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Himmlisches Zeugs: Klobürste

Das Dilemma mit Klobürsten beginnt damit, dass niemand Klobürsten mag. Bei einer fremden weiss man nie, in welchem hygienischen Zustand sie ist, und auch die eigene gewinnt mit der Zeit nicht an Wert. Im Gegenteil, je länger sie lebt, umso mehr ekeln wir uns vor ihr. Trotzdem wird sie so heftig umworben wie kaum ein anderer Haushaltsgegenstand: Zahlreiche mehr oder weniger schlaue Sprüche werben auf Toiletten darum, ihren Gebrauch nicht zu unterlassen. Eine ambivalente Hassliebe. Denn eine Klobürste, das ist doch eine himmlische Sache.

Rücksichtsvoll

An Klobürsten zeigt sich, wer Rücksicht nimmt. Wer gelernt hat, eine Toilette ordentlich zu putzen – und wer sich davor gedrückt hat. Man erkennt, wer genug Empathie und vorausschauendes (oder eher zurückblickendes?) Mitdenken aufbringt, um den Nächsten einen angenehmen Toilettenbesuch zu verschaffen.

Es ist eine ungemeine Wertschätzung, wenn man eine Toilette betritt und sieht, dass Klo und Klobürste in einwandfreiem Zustand hinterlassen wurden.

Pragmatisch

Aber auch für die vielen anderen Situationen, in denen man unfreiwillig das Ausmass des vorherigen Toilettenbesuchs mitbekommt, gibt es doch die Klobürste! Für wen hält man sich, dass man in jedem Fall glaubt, stets eine einwandfreie Toilette vorzufinden? Das ist doch so, als meinte man, einklagen zu können, dass Menschen einen immer fair und angemessen behandeln. Schöne Wunschvorstellungen, leider kein juristisch abgesichertes Grundrecht. Deshalb sollte man mit Menschen wie mit ungeliebten Toilettensituationen pragmatisch umgehen.

Sichere Distanz

Klobürsten haben den Vorteil, dass sie einem in jedem Fall eine sichere Distanz zur Kloschüssel verschaffen. Was nützt das Zetern, die Beschwerde, dass die Toilette nicht sauber ist? Was hindert Menschen daran, ohne zu zögern zur Klobürste zu greifen? Möchte man gleich noch eine Liste all derjenigen Menschen mit einreichen, die nicht immer nett zu einem waren?

Bitte, bedient euch der Klobürste und macht euch das Leben nicht schwer! Wagt zu putzen!

Die Kritischen können den Haltegriff ja mit etwas Toilettenpapier umwickeln oder kurz desinfizieren. Aber jammert doch nicht, weil ihr eine kleine braune Spur entdeckt habt.

Lektion in Demut

Klobürsten lehren Demut. Es ist weltfremd anzunehmen, dass uns unangenehme Einblicke in das Innenleben anderer Menschen erspart bleiben. Zwischenmenschlich geschieht das andauernd. In öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht manchmal ein befremdlicher verbaler Durchfall. Da werden intime Arztberichte oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten lautstark durchdiskutiert. Aber auch wenn man Menschen privat nahesteht und beispielsweise mit ihnen zusammenlebt, bekommt man einen Einblick in ihr Leben. Man merkt, dass sie vergessen, WC-Papier nachzufüllen, dass sie nicht zurückschreiben oder ganze Pfannen mit Essensresten einfach so in den Kühlschrank stellen. Es menschelt. Tagtäglich.

Solidarität

Anstatt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen und darauf zu beharren, dass jede*r immer nur seine*ihre Sachen macht, könnten wir solidarischer miteinander umgehen. Nicht erwarten, dass immer der Sekretär lüftet nach der Sitzung, oder dass schon jemand die Geschirrspülmaschine ausräumen wird. Die Bedingung dazu ist natürlich, dass es nicht immer dieselben Menschen sind, die die Klobürste vergessen und andere sie dafür schwingen. Es sollte ein Geben und ein Nehmen sein.

Unperfekt

Wir leben in einer Welt, in der nicht alle rücksichtsvolle und angenehme Zeitgenoss:innen sind. Klobürsten lehren, dass wir pragmatisch unsere gegenseitigen menschlichen Unzulänglichkeiten aushalten und einen Umgang miteinander finden müssen – manchmal leider auch in der Kloschüssel. Die gute Nachricht ist, dass niemand, absolut gar niemand um diese Erfahrung herumkommt.

Aber es gibt eben Gegenstände wie Klobürsten, die einem helfen, die unangenehmen Aspekte des Lebens einigermassen würdevoll zu bewältigen.

Für ein bisschen mehr Demut und Solidarität in unserer Gesellschaft schlage ich daher vor: mehr Klobürstentherapie für alle.

Photo by Marc Schaefer on Unsplash

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1 Kommentar zu „Himmlisches Zeugs: Klobürste“

  1. Zum Thema Toilette und Demut:

    Orge sagte mir: der liebste Ort
    Auf Erden war ihm immer der Abort.
    (…)
    Ein Ort der Demut, dort erkennst du scharf
    Daß du ein Mensch bist, der nichts behalten darf.

    Aus dem „Baal“ von Bertolt Brecht.

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