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 Lesedauer: 9 Minuten

Wem gehört die Zukunft? Religion im KI-Zeitalter

Ich bin in Rom, um einen Vortrag zu halten: über das Rosenkreuzertum des frühen 17. Jahrhunderts. Dieses verband christliche Endzeiterwartung und Techno-Utopie, fiel damals besonders im calvinistischen Heidelberg auf fruchtbaren Boden – und geriet dann wieder in Vergessenheit.

Schon im ersten Panel des ersten Konferenztages wird mir klar: Die Frage nach dem Zusammenspiel von technischen Heilsversprechen und Untergangsängsten treibt viele hier um. Was wird aus der Menschlichkeit angesichts scheinbar übermächtiger Maschinen und Systeme? Religionsforschung und Theologie werden, so mein Eindruck, gerade aufgemischt.

Einige Themen, Begriffe und Ideen aus einer reichhaltigen Konferenz mit rund 1200 Teilnehmenden – die amerikanischen Megakonferenz American Academy of Religion (AAR) ist siebenmal grösser – fasse ich hier kurz zusammen.

Ein Branchentreffen, das sich neu erfindet

Zunächst zur Europan Academy of Relgion (EuARe). Sie wurde vor einigen Jahren als europäisches Pendant zur American Academy of Religion gegründet. Mitinitiator Hans-Peter Grosshans wollte einen Ort schaffen, an dem sichtbar wird, was in der europäischen Religionswissenschaft und Theologie gedacht wird: christlich, muslimisch, buddhistisch, jüdisch, im intensiven Gespräch, und ohne die Mehrkosten einer Reise in die USA.

Herausgekommen ist ein jährliches Treffen in wechselnden europäischen Städten, das sich bewusst dem digitalen Mainstream verweigert: kein Hybrid-Format, kein schnelles Networking, dafür dichte Diskussionen.

Letztes Jahr standen Digitalisierung und KI noch am Rand – und es wirkte fast wie Ignoranz.

Dieses Jahr das Gegenteil: Ganztägige Panels, Grundsatzreferate, hitzige Diskussionen auf Podien und in den Pausen: über das Menschliche im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, die Resilienz von Religion gegenüber algorithmischen Systemen und durch KI und Digitalisierung verstärkte Ungleichheit. «Religion and (In)equalities»  lautet das Konfernzmotto. Die Frage, die sich durch alle Tage zieht:

Was braucht es, um in dieser Transformation nicht nur mitzulaufen, sondern Haltung zu zeigen?

«Besitzt ihr euer Smartphone?»

Eine der prägendsten Stimmen ist Paolo Benanti, Ingenieur, Ordensmann und Bioethiker, der sich seit Jahren mit den Machtverhältnissen hinter der KI-Infrastruktur befasst und der Frage nach wachsender Ungleichheit. Der Franziskaner gilt als wichtigster Stichwortgeber der jüngsten päpstlichen Enzyklika «Magnifica Humanitas» zur Menschlichkeit im KI-Zeitalter (hier der Link dazu sowie eine Rezension).

Benanti eröffnet mit einer einfachen, aber einprägsamen Frage: «Besitzt ihr euer Smartphone?» Die Antwort: nicht wirklich.

Wir besitzen die Hardware, aber die Software, die das Gerät fortlaufend neu konfiguriert, gehört dem Unternehmen. Dabei laufen immer mehr Dinge des täglichen Lebens nur noch über das Handy. Man kann die Software nicht umschreiben, nicht einsehen, nicht kontrollieren.

Wir sind Pächter, nicht Eigentümer.

Das klingt technisch, reicht aber tief. Benanti zeigt, wie das römische Recht, das Eigentum seit Jahrhunderten in «usus» (Gebrauch), «abusus» (Veränderung oder Zerstörung) und «fructus» (Ertrag) unterscheidet, hier an eine Grenze stösst. Die Kategorie des Besitzes greift nicht mehr – und mit ihr geraten Souveränität, Verantwortung und Kontrolle ins Rutschen.

Ausgeblendete Basis

Was ihn besonders beschäftigt: Die «Cloud» klingt schwebend, ist aber alles andere als leicht. Dahinter stecken Silizium, Kühlwasser, seltene Erden und Rechenzentren, die bis zu 40 Prozent ihres Energieverbrauchs allein für Kühlung aufwenden.

Allein die vier grössten KI-Unternehmen investieren dieses Jahr 650 Milliarden Dollar – den Löwenanteil keineswegs in Sprachmodelle, sondern in Hardware. Wer beim Goldrausch verdienen will, sagt Benanti, verkauft keine Goldnuggets, sondern Schaufeln.

Die Konzerne sichern sich gerade die Infrastruktur und dadurch Zukunftsvorteile.

