Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 3 Minuten
Alle Beiträge zu «Himmlisches Zeugs»

Himmlisches Zeugs: Flip Flops

Es fühlt sich an wie Bossa Nova für die Füsse. Diese Weichheit, diese fliessende Rhythmik. Eine andere Gangart, ein Lebensgefühl wie auf Wolken gebettet, ein Hauch von Copacabana. Und tatsächlich haben Flip Flops ihren Ursprung in Brasilien.

Anfang der 1960er-Jahre, als der einschmeichelnde Gesang von Gilberto Gil und Antonio Carlos Jobim aus den Strandclubs von Rio de Janeiro drang, entwickelte der Espandrillo-Hersteller Alpargatas das minimalistische Schuhwerk und meldete es vier Jahre später in São Paulo zum Patent an.

Damals hiessen Flip Flops noch Havaianas, in Anlehnung an die Urlaubsinsel. Erst später kam der lautmalerische Name Flip Flops auf. In den Patentamtsakten sind die Badelatschen merkwürdigerweise als «steinschleuderförmig» beschrieben.

Ich war in den frühen 1960er-Jahren weder in Brasilien noch überhaupt geboren, aber etwas von dem sanft-getragenen Bossa-Nova-Lebensgefühl meine ich zu spüren, wann immer ich auf Flip Flops unterwegs bin.

Lautmalerisch durch Metropolen

Ich kann von mir sagen, Teil der urbanen Flip-Flop-Avantgarde gewesen zu sein. Es war Anfang der 2000er-Jahre. Damals setzte sich die weiche und doch zähle Latsche auf einmal an den Füssen europäischer Grossstadtbummler durch. Flip Flops emanzipierten sich vom Badezimmer- und Strandimage und mauserten sich zum urbanen Schuhwerk. Die Arme-Leute-Sandale war nun Lifestyle.

«Sie werden doch nicht den ganzen Tag in Badelatschen herumlaufen», wurden Flip-Floper:innen von unkundigen Mitmenschen gefragt. «Oh ja, genau das werde ich tun», antwortete ich erhobenen Hauptes. Während andere in herkömmlichen Leder- oder Stoffschuhen schwitzen, schwebte ich ganze Sommertage lang in den Fussschmeichlern wie auf Luftkissen.

Jesus-Latschen

Erfahrungen mit Flip-Flop-artigen Sandalen macht die Menschheit nicht erst seit der Bossa-Nova-Ära. Havaianas haben japanische Reisstrohsandalen, sogenannte Zori, als Vorbild. Auch die Inder kennen Sandalen mit Y-förmigen Riemen. Sie nennen sie „Luftsandalen“.

Aus dem alten Ägypten sind Latschen aus Papyrus überliefert. Römer trugen Zehensandalen als Alternative zur Römersandale. Angeblich befand sich in Griechenland der Zehenriemen zwischen der ersten und zweiten, bei den Römern zwischen der zweiten und dritten und in Mesopotamien zwischen der dritten und vierten Zehe.

Als historischen Vorläufer der Öko-Sandale kann man die «Jesus-Latsche» ansehen, die in den 1970er-Jahren Mode war.

Einzug ins Weisse Haus

2005 erntete ein Team von Lacrosse-Sportlerinnen scharfe Kritik dafür, dass es in Flip Flops zu einem Empfang im Weißen Haus in Washington gelatscht war. Als aber 2009 Barack Obama ins Weiße Haus einzog, änderte sich das Schuhklima. Der in Honolulu auf Hawaii geborene US-Präsident ließ sich als erster Präsident der Vereinigten Staaten in Flip Flops fotografieren.

Einen Dämpfer erhielt meine Begeisterung für Flip Flops, als mit zunehmendem Ökobewusstsein neben anderen Kunststoffobjekten auch die ultraleichten Treter in die Kritik gerieten und Plastiklatschen die Plastikmüllberge der Weltmeere vergrösserten.

Inzwischen gibt es Schlappen aus einer Fülle alternativer Materialien: von Recyclingkunststoff über Naturkautschuk bis zu Biopolymer. Öko-Flip-Flops sind kompostierbar. Verarbeitet werden Materialien wie Maisblätter, Zellulose, Baumwolle, Raps oder Soja.

Verführerisch ist es, in Flip Flops wie barfuss durch die Stadt zu laufen und doch sanft auftzutreten. Zugegeben: Die Riemchen können nach einer Weile an den Zehenwurzeln scheuern. Daher der Ehrgeiz schon zu Sommerbeginn: Zehen abhärten. Schön im eigentlichen Sinn sind Flip Flops natürlich nicht, aber so ist es nun mal in der Mode: Es geht darum, selbstbewusst an etwas festzuhalten, was andere nicht begreifen.

 

Photo by Vi Vi on Unsplash

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (0)
  • Deep (0)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

1 Kommentar zu „Himmlisches Zeugs: Flip Flops“

  1. Ich habe mir immer Sorgen gemacht um diese Flip-Flopper. Was, wenn man den letzten Zug verpasst und nach Hause latschen muss? Was, wenn es zu regnen beginnt und die Temperatur fällt? Irgendwie nicht ganz Notfall-tauglich. Ausserdem schlecht für die Gelenke. Ich bevorzuge Wanderschuhe, Veloschuhe mit Cleat und Kampfstiefel.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.