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Lesedauer: 6 Minuten

Hartl will zurück nach Eden

[Die Ausgeglaubt-Diskussion zu Hartls Buch «Eden Culture» findet sich hier.]

«Gärten faszinieren uns so, weil in ihnen etwas aufleuchtet, was uns für das menschliche Leben allgemein mehr und mehr aus dem Blick gerät. […] Gärten sind nicht auf ihren Zweck reduziert: Zwar kann man dort auch etwas anbauen, doch sie sind etwas ganz anderes als eine Fabrik oder ein Feld. Sie erwecken Freude, und dadurch werden sie zum Ort der Begegnung zwischen Menschen. […] Verbundenheit, Sinn und Schönheit sind die Nährstoffe, die den Garten des Menschlichen vital halten. Sie geraten leicht aus dem Blick. Tatsächlich betreiben wir mit großer Geschwindigkeit Raubbau an ihnen. […] Fragen Sie sich, wie das menschliche Leben anfangen könnte, wieder mehr nach Eden zu schmecken? Dann lesen Sie weiter!»

(Johannes Hartl: Eden Culture, 32f).

Ein Theologe im Rampenlicht

Es passiert nicht alle Tage, dass ein Buch eines Theologen die «Spiegel»-Bestsellerliste erklimmt und in den Regalen gewöhnlicher Buchläden landauf landab prominent ausgehängt wird. Dem neusten Werk des katholischen Autors und Redners Johannes Hartl ist es aber ebenso ergangen.

Als Gründer und Leiter des Gebetshauses Augsburg hat sich Hartl weit über das katholische Milieu hinaus einen Namen gemacht. Die von ihm initiierten, ökumenischen Konferenzen ziehen Tausende von Besuchern an, v.a. aus dem hochreligiösen, pfingstlich-charismatischen Segment verschiedener Konfessionen, und seine Vorträge und Kurzvideos auf Youtube erreichen Klickzahlen in den Hunderttausenden.

Sogar die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» hat ihm kürzlich einen ausführlichen Bericht gewidmet.

Für die einen sei er «Deutschlands aufregendster Sinn-Guru», für die anderen «ein gefährlicher konservativer Katholik», steckt der Journalist das Spektrum der Einschätzungen dieses Mannes ab.

Auf jeden Fall aber hat er mit seinem neusten Buch unter dem Titel «Eden Culture» einen populären Volltreffer gelandet.

Unsere Sehnsucht nach Eden

Das Buch geht von einer gesellschaftskritischen Gesamtdiagnose aus. Mitten in einer Welt mit atemberaubenden Fortschritten und einem starken Zuwachs an Wohlstand für viele Menschen machen sich nach Hartls Beobachtungen eklatante Mangelerscheinungen breit:

Es fehlt an den «Herzensressourcen», welche uns von innen heraus stärken, unserem Leben seinen eigentlichen Wert geben – und uns zurück in jenen Garten führen, der als tiefe Sehnsucht im Menschen verankert ist.

Dabei geht es nicht um einen physischen Ort, sondern um seelische, spirituelle Werte, die Hartl unter den Stichworten «Verbundenheit», «Sinn» und «Schönheit» zusammenfasst und in den drei Hauptkapiteln entfaltet.

Auffallend an seinen Ausführungen ist sicher die Verflechtung von Einsichten aus Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Philosophie und anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Sie sollen zweifellos der Plausibilisierung seiner Botschaft dienen. Dazu passt ein Stil, der wohltuend frei ist von frommen Floskeln, kirchlichem Jargon oder missionarischem Tonfall. Es scheint Hartl auf weiten Strecken zu gelingen, sich auch säkularisierten Zeitgenossen verständlich zu machen.

Einige kleingeistige Kritiker

Natürlich ruft Hartl auch Kritiker auf den Plan. Schon das von ihm initiierte und herausgegebene «Mission Manifest» (mit dem reichlich vollmundigen Untertitel: «Die Thesen für das Comeback der Kirche») hat vor drei Jahren hohe Wellen geschlagen und heftige Kontroversen ausgelöst, und auch «Eden Culture» ist nicht unwidersprochen geblieben.

Manche kritischen Kommentare aus katholischen Kreisen sind allerdings nicht nur ausgesprochen missgünstig, sondern auch erstaunlich kleingeistig ausgefallen.

