Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 6 Minuten

Die Schatten befreien

Wenn sich die Wahrnehmung verschiebt

Es beginnt eher unspektakulär. In dem Mass, in dem das äussere Getriebe abnimmt, verschiebt sich die Wahrnehmung. Was sonst überdeckt ist, tritt hervor: irritierende Gedanken, schwer erklärbare Reaktionen, kleine Affekte.

Nichts Dramatisches, eher feine Störungen im Blick auf mich selbst. Zudem ein klareres Bewusstsein für Dinge, die guttun.

In dieser Fastenzeit haben wir vom RefLab für diese Form der Sensibilisierung einen eigenen Raum geschaffen – einen Instagram-Channel (nur auf dem Smartphone). Bis Ostern ist er geöffnet.

In der vergangenen Woche haben wir uns gemeinsam auf das konzentriert, was der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung den «Schatten» nennt: nicht das offen Schlechte oder moralisch Böse, sondern das, was nicht zum eigenen Selbstbild passt – und gerade deshalb ausgeblendet wird.

Wo der Schatten auftaucht

Ich habe gemerkt: Eigentlich möchte ich nicht hinsehen – und anderen geht es wohl ähnlich. Hinzu kommt: Der Schatten zeigt sich selten direkt. Er lässt sich nicht fixieren, aber er lässt sich erahnen – besonders dort, wo Reaktionen unverhältnismässig stark ausfallen.

Ärger, Abwehr, moralische Empörung markieren oft die Stelle, an der das Selbstbild verteidigt wird.

Eine einfache, aber unbequeme Frage kann hier ansetzen:

Was genau stört mich an anderen – und warum gerade das?

Die Antwort bleibt meist unklar. Ich kann mir nicht sicher sein, ob eine Irritation tatsächlich eine Projektion ist. Aber manches, was mich aufbringt, verweist auf etwas Ungeklärtes im eigenen Inneren.

Lösung träumen

Ein Traum hat mir das in der Schattenarbeitswoche vor Augen geführt. Eine vertraute Person verhielt sich exakt wie sonst – dieselben Sätze, dieselben Gesten. Der Traum überzeichnete nichts, sondern wiederholte überraschend präzise, was bei mir sowohl Wut als auch Ohnmachtsgefühle auslöst.

Der Unterschied lag weder im Verhalten des Gegenübers noch in meiner Reaktion. Er lag in der Distanz, die der Traum ermöglichte – und in der Frage:

Warum reagiere ich eigentlich so heftig? Ich könnte auch ruhig – und stärker bei mir selbst bleiben.

Mit dieser Frage verschob sich der Fokus. Nicht mehr: Wie kann ich den anderen verändern? Was kann ich tun, um seine Anerkennung zu erlangen? Sondern: Was genau wird in mir aktiviert?

Das Beispiel zeigt: Schattenintegration gelingt oft eher indirekt. Ich kann meine Schatten nicht wie eine Agenda «abarbeiten».

Wenn ich mir aber ein Thema bewusst vornehme, kann sich tatsächlich etwas verschieben.

Was der Schatten umfasst

Den Schatten nur als Sammlung destruktiver Impulse zu verstehen, wäre eine Verengung. Aggression und Neid gehören dazu – und zugleich der Widerstand dagegen.

Neid macht hässlich, richtig? Neidisch? Ich doch nicht!

Hinter scheinbar grundlosen Schuldgefühlen, zum Beispiel dem Vater oder der Mutter gegenüber, kann uneingestandene Wut stecken; falls man als Erwachsene noch wie ein Kind das unbedingt-positive Elternbild schützt.

Aber auch Positives kann schattenhaft bleiben: Spontaneität, Kreativität oder Lebendigkeit, wenn ich sie nicht zulasse oder auslebe.

Schattenhaft ist alles, was keinen Platz in meinem Selbstbild hat.

Entscheidend ist nicht der moralische Gehalt, sondern die Ausgrenzung. Was nicht ins Bild passt, wird verdrängt – und wirkt gerade deshalb weiter.

Schatten ist nicht Trauma

Naheliegend ist die Frage, ob auch Trauma zum Schatten gehört. Beides belastet, beides entzieht sich dem direkten Zugriff. Und doch ist die Unterscheidung wichtig.

