Gott ist kein biologisches Wesen – wie also kann Gott einen Sohn haben? Was ist mit der christlichen Aussage, dass Jesus der «Sohn Gottes» sei, gemeint?
Das Problem beginnt damit, dass der Begriff heute fast automatisch biologisch verstanden wird. Man denkt an Familie und Abstammung. Genau darum ging es in der Antike jedoch nicht in erster Linie.
Schon lange vor Jesus ein Herrschertitel
Zur Zeit von Jesus war die Bezeichnung «Sohn Gottes» keineswegs exklusiv christlich – sie ist sogar einiges älter. Diverse Herrscher und Kaiser trugen vergleichbare Titel.
Der römische Kaiser Augustus nannte sich beispielsweise «divi filius» – Sohn des Göttlichen. Auch Alexander der Grosse galt als Sohn des Zeus und der Pharao als Sohn des Sonnengottes. Und schon bevor Jesus lebte, erwarteten Jüd:innen den Messias als «Sohn Gottes», wie Texte aus Qumran bezeugen.
Mit diesem Titel wurde ausgedrückt, dass politische Macht als göttlich legitimiert verstanden wurde.
Wer herrschte, stand den Göttern besonders nahe oder war sogar von ihnen eingesetzt worden. Das machte Herrscher unangreifbar.
Eine Bezeichnung mit politischer Sprengkraft
Wenn die ersten Christ:innen Jesus als «Sohn Gottes» bezeichnen, formulieren sie deshalb nicht einfach ein spirituelles Bekenntnis. Sie stellen eine politische Gegenbehauptung auf:
Nicht der Kaiser ist der eigentliche Herr der Welt, nicht Rom gehört die höchste Autorität. Sondern einem jüdischen Wanderprediger, der seinen Jüngern die Füsse wusch und auch mal für sie kochte.
Man kann sich leicht vorstellen, wie provokativ das damals geklungen haben muss. Die ersten Christ:innen behaupteten, dass in Jesus eine andere Art von Herrschaft sichtbar werde: eine Herrschaft, die nicht auf Gewalt, Reichtum und Unterdrückung basiert, sondern auf Gottvertrauen, Liebe und Freundlichkeit.
Jesus war das Gegenteil der mächtigen Männer: Kind eines geflüchteten Paares, nicht wohnhaft in einem Palast.
Dass Menschen diesen Mann als «Sohn Gottes» bezeichneten, war ein Kontrast-Programm zum damaligen römischen Reich.
Und auch heute noch: Wenn in der Kirche von Jesus gesprochen wird und von seiner Botschaft des «Königreiches Gottes», dann relativiert das weltliche Regierungen und Hierarchien.
Mehr als ein Ehrentitel
Gleichzeitig bleibt es im Neuen Testament nicht bei einer politischen Aussage. Die ersten Christ:innen machten mit Jesus offenbar Erfahrungen, die sie dazu bewegen, ihm auch in spiritueller Hinsicht zu vertrauen.
Sie erlebten in ihm nicht bloss einen Lehrer oder Propheten, sondern sie hatten den Eindruck, dass ihnen in Jesus Gott selbst begegnete.
Gott zeigte sich in einem Menschen, der Freundschaften pflegte, der mit anderen feierte und stritt, der erschöpft war, Angst kannte, litt und starb.
Der Titel «Sohn Gottes» bedeutete also auch, dass das, was Jesus tat, im Namen Gottes geschah. Wie Gott ist, ist nirgendwo deutlicher zu erkennen als in den Geschichten über Jesus in den Evangelien. Er war nicht einfach ein besonderer Mensch, sondern in ihm kam Gott als Mensch auf die Welt.
Jesus selber bezeichnet sich übrigens in der Bibel nicht als «Sohn Gottes», dementiert aber auch nicht, wenn andere dies über ihn sagen. Aber er spricht Gott als «Vater» an – nahbar und anteilnehmend.
Andere Metaphern für Jesus als «Sohn»
Sprache prägt Wahrnehmung und gleichzeitig transportiert Sprache auch historische Vorstellungen, die nicht einfach zeitlos übernommen werden können. Die Vater-Sohn-Abfolge mit den zusammenhängenden Aspekten entstammt einer patriarchalen Kultur.
Es gibt in der Bibel auch weibliche Metaphern und Namen für Gott. Und in den ersten Jahrhunderten fand man noch weitere Metaphern für die Verwandtschaft von Gott und Jesus als die familiäre.
