Die Lichter in den Gängen gehen an, während auf der Leinwand noch der Abspann läuft. Die Schrift wandert langsam vom unteren zum oberen Rand. Die übliche Musik, die Film-Enden eine Abschlussstimmung verleiht, fehlt. Die letzten Zeilen verschwinden nach oben. Zurück bleiben eine leere, nackte Projektionsfläche und das Publikum im Saal.
Der Abspann läuft ins Leere
Alle Augen scheinen der verschwindenden Schrift bis zu den letzten Buchstaben zu folgen. Zwei Dinge stellen sich gleichzeitig ein: Erleichterung, dass es vorbei ist, dass keine weiteren Szenen, Bekenntnisse und Schilderungen von Kriegshandlungen im Zeitalter des KI-gestützten Tötens mehr folgen. Und Schrecken darüber, dass nichts mehr kommt: keine Auflösung, keine Entlastung.
Das weissliche Licht der leeren Leinwand mischt sich mit der fahlen Saalbeleuchtung, das Publikum verharrt regungslos in den roten Samtsesseln. Kein Wort, kein Geräusch, vollkommene Erstarrung. Es könnten Pappfiguren sein, die in den Sesseln postiert sind, alle nach vorne ausgerichtet, obwohl dort nichts mehr kommt.
Mein Körper fühlt sich schwer an, als hätte ihn etwas in die Polster gedrückt.
Die Suche nach Worten
Eine Stille ist im Raum, wie wir sie nie zuvor bei einem Kinobesuch erlebt haben. Eine Stille, die sich kaum in Worte fassen lässt. Betretenes Schweigen trifft es nicht wirklich. Betreten schweigt man, wenn etwas peinlich ist, nach einem missglückten Witz oder einem Fehler, für den sich niemand zuständig fühlen will. Betretenes Schweigen ist das Schweigen der Verlegenheit.
Beklommen kommt ihm vielleicht näher. In der Beklommenheit stecken Enge, Druck, Traurigkeit. Oder bleiernes Schweigen: eine träge, schwere Stille, die sich kaum auflösen lässt. Etwas Drückendes, Schweres hält die Leute steif in den Sesseln.
Eine Empfindung, nicht weit entfernt vom lähmenden oder ohnmächtigen Schweigen, das entsteht, wenn man spürt, dass man nichts ausrichten, nichts ändern, nichts Sinnvolles entgegnen kann.
Erschüttert wäre ein weiteres Wort, oder Schweigen aus Fassungslosigkeit.
Sich selbst zurückgegeben
Vielleicht ist es auch ein fast erschrockenes Schweigen. Solange der Film lief, war die Aufmerksamkeit vorne gebunden. Die Frage, was das alles mit mir zu tun hat, stellte sich nicht. Jetzt ist der Film vorbei, das Saallicht an, und jeder ist sich selbst zurückgegeben.
Für einen Moment weiss man nicht, was man damit anfangen soll.
Jetzt muss ich mit dem zurechtkommen, was ich gesehen habe, was geschehen ist: nicht in grauer Vorzeit, nicht in der Zeit meiner Grosseltern, sondern während meiner eigenen Lebensspanne.
Es ist vielleicht auch ein schamhaftes Schweigen. Falls man selbst zu denen gehört, die es aussitzen wollten, die nichts gesagt haben, weil Schweigen einfacher war. Ein Schweigen aus Rücksichtnahme, das trotzdem schuldig fühlen lässt und innerlich beschwert.
Ein Schweigen, das den Einzelnen übersteigt
Keines dieser Wörter reicht aus für die Stille nach dem Film. Am nächsten kommt ihr vielleicht ein Begriff, der zunächst ungewohnt wirkt: ein beinahe sakrales Schweigen.
Sakral nicht in der kirchlichen, sondern in der ursprünglicheren Bedeutung des Wortes, in dem Opfer steckt: der Mensch, dem Gewalt angetan wird, wie auch die Gabe, die Gott oder den Göttern dargebracht wird. Ursprünglich war das Opfer ein heiliger Akt, etwas, vor dem man verstummte.
Diese alte Schicht des Wortes tritt auf einmal im Kinosaal hervor. Man schweigt, wie man vor etwas schweigt, das einen übersteigt. In diesem Schweigen ist man nicht nur als Einzelner betreten, beschämt oder ratlos, sondern als Gruppe.
Etwas wird durch die Dokumentation berührt, das das Menschsein selbst betrifft: die Menschlichkeit, an der jeder im Saal teilhat und die auf der Leinwand verletzt wurde.

Der Titel «NAZA»
«NAZA» ist das hebräische Militärkürzel für Kollateralschaden. Es bezeichnet die vorab geschätzte Zahl ziviler Toter pro Angriff. Nach dem 7. Oktober wurden diese Schwellen offenbar drastisch erhöht.
Das KI-basierte System «Gospel» dient der Zielidentifizierung, «Where’s Daddy?» erkennt über Smartphones der Familie, wenn eine markierte Person ihr Zuhause betritt.
Da sich Zielpersonen nachts in ihren Wohnungen leichter töten liessen, nahm man das Sterben von Angehörigen (Frauen, Kinder, Grosseltern), wie beteiligte Soldaten im Film schildern, bewusst in Kauf. Die sogenannten «Kollateralschäden» hatten daher oft eine Stimme und ein Gesicht. Ihre Schreie nach dem Angriff konnten in Echtzeit mitgehört werden. Auch davon berichten Soldaten im Film.
Ein Film ohne Ende
«NAZA» ist nach 77 Minuten vorbei. Gaza aber ist kein fertiger Film, den man in eine Hülle stecken und archivieren könnte. Gaza läuft weiter. Nicht auf der Leinwand, sondern im realen Leben. Das KI-gesteuerte Töten dauert an, nicht nur in Gaza, sondern auch in anderen Hightech-Kriegsschauplätzen unserer Gegenwart.
Die Ersten erheben sich aus den Sesseln, andere folgen langsam. Das Publikum wandert in einer stummen Prozession zu den Ausgängen. Es ist verbunden in einem unsagbaren Schweigen – und ein Gedanke setzt sich in mir fest: Über Gaza kann eigentlich niemand länger schweigen.
Die Gaza-Dokumentation «NAZA» des israelischen Regisseurs Yuval Abraham und der Co-Regisseurin Rachel Szor wird voraussichtlich Ende November 2026 kostenlos im Youtube-Stream veröffentlicht.
Fotos: Foto von Zhyar Ibrahim auf Unsplash