Gleich mehrere Rezensenten kommen offensichtlich nicht mit der Tatsache zurecht, dass Hartl gerne mal eine gute Flasche Champagner trinkt und sich dabei seines Lebens freut. Er sei der «Verkünder eines Wohlstandsevangeliums», der seine Leser «an seinem gut situierten Leben teilhaben» lasse, meint der eine. Ein anderer weist darauf hin, dass eben diese beim üppigen Abendessen mit französischem Schaumwein demonstrierte «Art des Wirtschaftens» unseren Planeten zerstöre – und dass es Hartls «Ökologie des Herzens» augenscheinlich nicht auf den Erhalt der Schöpfung ankomme.

Solche Kommentare verfehlen ihr Ziel um Längen. Sie sagen mehr über die moralischen Überlegenheitsgefühle und Verpassensängste ihrer Autoren als über Hartls neues Buch aus.

Zurück in die Zukunft

Damit will ich nicht sagen, dass es an «Eden Culture» nichts auszusetzen gäbe. Zwar wird kaum eine(r) abstreiten, dass unsere Zeit einen Zugewinn an Verbundenheit miteinander, mit der Schöpfung und mit unserer eigenen Seele vertragen könnte. Oder dass es sich beim Lebenssinn um eine ebenso unschätzbare wie gefährdete Ressource handelt. Auch dass wir in unserer Kultur des Konsums und der Ablenkung die Schönheit des Augenblicks neu wertzuschätzen lernen sollten, werden die wenigsten anfechten.

Wie Hartl diese «Herzensressourcen» im Einzelnen ausdeutet, ist aber nicht jedermanns Sache. Bei allen Beteuerungen des Gegenteils ist ein konservativer, zuweilen nostalgischer Zug in seinen Ausführungen unübersehbar.

Auch wenn er etwa die Pluralisierung der Lebensentwürfe und Beziehungsformen anerkennt, so favorisiert er doch zweifellos ein traditionelles, bürgerliches Familienmodell – und versucht es auch durch wissenschaftliche Forschungen als überlegenes Konzept auszuweisen.

Hier und an zahlreichen anderen Stellen wirkt sich die Metapher des verloren gegangenen und wieder zu entdeckenden Paradieses durchaus folgenschwer aus.

Im Menschen wohnt eine Sehnsucht nach dem Garten Eden, in welchem sich Verbundenheit, Sinn und Schönheit in Harmonie vereinen – und es ist ein Verlangen, das uns auf die Vergangenheit verweist. Hartl will, wie eine (wohlwollende) Kritik geistreich titelt, «zurück in die Zukunft».

Vom Garten in die Stadt

Ich habe mich an dieser Stelle gefragt, ob man Hartls Anliegen nicht auch in ein anderes Narrativ hätte einpassen können, welches die Veränderungen und Errungenschaften unserer Zeit freimütiger anerkennen und konstruktiver integrieren könnte.

Von einer durch die biblische Mythologie inspirierten Metaphorik müsste man dabei gar nicht Abstand nehmen. Uns liegt im Spannungsbogen der Bibel ja nicht nur eine Urgeschichte vor, welche die Erschaffung des Menschen nach dem Ebenbild und der Bestimmung Gottes beschreibt (Genesis 1-3), sondern auch die Erzählung der Vollendung der Schöpfung: In den letzten beiden Kapiteln des christlichen Kanons wird das Bild einer heiligen Stadt gezeichnet, die sich auf die Erde herabsenkt und Gott mitten unter den Menschen eine Heimat gibt (Offenbarung 21-22).

Mich hat immer wieder fasziniert, dass die durch die biblischen Überlieferungen abgeschrittene Geschichte Gottes mit dem Menschen damit eine Bewegung vom Garten in die Stadt beschreibt – einen Weg von den Anfängen menschlichen Selbstbewusstseins über die Kultivierung der Schöpfung und den Ausbau der Zivilisation (mit all ihren Gefahren und Abgründen), bis hin zum «himmlischen Jerusalem».

