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Himmlisches Zeugs: Ein nutzloser Flohmarktfund

«Bêtises de Cambrai», steht auf der Blechdose. Bei diesen Süssigkeiten handelt es sich um Minzbonbons aus caramelisiertem Zucker, doch auch der heutige Inhalt der Dose sind eigentlich «bêtises», Dummheiten – oder zumindest gehören sie zu meinen nutzlosesten Besitztümern.

In der Dose liegen nämlich fünf alte, filigrane Brillen: eine silberne, fein gemusterte aus Draht, ohne Gläser, dazu vier «Zwicker» (also Brillen, die nicht mit Bügeln auf Ohren und Nase gesetzt, sondern auf die Nase geklemmt werden). Zwei ohne Gläser, zwei mit.

Über 100 Jahre alt

Die Brillen scheinen aus dem Sortiment eines Optikers zu stammen: Die Gläser weisen keinerlei Kratzer auf, am einen Zwicker hängt noch ein Papieretikett, «Stevens Guaranteed», und auf dem rechten Glas derselben Brille klebt noch ein Fitzelchen einer Etikette. Darauf steht «4,50». Dies entspricht etwa meiner Sehschwäche, und tatsächlich kann ich einigermassen scharf sehen, wenn ich mir die Gläser auf die Nase klemme. Ich fühle mich damit auf eine altmodische und maskuline Weise intellektuell, muss an Schwarzweissfotos von Nietzsche denken und an Landärzte in Kostümfilmen.

Einen Anhaltspunkt für ihr Alter bietet Ebay, ähnliche Brillenmodelle sind dort unter «19. Jhdt.» gelistet. Die Blechdose hingegen sieht älter aus, als sie ist; auf der Unterseite ist nämlich ein Barcode aufgedruckt. Vermutlich ist sie absichtlich «vintage» designt.

Die Dose mit den Brillen ist ein Flohmarktfund aus Genf von vor etwa zwölf Jahren. Auf dem gleichen Flohmarkt habe ich eine kleine Sammlung peruanischer Schmetterlinge gekauft, hinter Glas auf Styropor gesteckt. Ebenfalls schon ziemlich alt, sodass ich mit dem Kauf keine moderne Tierquälerei unterstützt habe. Die Schmetterlinge stehen dekorativ im Bücherregal, die Brillendose liegt geschlossen daneben. Hin und wieder, eher selten, öffne ich sie und nehme eines der filigranen Objekte heraus.

Zugleich wertvoll und profan

Keine Ahnung, warum ich die Brillen damals gekauft habe. Vielleicht, weil sie auf faszinierende Weise zugleich wertvoll und profan wirken, wie sie so leicht verheddert in der Blechdose liegen, über 100 Jahre alt und gleichzeitig fabrikneu. Weil es Gebrauchsobjekte sind, wie wir sie heute noch kennen: Ich trage seit der 2. Klasse eine Brille, heute meist Kontaktlinsen. Ohne wäre ich im Alltag ziemlich hilflos.

Während ich eines der Drahtgestelle aus der Dose in der Hand halte, fällt mir ein, dass ich in ein paar Tagen meine neue Brille beim Optiker abholen kann. Meine jetzige ist fast 10 Jahre alt, die Korrektur stimmt nicht mehr ganz und Kratzer trüben die Sicht etwas. Weil ich bis zum Home-Office-Corona-Jahr im Alltag ohnehin oft Kontaktlinsen getragen habe, habe ich es immer vor mir her geschoben, eine neue zu kaufen. Nun habe ich mich endlich aufgerafft – und freue mich jetzt auf die neue Brille.

Nutzlos?

Die aktuelle wandert dann in eine kleine Kartonschachtel im Keller, zu meinen anderen alten Brillen seit derjenigen, die ich als Kind vor fast 30 Jahren bekommen habe. Aus Nostalgie habe ich sie behalten. Nun liegen sie, ähnlich wie die alten Zwicker in der Blechdose, nutzlos herum.

Kürzlich habe ich jedoch gelesen, dass man nicht mehr gebrauchte Brillen spenden kann. Damit erhielten meine eigenen alten Brillen ein zweites Leben. Die «bêtises» in der Blechdose behalte ich.

Foto: Evelyne Baumberger

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