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 Lesedauer: 7 Minuten

Die neuen Kulturkämpfe – und was dabei verlorengeht

Ich erinnere mich noch gut daran, wie exotisch mir der Begriff Culture Wars – Kulturkriege – früher vorkam. Das war etwas Amerikanisches, das man von weitem beobachtete, mit einer Mischung aus Faszination und leichter Überheblichkeit.

Die Wortwahl selbst schien mir übertrieben: Kriege? Wegen Kultur?

Das war vor nicht allzu langer Zeit. Heute laufen Kommentarspalten heiss, in denen über Geschlechterbegriffe gestritten wird, als ginge es um Nationengrenzen.

Verlust der Zwischentöne

Aus dem amerikanischen Importgut Culture Wars ist auch ein europäisches Phänomen geworden. Wie ist das passiert? Und was genau ist gemeint mit Kulturkriegen?

Culture Wars sind organisierter Streit um Symbole, Sprache und Identität – Stellvertreterkriege, in denen es weniger um Wahrheit geht als um Zugehörigkeit.

Gesprächskulturen haben sich im Zuge dieser Dynamik auf Entweder-oder-Fragen verengt: Soll man stolz auf die eigene Geschichte sein oder sich ihrer schämen? Müssen problematische Denkmäler verschwinden oder unangetastet bleiben? Gibt es nur Mann/Frau oder auch etwas dazwischen? Ist Trump ein Faschist oder kein Faschist?

Solche Fragen suggerieren Klarheit, wo die Wirklichkeit komplizierter ist.

Ich erlebe, wie Freundschaften über solchen Haltungsfragen zerbrechen. Ich beobachte, wie auch in christlichen Gemeinschaften aus Differenzen rasch Loyalitätsfragen werden: Bist du noch einer von uns?

Wie es dazu kam

Wer die Gegenwart verstehen will, muss einige Jahrzehnte zurückgehen. Die amerikanischen Culture Wars der 1960er Jahre waren eng mit den Bürgerrechtsbewegungen verknüpft. Es ging um die Überwindung rassistischer Strukturen in einer Gesellschaft, die bis ins 19. Jahrhundert von Sklavenhaltung geprägt war.

Es war kein abstraktes Debattenthema, sondern traumatisch, eine offene Wunde.

Im deutschsprachigen Raum kamen antirassistische, feministische und postkoloniale Themen mit Verzögerung an –zuerst an Universitäten (als Culture Studies, hervorgegangen aus der soziologischen Beschäftigung mit Subkulturen der Arbeiterschaft) und in der Kulturwelt.

Eine Faustregel, die sich mir dabei immer wieder bestätigt hat: Was das Kunstfeld beschäftigt, landet etwa 10 bis 15 Jahre später in der gesellschaftlichen Breite.

In den 1980er Jahren machten etwa die Guerrilla Girls lautstark und grell darauf aufmerksam, dass Frauen in öffentlichen Museen als Kunstobjekte und Aktmodelle allgegenwärtig, als Kunstschaffende aber nahezu unsichtbar waren. Inzwischen haben Kulturinstitutionen dazugelernt.

2002 – kurz nach 9/11 – kuratierte Okwui Enwezor die documenta 11 als postkoloniale Schau: damals eine Provokation, heute Schulstoff.

2006 erinnere ich mich an mein eigenes überraschtes Innehalten: Im Museum Ludwig in Köln öffnete «Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960», eine der ersten grossen Ausstellungen zu queeren Lebensweisen. Aha, also ist das jetzt ein Thema, dachte ich.

Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Geschlechtsidentität – insbesondere gegenüber trans und queeren Menschen – wurde in zahlreichen Ausstellungen, Publikationen, Kulturveranstaltungen thematisiert und auch dort sichtbar gemacht, wo sie zuvor unbewusst mitlief.

Ich hätte damals nicht gedacht, dass es einmal zum ideologischen Schlachtfeld werden würde.

Der «Vibe-Shift»

Um 2020 verliess ein Begriff den schwarzen Aktivismus und verbreitete sich rasend schnell: «woke» – zunächst als Selbstbezeichnung, dann als Kampfbegriff der Gegenseite. Wir waren inzwischen in der Social-Media-Welt angekommen. Was folgte, beschrieb der britische Historiker Niall Ferguson nach Trumps zweitem Wahlsieg 2024 als «Vibe-Shift»: eine tektonische Verschiebung in der Architektur des politischen Denkens.