Eine spirituelle Entwicklungsdynamik

So gelesen bezeugt die Bibel eine Entwicklungsdynamik, die nicht nach einer Wiederherstellung des ursprünglichen Gartens, sondern vielmehr nach einer «Heiligung der Stadt» ruft – nach einer Durchdringung des Lebens mit dem Bewusstsein der liebenden und heilsamen Gegenwart Gottes.

In der symbolisch aufgeladenen Beschreibung der Offenbarung geht von der Stadt darum auch die Heilung der Völker aus, die Gesundung dessen, was zerbrochen, geschunden, verloren wurde: Es ist der aus der Präsenz Gottes quellende Fluss, der sich von der Stadt in die Länder ergiesst und die Welt wieder aufblühen lässt (vgl. Offenbarung 22,1-5).

Sicher ist auch diese Bildwelt hochgradig deutungsoffen. Die Bewegung vom paradiesischen Garten in die himmlische Stadt spannt aber einen metaphorischen Rahmen auf, der es erlaubt, progressiver nach vorne zu denken, als es die Sehnsucht nach Eden nahelegt.

Wer die (metaphorische) Stadt vor Augen hat, wird dem Reflex leichter widerstehen, die «guten alten Zeiten» herbeizusehnen und stattdessen mit sozialen, technologischen, ästhetischen, geistesgeschichtlichen Transformationen rechnen, welche auch im Blick auf die genannten Herzensressourcen neue Chancen bereithalten.

Und sollten wir dann wirklich einmal im «himmlischen Jerusalem» ankommen, dann dürfen auch alle mit gutem Gewissen Champagner trinken.

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2 Kommentare zu „Hartl will zurück nach Eden“

  1. Ich denke nicht, dass Hartl die Stadt per se schlecht redet, sondern viel mehr eine falsche Ausrichtung der Stadt. Ein Problem beim Turmbau zu Babel war von mir ausgesehen, dass die Menschen sich nur noch um sich selbst drehten und „sich einen Namen machen wollten.“ Die Stadt Jerusalem richtet sich auf Gott und mit dem Blick auf Gott erhalten sie auch ihren Namen. Wenn ich also in „Eden Culture“ von Kontemplation anstatt Meditation lese, dann sehe ich Ansätze zum Wegsehen von sich selber. Schönheit erfahren, in dem ich mich nicht die ganze Zeit um mich drehe wie die Menschen beim Turmbau. Alte Gebäudestile erhalten Komplimente bei Hartl. Prämoderne Gebäude bieten philosophisch gesehen auch mehr Inhalt mit den Verzierungen, Symbolen und Bibelsprüchen. Kann es sein, dass Johannes Hartl aber gar nicht zurück zu alten Mustern will, sondern viel mehr schon unbewusst philosophische Ansätze der Metamoderne vertritt? Dies ist eine noch sehr unbeschriebene Philosophie, welche das Potenzial hat, als Nachfolgerin der Postmoderne zu gelten:
    http://www.metamodernism.org/

  2. Thomas Miertschischk

    Vielen Dank für diesen differenzierten Blogbeitrag!

    Mich fasziniert die Schilderung des himmlischen Jerusalem in Offenbarung 21-22 auch – vor allem wegen ihrer vielfältigen Rückbezüge auf unterschiedliche Stellen in den hebräischen Schriften (u.a. Genesis 2ff, Jesaja 65, Hesekiel, …).

    Aber bei aller Schönheit dieser Schilderung dürfen wir den apokalyptischen (Schreckens-)Kontext der rücksichtslosen Vernichtung alles und aller Gottwidrigen in der Offenbarung nicht vergessen; und dass es sich um einen klaren Bruch mit unserer Welt („neuer Himmel und neue Erde“) handelt. Selbst mitten in die Beschreibung des himmlischen Jerusalem hinein reicht noch die apokalyptische Vernichtungssehnsucht:

    Offenbarung 21:8 (Lutherbibel (2017))
    „Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“

    Offenbarung 22:15 (Lutherbibel (2017))
    „Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die Mörder und die Götzendiener und alle, die die Lüge lieben und tun.“

    Bis in die letzten Verse unserer kanonischen Schriften hinein reicht also die harte und unversöhnliche Unterscheidung zwischen richtig und falsch, gut und böse, zu der wir Menschen damals in Eden unbedingt fähig werden wollten – im (falschen) Glauben, wer so unterscheiden könne, sei wie Gott.

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