Hazel Brugger verglich in einem Interview einmal Menschen ohne Kinder mit alten Handys, die man nur zum Telefonieren brauchen könne. Mit einem Kind werde man plötzlich zum Smartphone, das alle möglichen Zusatzfunktionen und Superkräfte habe.
Ich weiss natürlich, was Brugger meint: Wer ein Kind bekommt, hat es auf einen Schlag mit ganz neuen Herausforderungen zu tun, die auch neue Fähigkeiten wachsen lassen. Geschichten mit verteilten Stimmen erzählen, bis das Kind einschläft. Brei füttern und den Löffel rechtzeitig wegziehen, wenn Baby danach schlägt.
Doch wahrer Kern und Comedy hin oder her: Mir, einer Person ohne eigene Kinder, versetzt diese Aussage einen Stich.
Denn die Einstellung, dass das Leben vor allem von Frauen erst mit Kindern wirklich erfüllt sei, ist weit verbreitet.
(Umgekehrt gibt es auch die Meinung, dass insbesondere Mütter weniger für die Gesellschaft leisten, weil sie oft Teilzeit arbeiten. Genauso falsch, aber hier nicht Thema.)
Als Frau ohne Kinder bin ich kein «Dumbphone», das nur das Nötigste kann, und mein Leben hat ohne eigene Kleinfamilie genau so viel Sinn und Wert.
Mental Load macht Eltern und v. a. Mütter zum «Smartphone», ja – aber zu einem hohen Preis, wie ich von Frauen in meinem Umfeld höre. Idealvorstellungen, was man alles können und sollen müsste, schaffen Druck.
Diese Fähigkeiten sind nicht einfach Superkräfte. Es sind Reaktionen auf Situationen, die oft auch Überforderungen sind.
Mit wenig Schlaf auszukommen beispielsweise, ist nicht erstrebenswert, sondern mit kleinen Kindern schlicht eine Notwendigkeit.
Ohne Menschen mit Kindern gegen diejenigen ohne auszuspielen: Ich glaube, viele Erfahrungen und Eigenschaften, von denen Eltern berichten, wären eigentlich ein ganz normaler Teil des Menschseins.
Vom Dorf zum Individuum – und wieder zurück
Kinder grosszuziehen, mit Menschen aller Generationen zusammenzuleben, gehört existenziell zum Leben dazu. Im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft ging aber das sprichwörtliche «Dorf» verloren, das über Jahrtausende dazugehörte. Und damit konzentrieren sich auch die «Smartphone-Fähigkeiten» auf einzelne Individuen – Mütter und Väter.
An den Herausforderungen zu wachsen, die das Leben mit anderen Menschen mit sich bringt, ist etwas völlig normales.
Menschen ohne eigene Kinder können diesen Erfahrungen vielleicht einfach eher aus dem Weg gehen. Auch das ist eine Folge der Individualisierung.
Oft lernen sie diese Lebenslektionen aber auf anderen Wegen – denn alltägliche und existenzielle Herausforderungen, die einen an Grenzen bringen und wachsen lassen, sind nicht auf Elternschaft beschränkt.
Deswegen im Folgenden eine kleine Zusammenstellung von wichtigen Eigenschaften, die mit Elternschaft assoziiert werden, die wir alle kultivieren sollten – ob mit eigenen Kindern oder nicht.
Zum Beispiel Geduld.
Geduld ist etwas vom Wichtigsten, was Eltern gezwungenermassen lernen: anziehen oder Mahlzeiten mit dem doppelten Zeitbudget, auf dem Weg in die Spielgruppe immer wieder stehen bleiben, immer wieder das gleiche wiederholen müssen. Denn effizient und schnell sein passt nicht zu kleinen Kindern.
Doch sich Zeit zu nehmen, sich nicht zu ärgern, wenn etwas mal länger dauert: Das tut auch Menschen ohne Kindern gut. Diese Fähigkeit steht quer zum Alltag, zur Welt, die sich in immer schnellerem Tempo dreht.
