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Himmlisches Zeugs: Lebkuchen bleibt tabu

In diesen Tagen steht das «Allerheiligste» für mich in den Tempeln, die ich wöchentlich zum Familieneinkauf betrete. Von Weitem sieht es aus wie ein grosser, glitzernder Würfel mit rötlicher Aura. Wer näher hinzutritt, erkennt die Einzelheiten. Manchmal sind es über tausend Schoggi-Samichläuse, die ich grob zähle. Kubikmeter an Advents- und Weihnachtsgebäck türmen sich auf. Vor allem aber – und jetzt wird’s ziemlich lecker – Lebkuchen! Es gab Momente, in denen ich beinahe schwach geworden wäre.

Warum auch nicht? Wir haben es und wir können es. Lebkuchen Anfang September bei blauem Himmel und 26 Grad Celsius.

Und doch will diese imaginäre Linie, die das «Allerheiligste» vor meinem Einkaufswagen schützt, nicht aus meinem Kopf. Ich mag sie einfach nicht überfahren… alle Jahre wieder. Was ist da los?

Ein Ritt durch die Zeit auf dem Rücken der Oblate

Wenn ich Lebkuchen esse, dann schmeckt es nach Advent. Vor allem bei den überragenden Oblatenvarianten, die mir mein Freund aus einer fränkischen Lebküchnerei zusendet. Schon der erste Bissen kann mich auf eine Zeitreise schicken. Sie bringt mich zurück in meine Kindheit.

Damals zeigten mir weder der Outlook-Kalender noch andere Instrumente an, welche Zeiten im Kommen waren. Mein Zeitempfinden entstand durch Rituale und Symbole.

Sie waren oft naturgebunden, etwa wenn wir im Bach das reissende Schmelzwasser stauten und dabei die warmen Jacken in die Wiese legten. Vorboten des Frühlings. Ein «dingdingdingdingding» im Dorf verriet mir, dass die Alten auf dem Amboss ihre Sensen dengelten. Der Klang der Heumachzeit. Und wenn sich der süsse Rauch brennender Kartoffelsträucher über das Erntefeld legte, dann würden wir bald die Drachen steigen lassen. Genauso ging das mit dem Lebkuchen, wenn ich ihn im Advent – wohldosiert von meiner Mutter – in meinem Schulranzen oder auf dem Küchentisch fand: Sinnliche Einstimmung auf die kindliche «Weltjahresbestzeit» (Christina Brudereck).

Hat jede Zeit ihre Dinge?

Das alte Glück, tief in eine besondere Zeit einzutauchen oder sich darin selbst überrascht vorzufinden, möchte ich heute nicht missen. Dinge sind dann himmlisches Zeugs, wenn sie mir diese Immersionserfahrung offenhalten, und sei es nur in einer kleinen Episode des Alltags.

Die Ahnung, dass etwas, das wir erleben, konsumieren, produzieren oder gebrauchen, seine Zeit hat, gehört zum Grundbestand biblischer Weisheit: «Alles Ding hat seine Zeit.» Ich meine, es auch umgekehrt sagen zu müssen:

Jede Zeit hat ihre Dinge. Warum sollte ich Lebkuchen durch unzeitgemässen Genuss von Advent und Weihnacht trennen, wenn das eine das andere für mich umso schöner macht?

Selbstüberlistung durch adventliche Verknappung

So bleiben also – zumindest bisher – die Lebkuchen für mich tabu. Und unsere ganze Familie macht mit. Okay, Basler Läckerli und das Magenbrot auf der Herbstmesse sind die gefeierten Ausnahmen. Dass viele andere seit Anfang September das «Heiligtum» im Discounter plündern, sei ihnen von ganzem Herzen gegönnt. Für mich aber wäre das eine weitere Vergleichzeitigung meines Lebens, in der sich die Tage immer ähnlicher anfühlen.

Wer die schönen Dinge nur noch in den Topf der Gegenwart zieht, lebt irgendwann von einem Brei, der immer gleich schmeckt. Das rauschende Jetzt bedroht die restliche Zeit.

Daher mache ich das mit mir selbst, was das Marketing öfters mit den Konsumenten macht: Künstliche Verknappung des Produktes («scarcity» Methode), um es wertvoller und begehrenswerter zu machen.

Meine zeitliche Verknappung des Lebkuchens führt zu seiner Sakralisierung. Wenn der Einkaufswagen dann wieder nicht über die heilige Linie fährt, grinse ich innerlich über meinen Selbstüberlistungstrick.

Aber ist es nicht mehr? Gebe ich dem Lebkuchen hier nicht jene Bestimmung zurück, die allen Dingen eignet? Sie sind nicht da, um immer zuhanden, geschweige denn verfügbar zu sein. Gerade so eröffnen sie mir die hohe Zeit der Vorfreude auf die Momente, in denen der Lebkuchen in die Zeit fällt. Pralle Lebensfülle! Himmlisches Brot!

 

Photo by Valentin Vlasov on Unsplash

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3 Kommentare zu „Himmlisches Zeugs: Lebkuchen bleibt tabu“

  1. Johanna Di Blasi

    Selbst als jemand, der dem typischen Lebkuchengeschmack nicht übermässig zugetan ist (Zimt, Nelken, Piment, Koriander, Ingwer, Kardamom, Muskatnuss plus Hirschhornsalz), geriet ich bei der Lektüre ins Schwelgen. Dir gelingt es, eine ganze Welt des Aufwachsens auf dem Land (das manche fälschlicherweise für langweilig halten), in wenigen Zeilen wachzuküssen. Merci Andy für dieses sinnliche Himmlische Zeugs! Und gerne mehr davon. Noch eine Frage: Wieso heisst der Keks Lebkuchen?

  2. Dunkel meine ich mich zu erinnern, dass irgend eine Frau, irgendwo im Alten Testament, irgendeinem ihr bedeutsamen Mann mal einen Kuchen in Herzform gebacken hat. Ich meine mich ebenso dunkel zu erinnern dass das hebräische Wort für ‚Herz‘ ‚Leb‘ sei. Daher ‚Leb-Kuchen. Die Kids die heute Hebräisch lernen, können da vielleicht weiterhelfen? Oder vielleicht ein Altphilologe?

  3. Lieber Andi, ich feiere Lebkuchen auch sehr. Sie gehören für mich zu den Nachmittagen mit Brettspielen gemeinsam mit den Kids dazu. Und die gibt es nun mal bei uns meistens in der Winterzeit. Ich schleiche auch immer wieder um Dominosteine (kommen für mich sogar noch vor Lebkuchen) und Co drumherum und zwinge mich zum „Einkaufswagen-weiterschieben“.
    Dank dir für das Veranschaulichen des -Alles hat seine Zeit- Prinzips. Ich werde weitere 3 Wochen schnell vorbei huschen an den einschlägigen Ecken!
    PS: Komischerweise schmecken Spekulatius im Frühjahr auch nicht mehr. Schon getestet.

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