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 Lesedauer: 4 Minuten

Wenn der Algorithmus zum Seelsorger wird – Studie von «Digital Religion(s)»

Ein Tsunami kündigt sich an, indem sich erst einmal das Meer zurückzieht, um dann umso heftiger die Ufer zu überspülen. Künstliche Intelligenz ist wie eine mächtige Tsunamiwelle, deren Wucht immer spürbarer wird – ohne dass die vollen Ausmasse bereits bekannt wären. Die Fundamente unserer Bildungskultur, die Erziehung zum Benutzen des eigenen Verstandes, aber auch religiöse Traditionen drohen unterspült zu werden.

Gleichzeitig bergen gerade die humanistische Kultur und die spirituellen und religiösen Traditionen Mittel der Resilienz.

Benutze deinen eigenen Verstand!

Für Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. eine Enzyklika angekündigt. Der Titel «Magnifica humanitas» appelliert explizit an die Humanität. Es geht in dem Lehrschreiben um die «Bewahrung des Menschen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz». In Zürich wird bereits seit mehreren Jahren einschlägige Grundlagenforschung betrieben: im interdisziplinären Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)»; ein in dieser Form einzigartiges Projekt im deutschsprachigen Raum.

Im Podcastgespräch geben Professor Thomas Schlag und die Doktoratsstudentin Sina Horner exklusiv Einblicke in eine aktuelle Studie zur Nutzung von künstlicher Intelligenz für persönliche Lebensfragen. Befragt wurden rund 500 junge Erwachsene in der Schweiz.

Thomas Schlag; Foto UFSP
Sina Horner; Foto: UFSP

Einbrüche religiöser Zugehörigkeit

Die Ergebnisse der Pilotstudie bestätigen: KI wird immer stärker nicht nur als Werkzeug, sondern als Gesprächspartner und Lebensratgeber genutzt. Existenzielle Fragen spielen auch im KI-Zeitalter eine grosse Rolle. Die Verankerung in traditionellen christlichen Kirchen und Milieus aber erfährt bei Jüngeren regelrechte Einbrüche. Thomas Schlag und Sina Horner erzählen, was sie überrascht hat – und was die aktuellen Verschiebungen für Kirche, Seelsorge und unsere Vorstellung von Menschlichkeit bedeuten könnten.

Die Züricher Studie stimm nachdenklich. Die Forscher:innen appellieren, die Bedürfnisse heutiger Menschen ernst zu nehmen und Personen, die bei KI Hilfe suchen, nicht vorschnell zu verurteilen. Gleichzeitig gelte es, kritisches Bewusstsein und Resilienz zu stärken. In diese Richtung zielt auch die päpstliche Enzykika:

«Wir müssen die Gabe der Kommunikation als tiefste Wahrheit des Menschen bewahren, an der sich auch jede technologische Neuerung orientieren muss.»

Das päpstliche Schreiben warnt vor erheblichen Risiken KI-gesteuerter Inhalte, menschenähnlichen ChatBots, gewinnorientierter algorithmischer Inhaltssteuerung und drohender Erosion des Denkvermögens durch einseitige Informationen.

Was tun?

Raus aus dem Netz? Oder das Netz menschlicher gestalten?

Wir reagieren mit einer paradoxen Intervention: Seit heute ist ein Jesus-Bot freigeschaltet, der zu mehr Menschlichkeit ermutigen will: «Sharing Jesus».

Ihr könnt hier mit dem Jesus-Bot chatten.

Auf die Sinnfrage antwortete er mir so: «Der christliche Glaube sagt: Du bist nicht zufällig da. Du darfst dich als von Gott gewollt sehen – nicht wegen deiner Erfolge, sondern weil er dich liebt. Das verändert alles. Dein Leben ist nicht einfach eine Reihe von Jahren, die vorbeiziehen. Es ist eine Beziehung, die jetzt anfangen kann.»

«Sharing Jesus» ist ein KI-Experiment von RefLab und Fokus Theologie. Entwickelt hat den Jesus-Bot der Theologe und Innovationsexperte Spiro Mavrias. Siehe auch diese «Geist.Zeit»-Episode zur Frage, wie Jesus die KI trainieren würde mit Christina aus der Au. 

Sharing Jesus

Triloge «Im Spiegel der KI»

Die Podcastepisode «Wenn der Algorithmus zum Seelsorger wird» ist Teil drei der Trilogie «Im Spiegel der KI»: Im ersten Teil klärt der

Thomas Schlag ist Professor für Praktische Theologie und leitet den Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)» an der Universität Zürich. Er erforscht, wie digitale Kultur religiöse Bildung und Praxis verändert.

Sina Horner ist Doktorandin im Projekt «Digital Religion(s)» der Universität Zürich. Sie untersucht, wie junge Erwachsene KI als Lebensratgeber für persönliche und existenzielle Fragen nutzen.

Der UFSP-Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)» untersucht, «wie die gegenwärtigen Digitalisierungsdynamiken die Religionspraxis von Individuen und Institutionen beeinflussen, prägen und transformieren.» Themen und Inhalte der Forschung sind u.a. religiöse Identitätsbildung und die Entwicklung von gemeinschaftlichen online-offline Netzwerken, mediale Kommunikationspraktiken des Trauerns und der Seelsorge sowie Phänomene religionsbezogener digitaler Bildung.

Mit Thomas Schlag gibt es auch eine Episode des RefLab-Podcasts «Holy Embodied»: «Verhilft uns KI zu neuen spirituellen Durchbrüchen».

 

Alle Beiträge zu «Im Spiegel der KI»

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