Mit «Vibe-Shift» (Atmosphärewechsel) ist ein kultureller Stimmungsumschwung gemeint, bei dem sich gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten verschieben. Ehemals progressive Anliegen, die sich gesellschaftlich bereits als Konsens etabliert hatten, werden wieder offen infrage gestellt.

Die öffentliche Behauptung, dass es biologisch mehr als zwei Geschlechter gibt, bedarf heute wieder mehr Begründungsaufwands als noch vor einigen Jahren. J. K. Rowlings Forderung nach Einschränkungen beim Zugang von trans Frauen zu Frauenschutzräumen stösst inzwischen auf weniger geschlossene Ablehnung als 2020.

«Who am I prepared to kill?»

Einer der Ersten, der den Begriff Wokismus analytisch durchleuchtete, war der britische Politikwissenschaftler William Davies («Who am I prepared to kill?», London Review of Books) – und zwar zu einem Zeitpunkt, als hierzulande die meisten den Begriff noch nie gehört hatten. In seiner von 2020 Analyse beschreibt er, wie die Rechte ihre eigene nationale Schuldangst verdrängt, indem sie eine angeblich gewalttätige «Wokeness» als Sündenbock aufbaut, die die Gesellschaft zu zerreissen drohe.

Davies diagnostiziert eine tiefe Pathologie des Debattenklimas: eine «Litanei idiotischer Fragen» mit binären Wahlmöglichkeiten zwischen gleichermassen «idiotischen Antworten» – eine Infantilisierung des öffentlichen Denkens. Dieses schnelle Entscheiden sei in der Konsumkultur eingeübt worden (Apple oder Microsoft, Nike oder Adidas, Impfen oder Anti-Impfen, Woke oder Anti-Woke). Es werde durch Algorithmen weiter verstärkt, die vor allem Inhalte mit hohem Empörungspotenzial («Rage Bait») bevorzugen.

So erzeugen binäre Gegensätze in der Informationsflut des Internets trügerische Klarheit, während sie gleichzeitig das Klima aufheizen und die Gesellschaft weiter polarisieren.

Je emotionaler ein Thema, desto mehr treten Identität und Lagertreue an die Stelle von Argument und Wahrheitssuche.

Im Fall der Geschlechterfrage wird der Binarismus selbst zum Glaubensartikel: Wer Geschlecht als Spektrum begreift, verortet sich in einem Lager – wer nicht, im anderen. Dies folgt einer zutiefst archaischen Logik der Stammeszugehörigkeit.

Methoden spiegeln sich

Die Psychoanalytikerin Melanie Klein beschrieb einen Mechanismus, den sie Splitting nannte: Das Selbst, unfähig, die eigenen negativen Anteile auszuhalten, projiziert diese auf andere. Man nimmt eine Position übertriebener Unschuld ein, während man dem Gegenüber vollständige Schlechtigkeit zuschreibt.

Im gegenwärtigen Kulturkampf lässt sich das auf beiden Seiten beobachten. Wo eine linke Gesinnungspolizei Menschen für falsche Wortwahl aus öffentlichen Debatten drängte, tritt heute eine rechte an ihre Stelle.

Was heute Gegenöffentlichkeit ist, kann schon morgen Machtgeste sein.

Ijoma Mangold von der «ZEIT» erklärt es so: Trumps erste Amtszeit war es, die die woke Orthodoxie erst so dogmatisch werden liess – als wäre sie der rettende Gegenzauber. Das war sie nicht. Dieser Fehler sollte nicht ein zweites Mal gemacht werden.

Zum rechten Wokismus bemerkt Mangold: Cancel Culture von rechts sei immer noch Cancel Culture.

Religion betritt die Arena

Was kaum vorhersehbar war, ist die Rückkehr des konservativ Religiösen als erfolgreiche antiliberale Kraft und sein Einzug in politische Schlüsselämter. Die Verbindung zwischen christlicher Rechten und konservativer Kulturdebatte erschien lange als spezifisch amerikanisch. Das stimmt aber nicht mehr.

Auch hierzulande werden Schöpfungsordnungen bemüht, Bibelverse wie politische Argumente in Stellung gebracht, komplexe anthropologische Fragen zu Bekenntnisproben. Einen Beleg lieferte jüngst eine Debatte im RefLab-Instagram-Kanal. Sie entzündete sich an einer Überschrift «Hat Gott nur zwei Geschlechter geschaffen?» des Influencer Martin Thoms. Dass diese Zeile auf einen differenzierten Beitrag hinweis, der gerade das Spektrum zwischen Polen herausarbeitet!, erschien fast schon nebensächlich.