Etwa das Licht: Wenn Gott die Lichtquelle ist, dann ist Jesus Christus das Licht. Oder Wasser aus einer Quelle. In einem der alten Glaubensbekenntnisse heisst es:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater.
(Nicäno-Konstantinopolitanum)
Mit diesen Bildern wollte man ausdrücken, dass Jesus genauso göttlich war wie Gott-Vater.
Das ist ein Unterschied zum Judentum oder zum Islam: Dort gilt Jesus einfach als Prophet, aber er ist nicht Gott selbst. Ob Gott und Jesus auf der gleichen Stufe stehen, wurde aber auch im Christentum in den ersten Jahrhunderten noch diskutiert.
Jetzt stellt sich noch eine Frage:
…und Menschen als «Kinder Gottes»?
Im Christentum heisst es, dass auch wir Menschen Kinder Gottes sein können. Wir dürfen zu Gott als «Vater» beten («Unser Vater im Himmel») – doch auch hier geht es ja nicht um eine biologische Verwandtschaft.
Es geht bei dieser Beziehung darum, in welchem Verhältnis Menschen zu Gott stehen: Dass Gott Menschen liebt und sie Gott vertrauen können wie Kinder ihren liebevollen Eltern. Im Gegensatz zu Jesus als «Sohn Gottes» sind die «Kinder Gottes» im Plural:
Christ:innen bezeichnen sich manchmal auch als «Glaubensgeschwister». Damit wird nicht nur Zusammengehörigkeit ausgedrückt – sondern auch, dass man sich nicht aussucht, wer dazugehört und wer nicht.
Zudem übernehmen Christ:innen als «Kinder Gottes» auch Eigenschaften, die sie aufgrund der biblischen Texte Gott zuschreiben, und halten etwa die Bereitschaft zur Vergebung hoch oder den Einsatz für Gerechtigkeit.
Der eigentliche Skandal
Womöglich liegt der eigentliche Skandal des Christentums gar nicht darin, dass Jesus «Gottes Sohn» genannt wird. Sondern darin, wie Gott dadurch beschrieben wird.
Denn wenn Christ:innen sagen, dass sich Gott in Jesus zeigt, dann sagen sie gleichzeitig auch, wie sie sich Gott vorstellen.
Nicht wie ein autoritärer Herrscher, der Distanz verlangt und Macht demonstriert. Sondern wie jemand, der Menschen aufrichtet, Kranke berührt, Ausgegrenzte ernst nimmt und Gewalt mit Frieden beantwortet.
Das stand in der Tradition des Judentums, wie beispielsweise Eltern-Metaphern für Gott im Alten Testament zeigen. Für den grösseren antiken Kontext veränderte es allerdings die Vorstellung eines Gottes radikal. Göttlichkeit, die sich nicht primär in Stärke, Dominanz oder Unverletzlichkeit zeigte, sondern in Mitgefühl und Nahbarkeit.
Foto: Unsplash/Josh Applegate. Das Bild zeigt Josef, den irdischen Vater von Jesus, mit dem Jesuskind.
KI-Disclaimer: Dieser Blogbeitrag wurde aufgrund des Podcasts-Transkripts von KI entworfen und danach massgeblich von der Autorin überarbeitet.
Die Autorin: Evelyne Baumberger ist Theologin und leitet das RefLab.






2 Kommentare zu „Jesus war der «Sohn Gottes» – aber was heisst das genau?“
Vater, Sohn und Heiliger Geist
Hinweis: Die Begriffe «Vater, Sohn und Heiliger Geist» stehen für die Trinität (Dreieinigkeit) im
Christentum. Sie beschreiben den Glauben, dass Gott ein einziges göttliches Wesen ist, sich den
Menschen jedoch in drei verschiedenen Wesen offenbart.
«Vater, Sohn und Heiliger Geist» sind für mich wie ein Vexierbild, wir erleben in der zeitlichen Abfolge einzelne Bilder, sie sind aber immer gegenwärtig und gehören zusammen, das ungetrennte EINE wenn ich auf das Gesamtbild blicke. Auch Jesus der historische Mensch und Christus der Auferstandene erlebe ich als einzelne Bilder. Aber wir sind EINS. «Ich und der Vater sind eins» sagt Jesus Christus (Joh. 10,30).
Bei allen Theorien: Jesus Christus ist mein geliebter Bruder & Lehrmeister für alle Zeit
Danke Evelyne,
Deine Klärung der Bezeichnung Gottes Sohn hat sich für mich genau richtig angefühlt. So empfinde ich ich die Zusammenhänge. Christus ist für mich das grosse Vorbild im Namen Gottes.
RosmarieEgli