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Die schrägste Fussball-WM aller Zeiten

Am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, beginnt aller Wahrscheinlichkeit nach die schrägste Fussball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Austragungsorte sind Mexiko, Kanada und die USA – also drei Länder, die sich politisch ungefähr so einig sind wie eine WhatsApp-Familiengruppe kurz vor Weihnachten.

Die Schweizer Nationalmannschaft ist ebenfalls dabei. Der vorbestrafte Stürmer Breel Embolo scheiterte zunächst an einer der härtesten Defensivreihen des Turniers: der Amerikanischen Visabürokratie. Er konnte aber nach diplomatischer Intervention nachreisen.

Geht’s noch grösser?

Diese WM wird auf jeden Fall «huge» and the «greatest of all time»: hyper-kommerzialisiert, absurd aufgeblasen und finanziell endgültig in einem Paralleluniversum angekommen.

Für Finaltickets werden bereits heute Summen verlangt, für die man ein kleines Auto oder wenigstens noch einen mittelgrossen Einkauf im Globus Delicatessa in Zürich bekommen würde.

Zum ersten Mal treten 48 Nationen an (inklusive Curaçao, Haiti und den Kapverden). Italien hingegen hat sich gedacht: «Nein, danke. Da machen wir lieber nicht mit, das kann man ethisch nicht vertreten!» Natürlich ist das ironisch gemeint: Italien ist zum 3. Mal hintereinander bei einer Fussball-WM nicht dabei und hat nicht nur die italienische Fussballwelt, sondern die halbe Bevölkerung in Dantes Höllenkreise vertrieben. An der Misere sind wie so oft alle und damit niemand schuld.

Die Gesamtzahl der Spiele steigt von gemütlichen 64 auf monumentale 104 Begegnungen und die Meisterschaft dauert zwei Wochen länger (zur Freude aller Fussball-Desinteressierten).

So viele zusätzliche Werbefenster, die man in den Pausen nutzen kann. Einfach amazing!

In Europa finden viele Spiele mitten in der Nacht statt, weil die Fifa offenbar beschlossen hat, dass Schlaf ohnehin überbewertet wird.

Fussball und Politik

Fussball war schon immer politisch. Aber die Nähe zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump hat meine persönliche Schmerzgrenze als Fan im Vorfeld dieser WM endgültig überschritten. Bei der WM-Auslosung überreichte Infantino dem US-Präsidenten allen Ernstes einen eigens geschaffenen Friedenspreis. Es fehlte nur noch ein gemeinsames Duett von «We Are The World», um dem Ganzen eine akustisch passende Note zu verpassen.

Auch die Teilnahme des Iran blieb bis am Schluss spannend: Sportlich qualifiziert, politisch lange Zeit nicht einreiseberechtigt. Die USA stellten auch hier schliesslich die Visa aus. Einige Iranische Funktionäre und Ärzte dürfen aber immer noch nicht einreisen. Vielleicht entscheidet am Ende weniger der Fussballverband als irgendein gelangweilter Beamter in Washington nach dem dritten Starbucks-Coffee über die Einreise.

Die Unberechenbarkeit gehört inzwischen zum Gesamtpaket dieser WM (und übrigens auch zur aktuellen Weltpolitik im Allgemeinen). Vermutlich wetten bereits seit einiger Zeit Leute auf Polymarket – dem grössten Prognosemarkt der Welt – darauf, welche Nationen tatsächlich teilnehmen dürfen und welche kurz vor Turnierbeginn diplomatisch implodieren.

Wie toll, wenn man selbst politisch am Steuer ist und gleichzeitig eine sichere Wette eingehen kann. So werden zeitgenössiche Prophet:innen erschaffen.

Zeit für Satire

Man braucht hingegen keine prophetischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass diese WM herrlich absurd werden könnte:

  • halbleere Soccer-Stadien, die mit dem öffentlichen Verkehr kaum zu erreichen sind,
  • Spielrasen, die für NFL-Spiele geeignet sind, aber nicht für die gepflegte Ballkontrolle,
  • übermüdete und verletzungsanfällige Spieler, die bereits 50 bis 60 Spiele in den Meisterschaften vor der WM absolviert haben,
  • Mannschaften, Funktionäre und Fans, die je nach Weiterkommen von einem Land zum anderen fliegen müssen,
  • dazu rechtskonservative Politiker aus dem «Friedensboard», die jede Kamera suchen wie Motten das Licht.

Ich erinnere mich noch an die Vuvuzelas in Südafrika. Das waren noch Probleme. Damals glaubten wir ernsthaft, dass das nervige Tröten über 90 Minuten hinweg die grösste Gefahr für den Weltfussball sei.

Oder der legendäre Jabulani-Ball von 2010: ein aerodynamisches Experiment, das Torhüter in existenzielle Krisen stürzte. Weitschüsse flatterten wie angeschossene Vögel und jeder zweite Goalie sah aus, als hätte er gerade zum ersten Mal einen Ball gesehen.

Die magischen Nächte

Für mich fand die letzte wirklich schöne Fussball-WM subjektiv 1990 in Italien statt: die «notti magiche» auf den Musiknoten von Gianna Nannini und Edoardo Bennato. Salvatore Schillaci wurde Torschützenkönig, ganz Italien verliebte sich kollektiv in seine verrückten Augen. Am Ende gewann trotzdem Deutschland. Wie so oft, wenn es im Fussball an einem Turnier ernst wurde.

Auch Roger Millas berühmter Eckfahnen-Tanz entstand bei dieser WM. Dass Milla überhaupt im Kader stand, verdankte Kamerun allerdings weniger sportlicher Planung als präsidialer Intervention. Staatspräsident Paul Biya persönlich drängte auf seine Nachnominierung. Milla war damals 38 Jahre alt, schoss vier Tore und wurde zur Ikone. Wahrscheinlich einer der wenigen Fälle der Weltgeschichte, in denen Sportwashing tatsächlich funktionierte. Denn der damals umstrittene Präsident konnte die Kritik in Kamerun umschiffen und ist heute immer noch an der Macht.

Spätestens seit Russland und Katar ist die WM endgültig zum Vehikel für nationale Imagepflege geworden.

Früher wollte man Weltmeister werden, heute möchte man zusätzlich noch sein internationales Reputationsproblem weglächeln.

Die Debatten um die «One Love»-Binde in Katar 2022 zeigten einmal mehr den ewigen Konflikt zwischen politischem Protest, wirtschaftlichen Interessen und FIFA-Funktionären, die Neutralität ungefähr so konsequent auslegen wie Steuerberater die geltenden Steuerrechte in Offshore-Paradiesen.

Aus satirischer Sicht allerdings könnte diese WM pures Gold werden.

Meine Euphorie hält sich jedenfalls heuer in Grenzen. Der Fussball selbst wirkt zunehmend kaputt: ein Sport, der längst nicht mehr allen gehört, sondern Sponsoren, Funktionären und vermögenden Leuten mit VIP-Lounge-Zugang.

In sechs Wochen wissen wir mehr. Bis dahin bleibt uns nur noch eines zu singen: Hopp Schwiiz! Und viel Glück bei dieser Freak-Show.

 

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Illustration von Masanto Creative auf Unsplash+

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