Wem gehört die Zukunft? Wer erhält im Fall von Energieknappheit Priorität: ein Krankenhaus oder ein Rechenzentrum? Das sind nicht bloss technische Fragen, sondern politische und theologische.

Die Ideologie hinter dem Silicon Valley

Ein Panel widmet sich den religiösen Wurzeln von Techno-Versprechen: «Religious Roots of Transhumanism and Cosmism». Auffallend: Auf dem Podium und im Publikum sitzen vor allem jüngere Forschende.

Sie machen sichtbar, was wenigen klar ist: Der Transhumanismus, die Idee vom technisch erweiterten oder überwundenen Menschen, tritt als säkulare Silicon-Valley-Ideologie auf. Doch die Grundstruktur hinter Biohacking, Neuralink, Lebensverlängerung und Mars-Kolonisierung ist nicht rational, sondern eschatologisch.

Eschatologisch heisst: bezogen auf die letzten Dinge, das Ende der Welt oder Geschichte.

Dieselben Motive, die die Religionsgeschichte seit Jahrhunderten durchziehen – Tod, Auferstehung, Jüngstes Gericht, Reich Gottes – tauchen heute wieder auf, aber in technischem Gewand. Die Gegenwart gilt als defizitär, der Mensch als mangelhaft. Ein radikaler Bruch steht bevor, eine neue Existenzform.

Was früher Apokalypse hiess, heisst heute «Singularität». Singularität, propagiert vor allem vom Tech-Entrepreneur Sam Altman, bezeichnet den hypothetischen Zeitpunkt, an dem künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft und eine selbstverstärkende, für Menschen nicht mehr vorhersehbare technologische Entwicklung auslöst.

Der Mensch erscheint hier als Erlöser seiner eigenen Natur – und schafft sich gleichzeitig ab.

Transhumanismus und Kosmismus

Julian Huxley, Bruder von Aldous Huxley, prägte in den 1950er Jahren den Begriff «Transhumanism» und dachte den Menschen als «Agent of Evolution»: kein fertiges Wesen, sondern ein Work in progress.

Der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin beschrieb im 20. Jahrhundert Evolution als spirituellen Prozess, der auf einen «Omega Point» zuläuft, den er mit dem «kosmischen Christus» identifizierte.

Huxley und Teilhard standen im Briefwechsel. Sie teilten die Überzeugung, dass Geschichte eine Richtung hat und dem Menschen eine kosmische Aufgabe zukommt.

Das Panel spannt die Linie weiter: Der russische Kosmist Nikolai Fyodorov forderte Ende des 19. Jahrhunderts die technologische Wiederbelebung aller Toten und ihre Ansiedlung auf der Erde; und weil diese nicht ausreicht, auf  weiteren Planeten. Konstantin Tsiolkovsky verstand Raumfahrt als metaphysische Mission.

Als geistige Wurzel gilt der deutsche Idealismus, allen voran Schelling, der die Menschheitsgeschichte als Prozess der Erlösung der gefallenen Natur betrachtete.

Genau hier liegt die Verbindung, die ich aus dem frühen 17. Jahrhundert kenne: Schon in den Rosenkreuzerschriften wird Wissenschaft «soteriologisch» gedacht – auf Erlösung bezogen.

Technik als Instrument kosmischer Restitution nach dem Sündenfall.

Die Geschichte des Transhumanismus beginnt nicht im 20. Jahrhundert, sondern in der frühen Neuzeit. Nur war damals ein in Philosophie und Religion gegründeter Mechanismus eingebaut, der die Wissensaneignung begrenzte. Dieser Mechanismus ist verschwunden.

Peter Thiel und die tickende Uhr

Wolfgang Palaver, politischer Theologe aus Innsbruck, steht seit Jahren im Austausch mit dem Tech-Investor Peter Thiel und gab Einblick in dessen Weltbild. Thiel – PayPal-Mitgründer, Investor, politischer Strippenzieher – operiert seit einigen Jahren in einer apokalyptischen Grammatik: ein klarer Feind (China, Regulierung, Greta Thunberg), ein Ziel (technologische Überlegenheit) und akuter Handlungsdruck (die Uhr tickt). Sein Argument: China beschleunigt, also darf der Westen nicht bremsen.

Moralische Schranken, ethische Regulierung und kirchliche Einwände – alles einseitige Selbstfesselung.

Kürzlich behauptete der Silicon-Valley-Investor bei einem Auftritt, der Papst arbeite faktisch «für die chinesischen Kommunisten» – und wurde vom Publikum ausgelacht. Bemerkenswert bleibt, dass Thiel das philosophische und theologische Gespräch überhaupt sucht und kirchliche Texte liest. Die optimistische Deutung: Er will sich nicht vollständig abkoppeln, sondern verantwortlich bleiben, wenn auch auf seine Weise.