Die Geschlechtsfrage ist zum Glaubensbekenntnis geworden. Sie entscheidet inzwischen für manche darüber, wer als guter Christ gilt und wer nicht.

Verlust der Zwischentöne

Als Kulturhistorikerin und Kulturjournalistin beobachte ich etwas Merkwürdiges:

Die lautesten Kulturkämpfer interessieren sich am wenigsten für Kultur.

Kunst und Kultur leben nämlich von Zwischentönen, von Ambiguität, von der Fähigkeit, Widersprüche und Andersheit auszuhalten, ohne sie sofort aufzulösen. Der Kulturkampf dagegen verspricht Klarheit. Komplexe Fragen werden in moralische Urteile verwandelt, Menschen in Lager sortiert und es wird darüber entschieden, welche Fragen erlaubt und welche nicht erlaubt sind.

Genau dadurch verhärten sich Fronten.

Am Ende sitzen Kontrahenten auf Eisbergen – wie es ein Friedensforscher im Podcast «Himmel & Erdung» ausdrückte – und schreien sich nur noch an.

Räume offen halten

Ich schreibe diesen Essay nicht aus sicherer Distanz. Auch in meinem Umfeld sind die Kulturkämpfe angekommen – bis in meine Familie hinein, und bis in die Kommentarspalten des RefLab, das ein Ort offenen Austauschs sein möchte.

Wichtiger als den nächsten Kulturkampf zu gewinnen, scheint mir, Räume offenzuhalten: in denen Ambivalenz nicht sofort als Bedrohung gilt und Streit möglich bleibt, ohne einander die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt abzusprechen.

Eine Ironie sehe ich darin, dass Kulturkrieger ausgerechnet von der Kultur lernen können, was sie im Kampf verlernen: dass Komplexität kein Mangel ist und nicht jede Differenz einen Sieger braucht. Grosse Literatur, bedeutendes Theater, wichtige bildende Kunst: all das funktioniert gerade deshalb, weil es sich nicht mit einfachen Antworten begnügt.

Und das ist doch etwas sehr Schönes, oder?

 

Thematisch Verwandtes aus dem RefLab-Archiv

«Schrei nich Woke, bitte!

RefLab-Serie: «Woke me up»

Foto: Mitglieder der Guerrilla Girls vor einem ihrer frühen Werke, ausgestellt im Victoria and Albert Museum. Quelle: Wikimedia Commons.

2 Kommentare zu „Die neuen Kulturkämpfe – und was dabei verlorengeht“

  1. Vielen Dank, liebe Johanna! Was Du über Kultur schreibst, lässt sich direkt auf Religion übertragen: “Die lautesten Kulturkämpfer interessieren sich am wenigsten für Kultur” – “Die lautesten Religionskämpfer interessieren sich am wenigsten für Religion”. Die aggressive Abarbeitung an “den anderen, die falsch sind” führt nur dazu, dass man sich selbst nicht mit dem Wesentlichen beschäftigt. Und das ist ein freies Wehen des Geistes, der sich um unsere Grenzziehungen nicht schert. Daran könnten wir zu Pfingsten denken.
    Und noch eine Assoziation: Von der Öffentlichkeit nicht bemerkt und heute vergessen, haben sich Missionsengagierte schon in den 1970ern mit postkolonialen und antirassistischen Gedanken beschäftigt und dies praktisch werden lassen. Warum? Weil sie in der direkten Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen aus Afrika, Asien und Südamerika lebten. Das mag eine Lehre für heute sein: Alles Leben ist Begegnung – was Konflikte einschließt, aber Kulturkämpfe uninteressant macht.

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  2. Danke lieber Johann für das Weiterführen des Gedankens und den wichtigen Hinweis auf Missionsengagierte! Was du schreibst, lässt mich auch an die treffendste Definition von Kultur denken, die ich kenne: Nach Dirk Baeckers Definition taucht Kultur in dem Moment auf, in dem sie auf eine andere trifft. Vor dem Kontakt weiß sie nicht, dass sie Kultur ist. Erst der Kontakt zwinge sie „aus der Erfahrung des Fremden”, wenn es nicht mehr einfach „als ‚barbarisch’” abqualifiziert werden dürfe, auf ein Eigenes zu schließen. „Dann ist es aber bereits zu spät. […] Das Eigene ist infiziert durch das Fremde.” (D. Baecker, Wozu Kultur?) Echte Begegnung liegt gerade darin, dass Grenzen durchlässig werden … und das kann natürlich auch Angst machen. Und diese Angst lässt sich dann “bewirtschaften” …

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