Mit Gunther von Hagens ist eine der umstrittensten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte gestorben. Der Mediziner, Erfinder der Plastination, Unternehmer und Provokateur starb im Alter von 81 Jahren nach langer Parkinson-Erkrankung.
Grenzgänger zwischen Leben und Tod
Ich habe ihn erlebt, als er 2015 sein Museum am Berliner Alexanderplatz eröffnete. Die Stimmung war aufgeheizt. Nachbarn protestierten, Kirchen liefen Sturm, Politiker wollten die Eröffnung verhindern. Viele wollten keine Leichen im Herzen der Hauptstadt sehen. Und auch nach der Eröffnung blieb Unbehagen. Berlin-Mitte versuchte jahrelang, das Museum wieder zu schliessen, ein Gericht stufte die Plastinate zeitweise als Leichen im Sinne des Bestattungsgesetzes ein.
Erst nach Jahren einigte man sich, und das Museum blieb.
Von Hagens selbst verstand die Aufregung nicht. Für ihn war seine Arbeit Aufklärung. Er wollte Anatomie sichtbar machen und die Menschen mit ihrer Sterblichkeit konfrontieren.
Als ich durch die Ausstellung ging, blieb bei mir vor allem Beklemmung zurück. Es war, als wären die Toten noch anwesend. Hinter jedem Präparat stand ein Mensch mit einer Geschichte, einem Leben und einer Familie. Nun waren davon gefärbte Muskeln, Sehnen und Posen geblieben.
Tote Körper als Schachspieler, Skateboard-Fahrer, «Titanic»-Liebespaar, schwangere Frau mit sichtbarem Fötus.
Ambivalenz als Geschäftsmodell
Für die einen war er ein Pionier der Wissenschaftsvermittlung, für die anderen ein Geschäftsmann, der den Tod vermarktete. Für die Menschen in Guben, im unter Abwanderung leidenden südlichen Brandenburg an der Grenze zu Polen, wo er massenweise Leichen plastinieren liess, war sein Labor schlicht ein willkommener Arbeitgeber.
Mit der Ambivalenz des Makabren machte von Hagens von sich reden.
Seine «Körperwelten» bewegten sich zwischen Anatomiemuseum und Inszenierung, zwischen Bildung und Spektakel. Mehr als 50 Millionen Menschen haben die Ausstellungen weltweit besucht, und Tausende haben eingewilligt, nach ihrem Tod selbst ein Plastinat zu werden.
Was bleibt, wenn der Körper alles ist
Die ethische Frage blieb: Darf man Tote auf diese Weise zeigen? Die theologische Frage reicht noch weiter. Der Mensch ist mehr als sein Körper. Seine Würde erschöpft sich nicht in dem, was sich präparieren und ausstellen lässt.
Die Plastinate zeigen Muskeln und Organe, aber nicht die Person.
Bei einer Begegnung an einem Pressetermin blieb mir das Bild eines Mannes im Samtanzug, sichtlich gezeichnet von Parkinson. Ein Kampf nicht nur gegen die eigene Krankheit, sondern auch um Anerkennung für sein Lebenswerk – ein Werk, das zugleich ein Totenwerk war.
Um ihn lag eine unheimliche Aura, als stünde er selbst schon zwischen den Toten, die ihn umgaben.
Die letzte Pose
Nun hat Gunther von Hagens selbst jene Grenze überschritten, die sein Leben bestimmte. Der Mann, der unzählige Tote präparierte, ist selbst tot. Und selbst darin bleibt er konsequent: Sein Wunsch war es, nach seinem Tod plastiniert zu werden und als Präparat Teil seiner eigenen Ausstellung zu sein, möglichst in einer Begrüssungspose am Eingang – als Grüssaugust. Seine Familie hat angekündigt, diesen Wunsch erfüllen zu wollen.
Konsequenter lässt sich ein Lebenswerk kaum vollenden.
Aus christlicher Sicht liegt darin aber auch seine Grenze. Für von Hagen erschöpfte sich das Menschliche im Körperlichen. Der christliche Glaube erinnert daran, dass das Entscheidende am Menschen gerade unsichtbar bleibt.
Auch das Christentum kennt allerdings den konservierenden Umgang mit Leichen und Körperteilen: in der Praxis der Reliquien. Doch der Rahmen ist ein anderer: Reliquien werden verehrt, nicht vermarktet. Sie stehen für eine Nähe zum Heiligen, nicht für ein Geschäftsmodell und schon gar nicht für eine Bühne der Selbstinszenierung.
Das Versprechen der Unsterblichkeit
Von Hagens’ materialistisch-atheistische Weltsicht kannte diesen Unterschied nicht: Für ihn war der Körper ein komplexer Mechanismus, der über den Tod hinaus keiner höheren Ordnung mehr unterliegt. Daraus folgte sein «prometheischer» Anspruch – nicht Gott, sondern der Mensch selbst bestimmt über Körper und Sterblichkeit, notfalls auch über den eigenen Leichnam.
Sich plastifizieren zu lassen, war seine Auffassung von Unsterblichkeit.
Von Gunther von Hagens bleibt das Verdienst, Millionen Menschen mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert zu haben. Und die Einsicht, dass sich das Geheimnis des Menschen nicht plastinieren lässt.
Bild: Gunther von Hagens bei der Premiere der neuen «Bodyworlds»-Ausstellung, 24. Oktober 2008, Nick J. Webb / Flickr, Wikimedia Commons.









2 Kommentare zu „Auferstehung in Plastik“
Ich weiß noch, dass wir vor 30 Jahren rege Diskussionen in der Krankenpflegeschule hatten, ob wir diese Ausstellung besuchen oder die “herkömmliche” Anatomiesammlung der nahen Universität. Einzelne Organe oder Föten in Einmachgläsern zu betrachten schien mir damals erträglicher weil der Mensch als ganzes in diesem Rahmen nicht in Erscheinung trat. Auch das öffentliche zur Schau stellen im Gegensatz zum beschränkten Zugang für fachlich Interessierte empfand ich als ungerechtfertigte moralische Grenzüberschreitung.
Der “Rest” des Spenders der anatomischen Präparate wurde nicht selten eingeäschert oder namenlos beerdigt, da die Personen unbekannt waren oder keine Angehörigen gefunden wurden die für ein ordentliches Begräbnis gesorgt hätten. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob die plastinierten Leichname in von Hagens Ausstellung mehr oder weniger Würde erfahren.
Den Vergleich mit den Reliquien finde noch ganz spannend denn auch die dienten einem doppelten Zweck. Anders als sie schreiben sind diese nicht ausschließlich zur Verehrung ausgestellt worden, sondern waren und sind seit Jahrhunderten echte Devisenbringer für die Kirche.
Danke für diese Hinweise, interessant mit dem Einäschern der “Reste”, wusste ich nicht.