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Himmlisches Zeugs: Meine Chemex

Eigentlich möchte ich mich nicht einreihen in die Fangemeinde, die unter #chemexlove zu finden ist: Diese jungen, schönen, fröhlichen Menschen sind mir eher zuwider. Aber ebe, da ist dieser unwiderstehliche Kafi. Niemand macht so guten Kafi wie meine Chemex.

Lange Jahre gehörte ich zur Fraktion: Je stärker der Kaffee, desto besser. Was ich in unserer Bialetti braute, gebrauchte mein Partner jeweils als Konzentrat, ich jedoch trank das Zeug ohne mit der Wimper zu zucken.

Doch das war in meinem früheren Leben. Heute kann mein System nicht mehr mit diesen Mengen an Koffein umgehen. Als ich über Alternativen nachzudenken begann, trat eine Chemex in mein Leben. Ein Filterkaffeesystem, das ich 2016 in Portland noch verächtlich als viel zu wenig potenten Hipsterseich abgetan hatte.

Das geschwungene Glas mit der Holzmanschette macht mich glücklich. Schon nur allein, wenn ich es in meiner Küche sehe.

Und der Kaffee erst! So sanft, so weich, soo fein. Es war eine ganz neue Erfahrung, dass Kaffee nicht bitter und beinah schmerzhaft sein muss. Erfunden hat das Teil der deutsche Chemiker Peter Schlumbohn 1941, der in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Bis heute ist es die von Schlumbohn mitgegründete Firma, die diese Filterkaffeemaschine herstellt: Die Chemex Corporation.

Natürlich zelebriere ich das ganze Ritual ausgiebig. Denn Kaffeemachen mit einer Chemex, das dauert seine Zeit.

Zeit, die ich mir gerne nehme. Zeit, von der ich heute scheinbar endlos habe. Zeit, die den kleinen Dingen zugutekommt. Wie eben dem Kafimache.

Jeden Morgen koche ich Wasser, fische einen frischen Filter aus dem Schrank und lege ihn in die Öffnung des Glases. Frischgemahlene Bohnen* kommen da rein und dann wird das Hüüfeli mit heissem Wasser benetzt. So dass das Kafipulver sich öffnen kann, «bloom» nennen das die Menschen im Internetz. Erst nach einer halben Minute dann giesst man das Wasser langsam und süüferli kreisend in den Filter. Dieser Schritt wird wiederholt, bis die gewünschte Menge Kafi parat ist. Gschwindgschwind geht da gar nichts.

Doch der Duft, der sich aus dem Glas in die ganze Küche, ja Wohnung ausbreitet ist mindestens himmlisch.

Und unter uns: Ich gehe jeden Abend voller Vorfreude ins Bett, dass ich am nächsten Morgen wieder diesen Kaffee trinken kann. Der jeden Morgen etwas anders ausfällt, da jeder kleinste Unterschied in der Prozedur einen Unterschied im fertigen Kafi hinterlässt. So ist eine Chemex ein wunderschöner Hinweis darauf, dass jeder Morgen wieder ein Neuanfang ist. Ein frischer Start, mit unglaublich geilem Kaffee aus einem Stück Design, das 1958 ins Museum Of Modern Arts aufgenommen wurde – das fühlt sich an wie #heavenonearth.

*Auch in Bezug auf Bohnen und Mischung bin ich sehr wählerisch, doch das ist ein anderes Thema. Nur so viel: Es ist nicht mehr viel tatsächlicher Kaffee in meinem Kaffee 🙂

Photo by Dmitriy Ganin from Pexels

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