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Die WM der eigenen Schande

Katar ist eine kleine Halbinsel im Persischen Golf, die vor 100 Jahren noch hauptsächlich vom Perlenexport gelebt hat und die von der Al Thani-Familie seit 200 Jahren feudal regiert wird. Im letzten Jahrhundert hat sich das kleine Land zur reichsten Nation der Welt entwickelt, indem es Erdöl und insbesondere Gas exportiert hat. Die rund 2.8 Millionen Einwohner leben vor allem in der Hauptstadt Doha. Nur 10% davon besitzen die katarische Staatsbürgerschaft, 90% sind somit Gastarbeiter:innen, die vor allem aus Pakistan, Nepal und Indien kommen.

Die Ausbeutung dieser Arbeiter ist nicht mit der WM-Vergabe entstanden, sondern besteht schon seit Langem. Aufgrund des Kafala-Systems (deutsch: Bürgschaft) werden Aufenthaltsgenehmigungen nur dank katarischer Gastgeber erteilt, die als Sponsoren (kafil) agieren. Die Gastarbeiter können nur mit schriftlicher Genehmigung ihres Bürgen das Land betreten oder verlassen. Der Reichtum ist im Land ungleich verteilt und erzeugt unfaire Abhängigkeiten. (Vgl. Katar: Sand, Geld und Spiele; Nicolas Fromm (2022), Verlag C. H. Beck, S. 84 f.)

Katar und das «Nation Branding»

Das Land war bis 1990 ein politisch irrelevanter Ministaat. Aufgrund einer konsequenten Vermarktungsstrategie, die auf Neudeutsch «Nation Branding» heisst, hat Katar das wichtige politische Parkett betreten. Bei dieser Art von Branding geht es nicht nur darum, das Land als Tourismus- oder Investitionsort zu etablieren, sondern als Ganzes zu einer positiv wahrgenommenen Marke zu machen (Vgl. S. 132 ff.).

Im Rahmen dieser Bestrebungen wurden von der katarischen Regierung verschiedene Massnahmen ergriffen:

  • In den 1990er Jahren fanden in Doha auffallend viele hochkarätige internationale Konferenzen statt, die das Land in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückten (Beispiel: Doha-Runde).
  • Katar ist die Heimat von Al-Jazeera, des wichtigsten arabischen Fernsehsenders.
  • Das Museum of Islamic Art wurde im Jahr 2008 in Doha eröffnet, obwohl es keine katarischen Exponate gab.
  • Die Ausrichtung prestigeträchtiger Sportveranstaltungen ist seit langer Zeit ein probates Imagemittel: 2004 fand die Tischtennisweltmeisterschaft in Doha statt, es folgten die Weltmeisterschaften im Gewichtheben 2005, die Asienspiele, die Motorrad- und Superbike-Weltmeisterschaften, der erste «Grosse Preis von Katar» in der Formel 1, die Boxweltmeisterschaften 2015, die Turn-WM 2018 und die Leichtathletikweltmeisterschaften 2019, der italienische Supercup ab 2016, um nur einige zu nennen. Die Fussballweltmeisterschaft 2022 soll die Krönung dieser massiven Imagekampagne sein.

Die WM-Vergabe und die Kritik

Als die Fussballweltmeisterschaften 2022 am 2. Dezember 2010 nach Katar vergeben wurden, war die Überraschung gross. Im letzten Wahlgang setzte sich das Emirat am Persischen Golf mit 14 Stimmen gegen die USA durch. Weder das katarische Klima noch die Infrastruktur waren für diese Art von Veranstaltung geeignet. Es wurde berechtigte Kritik laut, die von Korruptionsvorwürfe begleitet wurde.

Die Menschenrechtsverletzungen, die während dem Bau der Stadien stattfanden, wurden erst später von den Medien thematisiert. Offizielle FIFA-Zahlen gehen von drei toten Bauarbeitern aus, «The Guardian» von 6’500, Amnesty International von mehr als 15’000 Menschenleben. Da es keine offiziellen Statistiken gibt, entpuppt sich die Suche nach der Wahrheit als schwierig.

Das grosse «Umdenken»

Nach der ersten kritischen Phase begann für Katar die grosse Arbeit. Im Verlauf der folgenden Jahre wurden Sportpersönlichkeiten, Fussball-Verbände und Politiker mit gezielten Mitteln «überzeugt», damit sie ihre Meinung ändern konnten.