Trauma entsteht aus Überforderung – aus etwas, das zu viel ist, um es zu integrieren. Weil es das Bewusstsein sprengen würde. Der Schatten dagegen entsteht aus Verdrängung.

Das Trauma ist eine Wunde. Der Schatten ein blinder Fleck.

Beides verlangt Aufmerksamkeit – aber auf unterschiedliche Weise.

Schatten und moralische Gewissheit

Je klarer das Selbstbild, desto mehr muss ausgeschlossen werden – und desto stärker wirkt das Ausgeschlossene unbewusst weiter.

Damit wird auch moralische Gewissheit fragil.

Der theologische Begriff der Sünde setzt Bewusstsein voraus – ein Wissen darum, dass etwas falsch ist. Der Schatten dagegen prägt Wahrnehmung und Urteil, bevor sie bewusst werden.

Der «gute» Mensch

Nicht nur mein Handeln ist begrenzt, sondern auch mein Wissen über meine eigenen Motive. Bestätigt sich hier nicht immer wieder Freuds Satz:

«Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus»?

C. G. Jung betonte, dass der Schatten nicht durch moralische Korrektur verschwindet. Im Gegenteil: Ein starkes Selbstbild als «guter Mensch» kann ihn stabilisieren.

Das ist religiös relevant.

Gerade erleben wir, was noch vor kurzem unvorstellbar war: hemmungslose Projektion des Bösen und Antichristlichen auf andere, verbunden mit Fantasien reinigender Endschlachten. Und naiver Bereitschaft, in destruktiven Machthabern Heilsbringer zu sehen. Die Haltung dahinter ist das Gegenteil von menschenfreundlich – sie ist nihilistisch.

Schattenarbeit ist nicht nur privat.

Der Schatten im Gottesbild

Jung radikalisierte diesen Gedanken der Verstärkung der Schatten durch Abwehr jeglicher Ambivalenz noch. In seiner Deutung der biblischen Hiob-Erzählung liest er selbst das Gottesbild als spannungsvoll: nicht nur Güte und Ordnung, sondern auch Willkür und Zerstörung.

Theologisch ist das umstritten, psychologisch aber erhellend: Der Mensch projiziert seine eigene innere Ganzheit – Licht und Schatten – in seine höchsten Vorstellungen.

Wenn das zutrifft, erzählt Religion nicht nur von Gott, sondern auch von der allmählichen Wahrnehmung einer Spannung, die im Menschen selbst liegt.

Eine andere Form von Selbsterkenntnis

Integration bedeutet nicht, das Dunkle durch Willensanstrengung oder «Arbeit» aufzulösen. Eher geht es darum, den Schatten als Teil der eigenen Persönlichkeitsstruktur wahrzunehmen.

Jung spricht von einer «Mitte», die entsteht, wenn Licht und Schatten zugleich gesehen werden.

Gemeint ist keine billige Harmonie, sondern die Fähigkeit, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten.

Wenn Routinen – etwa im Fasten – bewusst unterbrochen werden, kann eine solche Wahrnehmung überhaupt erst möglich werden. Man lernt sich nicht neu im Sinne eines endlich klaren Selbstbildes kennen, sondern wird aufmerksamer für Dissonanzen, Ambivalenzen, Selbsttäuschungen.

Man wird sich selbst gegenüber ehrlicher.

Und vielleicht beginnt genau hier eine Form von Selbsterkenntnis, die ohne Selbstverurteilung auskommt – aber auch ohne die bequeme Annahme, man wisse eh schon, wer man ist.

Fragen zur Selbsterkundung

  • Was in mir hat noch keinen Ort?
  • Was hindert mich noch daran, wirklich lebendig zu sein?
  • Wenn das Gegenteil von mir plötzlich sichtbar würde – wie sähe es aus?
  • Welche Eigenschaften an anderen Menschen machen mich sofort wütend oder abweisend?
  • Wo bin ich besonders kontrolliert oder diszipliniert?
  • Was würde passieren, wenn ich diese Kontrolle loslasse?

Es geht dabei nicht darum, schnelle Antworten zu finden. Manchmal genügt es, eine Frage eine Weile mit sich herumzutragen – und zu beobachten, was sich im Laufe der Zeit zeigt.

Foto von Fidan Nazim qizi auf Pexels

 

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