Bei einem Wochenende in Paris bin ich zufällig in der Église Saint-Eustache auf ein Passionsbild gestossen, von einer Künstlerin, die ich nicht kannte: «Les instruments de la passion» von Vera Pagava.
Die Kirche im Zentrum der Stadt ist bekannt für künstlerische Interventionen.
Das vorübergehend in einen Altar der Kirche eingebaute Bild geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf – und ich möchte zu einer Meditation der ungewöhnlichen Darstellung einladen.

Der Entzug
Es ist ein Bild, das sich dem gewohnten Zugriff entzieht. Denn es verweigert, was man von einer Passion erwartet: handelnde Personen, Körperlichkeit, Tränen und Blut. Statt des Leidens zeigt das Gemälde nur Instrumente: Geisseln, Hammer, Nägel, Würfel, Dornenkrone, einen Stein.
Man sieht kein Drama – bloss Dinge und äusserste Reduktion.
Vera Pagava, eine Künstlerin der Pariser Nachkriegsmoderne, stellt sich mit dieser Darstellung quer zur Tradition christlicher Passionsbilder, also Darstellungen von Christi Leiden. In ihnen geht es seit dem Mittelalter um Schmerz, Bewegung und Pathos.
Der Blick
Bei der aus Georgien stammenden Malerin (1907-1988) liegen die Instrumente wie auf einem Chirurgentisch: kühl, klar. Sie werfen Schatten. Nicht als Zeichen vergehender Zeit, sondern eher wie durch Neonlicht erzeugt.
Die Szene scheint ausserhalb von Zeit und Raum zu liegen, in einer eigentümlich metaphysischen Schwebe.
Der Blick wandert über die Instrumente der Folter, ohne je auf Körper zu treffen. Im Hintergrund, in einer helleren Zone: ein Kreuz, eine Leiter und eine Lanze. Ein fast klinisches Setting.
Die Abwesenheit
Alles ist da. Nur der fehlt, um den es geht.
Diese Abwesenheit verändert die Wirkung radikal. Die «Arma Christi» (Folterwerkzeuge der Passion) waren nie bloss Gegenstände, sondern Teil einer Erzählung von Leiden und Erlösung. Hier aber sind sie aus dieser Geschichte gelöst.
Es bleibt nur das Inventar übrig. Es sieht aus, als wären die Dinge zurückgelassen worden.
Die Gegenstände erscheinen entleert, ihre Bedeutung zerfällt.
Das Fehlen eines orientierenden Zentrums und das Leerwerden der Zeichen war ein zentrales Thema auch der Philosophie nach den Weltkriegen.
Nach dem Drama
Die Gegenstände in dem 1952 enstandenen Bild wirken nicht wie Werkzeuge konkreter Täter, sondern wie Bedingungen der Möglichkeit von Gewalt.
Der Fokus verschiebt sich zu den Strukturen, die Unrecht ermöglichen.
Vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts lässt sich diese Bildlogik auch als ein Echo einer Erfahrung lesen, in der die Mittel der Zerstörung ein Eigenleben gewonnen haben.
Die Gewalt moderner «Materialschlachten» war strukturell und industriell.
Autonome Waffen
Gegenwärtig – einer Zeit neuer Hoch- und Höchstrüstung – zeigt sich diese Verschiebung in nie dagewesener Schärfe: Waffensysteme operieren zunehmend vollautomatisiert, gesteuert durch Algorithmen, in Bewegung versetzt durch technische Infrastrukturen.
Instrumente handeln – aber niemand kann mehr verantwortlich gemacht werden.
Genau das scheint in Pagavas Bild bereits angelegt: eine Ordnung, in der Gewalt nicht eindeutig zuordenbar ist.

Zwischenraum
Das Kunstwerk vermeidet jeglichen Pathos. Es klagt nicht an, es moralisiert nicht, es erklärt nicht – sondern zeigt nur. Durch die konsequente Reduktion wird etwas freigelegt: die Ordnung der Dinge, die Leiden vorbereitet.
Das Bild erzählt nichts zu Ende. Aber es hält etwas offen.
Und es enthält immerhin noch eine leise Spur einer Geschichte, in der Gewalt nicht das letzte Wort gehört.
Manche sehen in dem grünlichen Hintergrund sogar einen Schimmer Hoffnung. Mir erscheint der Bildgrund dafür zu fahl. Ich nehme das Gemälde aber als Einladung, die Mittel der Macht wirklich anzuschauen. Und darüber zu meditieren, ob die Ordnung der Dinge auch eine andere sein könnte.
Wie betrachtest Du die Instrumente der Passion? Lassen sie sich für dich zu einer Geschichte zusammensetzen?
Einladung zur Meditation
In der Passionszeit 2026 ist das Gemälde von Vera Pagava als Teil einer Altarinstallation in der Pariser Église Saint Eustache präsent (direkt an der Metro Les Halles).
Abbildung: Vera Pagava, Les instruments de la passion, 1952, Église Saint-Eustache © Galerie Poggi et Association culturelle Vera Pagava — AC/VP; Foto Di Blasi









4 Gedanken zu „Gewalt ohne Gesicht, oder: Die Instrumente der Passion“
Das leere Kreuz (nach der Kreuzabnahme) im Hintergrund wirkt entrückt – es ist erhöht und jenseits der Folterwerkzeuge in einer davon unterschiedenen Sphäre. Auch der Schächer rechts von Jesus scheint nicht mehr am Kreuz zu hangen. Der Hintergrund erscheint tatsächlich in einem anderen Licht – einem Licht, das keine Schatten mehr wirft. Und der weisse, emporstrebende Fels hat etwas Sieghaftes.
Danke für die genaue Beobachtung! Das Kreuz ist tatsächlich wie in einer anderen, helleren Sphäre.
Die Dornenkrone erzeugt in mir Asoziationen von Beengtheit, eingezäunt sein. Sie ist in den Mittelpunkt des Bildes gerückt, darum herum die Marter-Instrumente. Dann – ein waagerechter Schnitt! Etwas Neues ist dem darüber gesetzt. Tatsächlich ist die Grundfarbe eine andere, freundlichere. Der Fels hat etwas Triumphales.
Eine Leiter. Anscheinend wurde sie benutzt um jemandem den Abstieg von Kreuz zu ermöglichen, das ist nun leer. Auch für den Speer gibt es keine Verwendug mehr.
Die obere Bildhälfte scheint etwas endgültig Anderes zu sein, ist aber gleichzeitig in einer Leere verortet, in Erwartung?
Diese Krone hat etwas so Starres und Hartes. Beengendes. Empfinde ich genauso. Und dazu die merkwürdige Leere. Wie nach oder vor einem Ereignis – auch das bleibt unklar … danke fürs Weiterdenken!