Ein paar Beispiele:

  • Einer der wichtigsten WM-Botschafter ist der ehemalige englische Fussballer David Beckham. Er gibt für die Weltmeisterschaften sein Gesicht und kassiert dafür 180 Millionen Euro.
  • Dokumente belegen den politischen Einfluss von Nicolas Sarkozy auf die Vergabe der WM 2022. Michel Platini, ehemaliger französischer Fussballer und damals Präsident der Europäischen Fussballunion (UEFA) hatte sich zuvor für die USA eingesetzt. Nach einem gemeinsamen Kaffee und Essen mit dem Emir von Katar, Hamad bin Khalifa Al-Thani, wurde Michel Platini umgestimmt. Dies wurde kürzlich in einem «Tages Anzeiger»-Interview mit Sepp Blatter  bestätigt. In den Folgejahren kaufte das katarische Land von Frankreich Kampfflugzeuge in Milliardenhöhe und Platinis Sohn erhielt eine Stelle bei einem katarischen Fonds.
  • Gemäss der ZDF-Doku «Geheimsache Katar» wurden dem ehemaligen deutschen Fussballspieler und aktuellen Fussballfunktionär Karl-Heinz Rummenigge bei einem Besuch in Katar zwei Rolex im Wert von ca. 92’000 Euro geschenkt. Das wissen wir nur, weil die Uhren vom Deutschen Zoll beschlagnahmt wurden. Als Vizepräsident des FC Bayern München konnte Karl-Heinz Rummenigge dafür sorgen, dass der FCB ab 2018 einen lukrativen Sponsoringdeal mit Qatar Airways abschliessen konnte.
  • Der finanziell schwer angeschlagene Fussballverein Paris Saint-Germain wurde 2011 von Qatar Sport Investments aufgekauft und zur internationalen Sportmarke geformt. Es folgten spektakuläre und teure Spielereinkäufe (Neymar, Kylian Mbappé und Lionel Messi).
  • In Europas Fussball werden von Katar seit Jahren Millionen gepumpt und finanzielle Abhängigkeiten geschaffen. Eine wichtige Einflussnahme der Fussball-Verbände bestand darin, für Fernsehrechte der Premier League, der Bundesliga, der Serie A, usw. generös zu zahlen. Dabei spielt beIN Sports eine zentrale Rolle (vgl. ZDF-Dokumentation).

Erst kürzlich wurde bekannt, dass Katar während der heiklen Phase auch ein Spionagenetzwerk aufgebaut hat, um die wichtigsten FIFA-Funktionäre in der Schweiz zu beobachten. Die Recherche von SRF mutet wie ein Krimi an. Ex-CIA-Agenten haben jahrelang eine grossangelegte Spionageoperation gegen FIFA-Funktionäre in der Schweiz durchgeführt.

Die wirtschaftliche Einflussnahme fand nicht nur im sportlichen Umfeld statt. Die katarische Führung gründete 2005 die Qatar Investment Authority (QIA), stattete den Fonds mit einem grosszügigen Kapitalstock von mehreren Milliarden US-Dollar aus und ging dann auf Einkaufstour. So hielt beispielsweise die zur QIA gehörenden Qatar-Holding von 2009 bis 2013 10% der Porsche-Stammaktien. Heute gehören 17% der Stimmrechte von Volkswagen dieser Holding (Vgl. S. 96 f.).

Mein Fazit

Es ist noch keine Minute gespielt worden und schon hat man das Gefühl, das Spiel sei verloren. Der Jubelschrei ist erstickt. Diese sportliche Veranstaltung sollte nach Meinung mancher Personen jetzt entpolitisiert werden. Sollen wir das wirklich tun? For the Good of the Game? Es ist so weit gekommen, weil verschiedene Akteure aus Wirtschaft, Politik und Sport in Europa und weltweit scheinheilig mitgespielt haben. Das Resultat ist eine WM der Schande – für alle.

 

Quelle: Katar: Sand, Geld und Spiele; Nicolas Fromm (2022), Verlag C. H. Beck.

Photo by Bruno Kelzer on Unsplash

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1 Kommentar zu „Die WM der eigenen Schande“

  1. Christine Mösch

    Danke für diesen tiefgründigen Text. Doch ist Sport, insbesondere Fussball, nicht schon längst auch Politik?

    Notabene: wo blieb der Aufschrei, als Katar hunderte Millionen in die Hotels auf dem Brügenstock investierte? Und jetzt, wo Katar mit mächtiger Geldspritze die Credit Suisse vor dem Konkurs oder Verkauf rettet?

    Übrigens lässt Al Jazeera ihre Journalisten ebenso durch das amerikanische „International Center for Journalist’s“ schulen, wie es unter anderen CNN, The New York Times, The Wall Street Journal, WHO, Pfizer, Mc Kinsey & Company, Goldman Sachs, UBS und die Techkonzerne es tun. Das ICFJ schreibt auf ihrer Homepage:
    „Journalisten im beispiellosen Netzwerk von ICFS produzieren Nachrichtenberichte, die zu besseren Regierungen, Volkswirtschaften und Gesellschaften führen.“ Tönt gut.

    Ein bekanntes Sprichwort besagt: „Geld regiert die Welt!“
    Unsere Welt ist verhängt – und die Schweiz hängt mit drin – mit und ohne Fussball WM in Katar. Sollte uns nicht schon längst nicht mehr wohl sein?

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