Weihnacht, diese zarte Traurigkeit, in denen all diese starken, überwältigenden Empfindungen von ersten Dingen sorgsam eingelagert werden, aufbewahrt für später. Weihnachtswehmut: Das ist ein warmer Stall im Herzen.

Weihnachten ist eine Erschöpfungsgeschichte, die Frieden findet. Stille Erleichterung, dampfender Atem, der müde Körper eines Muttertieres, das sein Neugeborenes leckt.

Beate Krethlow, Theologin, Lyrikerin und RefLab-Autorin, hat vor kurzem im Emmental ihre erste Pfarrstelle angetreten. Premiere hatte ihre Weihnachtsgeschichte im Gesprächskreis im Altersheim.

Von Beate Krethlow erschien kürzlich bei RefLab ein Nachruf auf ihre Grossmutter in Briefform.

Fotos: Beate Krethlow

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