Ausgerechnet das kirchliche Dokument, das er ablehnt, die päpstliche Enzyklika, zitiert Tolkien, Thiels Lieblingsschriftsteller:

«Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Strömungen der Welt zu beherrschen. Unsere Aufgabe ist es, in der Zeit, die uns gegeben ist, das Gute zu tun, das in unserer Macht steht.»

Thiel hat (laut Palaver) «Herr der Ringe» sechsmal gelesen. Wahrscheinlich hat er nicht zu Unrecht das Gefühl, dass die Gandalf-Zeile auf ihn gemünzt sein könnte.

KI hat es empfohlen

Aus dem Panel zu Techno-Moral und KI als Begleiter oder Gottesersatz ist mir ein Begriff geblieben: «Moral Buffer Effect». Wer Entscheidungen mithilfe von KI-Assistenten trifft, handelt tendenziell unethischer – und empfindet dabei weniger persönliche Verantwortung.

Die Formel lautet «Die KI empfiehlt es», nicht «Ich habe entschieden.»

Die Maschine erzeugt psychologische Distanz zwischen Handlung und Verantwortung. Verantwortung versickert. Dasselbe im militärischen Bereich: Ein Software-Upgrade kann eine Drohne in eine Waffe verwandeln. Wer hat das entschieden: die Software, die Firma, der Algorithmus, ein Mensch, fragt Benanti?

Wenn Verantwortung diffus wird, lässt sie sich nicht mehr einfordern.

Was lässt sich mitnehmen aus einer solchen Konferenz?

Es reicht nicht, Nutzer digitaler Werkzeuge zu sein, und es reicht auch nicht, christliche KI zu fordern oder religiöse Werte in Algorithmen einzuspeisen. Etwas Tieferes ist notwenig: ein Verständnis davon, wie Technologien schon beim Entwurf etwas über Menschen und Welt voraussetzen.

Wer Software baut, trifft Entscheidungen über Kontrolle, Transparenz, Eigentum und Verantwortung. Diese Entscheidungen sind nicht neutral, und sie sind nicht unvermeidlich.

Die reformierte Tradition, in der vor 400 Jahren in Heidelberg die Rosenkreuzer-Ideen auf fruchtbaren Boden fielen, hatte für ein verwandtes Problem eine Antwort, lange bevor es Software gab. Ihr Kerngedanke: Kein Mittler soll sich zwischen den Einzelnen und seine Verantwortung stellen. Jeder Mensch steht unmittelbar für sein Handeln ein: das «Priestertum aller Gläubigen» als Absage an jede Pufferzone zwischen Tat und Gewissen.

Kein moralischer Puffer, keine Resignation

Genau diese Pufferzone baut sich jetzt neu auf, nur technisch. Der «Moral Buffer Effect» ist die säkulare Version dessen, was die Reformatoren an kirchlicher Vermittlung kritisierten: eine Instanz, die zwischen Handlung und Gewissen tritt und beides bequemer macht. Eine protestantische Antwort auf künstliche Intelligenz würde nicht zuerst fragen, wie man Maschinen moralischer macht. Sie würde fragen.

Warum wollen Menschen überhaupt ihre Verantwortung an Maschinen delegieren?

Es gibt keinen Grund, den Mut sinken zu lassen. Künstliche Intelligenz ist nicht naturgegeben. Es darf nicht einigen wenigen überlassen bleiben, die Richtung vorzugeben – nicht bei etwas, das so grundlegend Leben und Menschsein im Kern berührt und verändert. Und am Ende darf es nicht die Maschine sein, die antwortet, wenn gefragt wird: Wer hat die Entscheidung getroffen?

Technik allein kann kein ethisches Fundament bauen. Gerade deshalb braucht es philosophische, theologische und geisteswissenschaftliche Kompetenz heute dringender denn je.

Zu Digitalisierung und KI gibt es im RefLab ein Dossier, das laufend erweitert wird («Themenwelt»).

Drei kürzlich erschienene Episoden des Podcasts «Himmel & Erdung» befassten sich mit der Thematik unter dem Serientitel «Im Spiegel der KI»:

Siehe auch den Podcast «Geist.Zeit»; eine aktuelle Episode «Thomas Schlag: Post-digitale Zeiten, KI und die Frage nach dem Menschlichen»

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt «Digital Religion(s)» leistet in dem Feld wertvolle Pionier- und Grundlagenarbeit.

Foto von Cash Macanaya für Unsplash

1 Kommentar zu „Wem gehört die Zukunft? Religion im KI-Zeitalter“

  1. @reflab
    Danke für Deine Berichterstattung.

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