Doch der Rhythmus des Lebens entspricht nun mal nicht dem Stakkato der Leistungsgesellschaft.
Der Takt, den die kapitalistische Welt heute an den Tag legt, ist für alle ungesund und oft auch realitätsfremd.
Bis eine Pflanze wächst, dauert es. Eine Verletzung oder Erkrankung braucht Zeit, um zu heilen. Manchmal sind wir gezwungen, es langsamer anzugehen. Und immer wieder sind wir auch froh, wenn andere Geduld mit uns haben.
Oder für andere zu sorgen.
Kinder können noch nicht für sich selber sorgen. Ein Säugling kommt komplett hilflos zur Welt. Wer Eltern wird, trägt also von einem Tag auf den anderen die Verantwortung für einen anderen Menschen. Und das bis in ihr Erwachsenenalter: Unterstützung bei Hausaufgaben, Suche nach einem Ausbildungsplatz, Kümmern bei Krankheit oder Behinderung.
Doch auch ohne Kinder gibt es Situationen, in denen man sich gegenseitig unterstützen muss, um weiter- oder durchzukommen. Vom nachbarschaftlichen Pflanzengiessen im Urlaub über das offene Ohr in einer Krisensituation bis zum kranken Partner oder im Alter, wenn die meisten wieder auf ganz praktische Hilfe angewiesen sind.
Das Narrativ von der völligen Unabhängigkeit als anzustrebendes Ideal entspricht nicht dem, wie menschliches Leben angelegt ist. Nämlich als Leben in Gemeinschaft, im Austausch, in Verbundenheit.
Wer eigene Kinder hat, erlebt diese Abhängigkeit ganz nah. Doch auch in anderen Lebenssituationen ist das gefordert.
Für andere zu sorgen, gehört existenziell zum Menschsein dazu. Es soll keine Last sein, sondern etwas, was verbindet.
Und ja: Auch um Hilfe bitten zu können, ist eine Stärke.
Lieben ist menschlich
Es gäbe noch viele andere Eigenschaften, Haltungen und Fähigkeiten, die man hier erwähnen könnte.
Etwa den Wunsch, der bei Eltern oft stärker wird, die Welt für die nächste Generation besser zu hinterlassen. Oder die absolute Bereicherung des Lebens, mit Kindern zu spielen und ihre unfassbar lustigen Aussagen und kreativen Ideen zu erleben. Das Leben als Wunder zu betrachten.
Der Wert von Beziehungen egal welcher Art, auch zu «chosen family» («Wahlfamilie»).
Denn ob man im Alter einsam ist oder nicht, hängt wohl nicht primär mit der Nachkommenschaft zusammen, sondern damit, ob man generell Beziehungen gepflegt hat oder nicht.
Aus Liebe zu anderen Menschen etwas zurückzustellen. Prioritäten zu setzen, die nicht an Karriere, Wohlstand und Status geknüpft sind, sondern echten Sinn ins Leben bringen. Anzuerkennen, dass «gut genug» besser ist als «perfekt», und dass alle Menschen Fehler machen.
Herausforderungen anzunehmen, Risiken einzugehen, sich weiterzuentwickeln.
Alles Dinge, die mit Elternschaft assoziiert werden.
Liebe, Fürsorge, Geduld, Selbstzurücknahme (übrigens alles Dinge, die in der Bibel vom Apostel Paulus als «Früchte des Heiligen Geistes» beschrieben werden, Galater 5,23–24): Das sind nicht dezidiert mütterliche Errungenschaften, auch wenn sie dazu gemacht wurden und als weibliches Ideal propagiert werden. Sondern es sind schlicht und einfach menschliche Fähigkeiten, die wir alle anstreben sollten.
Illustration: Naila Conita/Unsplash
Ganz viele RefLab-Beiträge zum Thema Elternschaft und Familie sind in diesem Übersichts-Artikel zusammengestellt.





