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Hymne einer Feministin aufs Putzen

Hier also die Information, die sich merkwürdig wie ein Bekenntnis anfühlt: Ich bin Feministin, ich putze gerne und ich glaube, dass beides in Kombination kein Widerspruch ist. Auch, weil es viele starke Migrantinnenfrauen gibt, die ihre Familie finanziell durch Reinigungsarbeiten tragen. Eine Lebensrealität, die zugegebenermassen von mir als privilegierter Studentin, die nur zwei lachsliebende Katzen zu ernähren hat, weit entfernt ist.

Ein Jahr Probeputzen

Meine persönliche Geschichte mit dem Putzen beginnt in Frankreich. Nach der Matura machte ich ein einjähriges Praktikum in einem christlichen Gästehaus. Es gehörte einer missionarischen Lebensgemeinschaft. Weder möchte ich an dieser Stelle ihre Arbeit rechtfertigen noch die Tatsache, dass ich das tatsächlich gemacht habe. Auch wenn ich heute vieles kritisch sehe, möchte ich den Namen der Organisation nicht preisgeben. Ich habe keine Rechnungen offen.

Wer dieser Lebensgemeinschaft beitrat – meist nach einem Praktikum, einem Jahr Probeleben und dem Aufbau eines finanziellen Träger:innenkreises – entschied sich, keine Unterscheidung zwischen Berufs- und Privatleben zu machen: Ledige lebten gemeinsam in geschlechtergetrennten WGs, hatten gemeinschaftliche Gebetszeiten vor und nach der Arbeit, assen gemeinsam, gingen gemeinsam auf Missionseinsätze, hatten gemeinsame WG-Abende, Teamtage, Teamferien und engagierten sich darüber hinaus für die Gemeinschaft. Ja, das ist sehr viel «gemeinsam». Als Individuum trat man für die missionarischen Anliegen der Gemeinschaft zurück. Auch verheiratete Paare mit und ohne Kinder öffneten ihren Paar- oder Familienkreis für die Gemeinschaft.

Wir Praktikant:innen starteten jeden Tag ausser Sonntag um 07:30 mit einer Morgenliturgie und beendeten unseren Arbeitstag um 17:30 mit der Abendliturgie. Von Montag bis inklusive Samstag arbeiteten wir im Betrieb. Die Männer handwerkten auf den Baustellen oder im Garten, Frauen in der Hauswirtschaft, in der Küche oder im Garten.

Die Hierarchien waren straff und die obersten Prinzipien waren Disziplin und Gehorsam.

Am Samstagabend im Gottesdienst predigte stets ein Mann. Frauen durften Gebetszeiten leiten, aber ihre Rolle wurde mit der einer Innendekorateurin verglichen: Der Mann baue das Haus, die Frau fülle es mit Leben aus. Predigen war für eine Frau nicht im grossen Stil vorgesehen, höchstens an einem Frauenabend. Meistens kochten sie das (extrem köstliche) Abendessen, das nach dem Gottesdienst serviert wurde. Der Sonntag stand zur freien Verfügung. Wollten wir Praktikant:innen gemeinsam ins nahegelegene Städtchen, durften ein Mann und eine Frau nicht alleine dorthin. Es mussten im Minimum zwei Personen von einem Geschlecht dabei sein, ausser, es handelte sich um ein verheiratetes Paar.

Viel Schmutz

Mit all dem kam ich damals ganz okay klar. Ich war in einer Freikirche aufgewachsen, in der der Glaube an Gott gefühlsbetont ausgelebt wurde und sehnte mich nach mehr, als Gott erleben und spüren zu müssen. Ja, müssen, weil ich es ohnehin kaum tat.

Die klaren Regeln und Strukturen boten Sicherheit und Orientierung, was vermeintlich «richtig» und was vermeintlich «falsch» war.

Doch hier lag der Haken, an dem ich mich verbeissen und letztlich verletzen sollte: Die Lebensgemeinschaft hatte ein Menschenbild, das nach meiner Einschätzung auf schwarzer Pädagogik beruhte.

Mir wurde vermittelt, ich sei eine Sünderin und deswegen sei meine Wahrnehmung grundsätzlich korrumpiert und falsch.

Mein Wille und meine Gefühle würden mich ständig betrügen und mir das Gegenteil dessen sagen, was Gott von mir wolle. Nur Gott wisse, was richtig und wahr sei. Meiner Wahrnehmung, meinem Willen und meinen Gefühlen dürfe ich auf keinen Fall vertrauen. Diese müssten ständig hinterfragt, verneint, gebrochen und unter Gottes Wahrheit gestellt werden. Leitungspersonen, denen ich unterstellt war, waren nicht nur meine Vorgesetzte, sondern das Beispiel, an dem sich mein Gehorsam gegenüber Gott und seiner Wahrheit zeigen sollte.

Putzen als Grenzerfahrung

Mit all diesen Vorstellungen glaubten sie auch, dass man Menschen nicht nach ihren Fähigkeiten einteilen, sondern sie gerade dorthin schicken sollte, worin sie schlecht waren. Auf diese Weise sollten wir Praktikant:innen uns unserer Abhängigkeit von Gottes Gnade bewusster werden und unseren Charakter demütig schleifen lassen. Ich wurde in die Hauswirtschaft eingeteilt.

Ich hasste diese Arbeit. Ich war unerfahren, hatte tatsächlich wenig Lust aufs Putzen und vergeigte zu Beginn so ziemlich alles. Ich liess den Staubsauber die Treppe runterfallen, stellte einen Eimer mit Schmutzwasser vor eine Durchgangstüre oder meldete nicht, dass ich den Dichtungsring einer Dusche beschädigt hatte, weil ich nicht einmal gewusst hatte, dass das wichtig war.

Putzen als Charakterfrage

Diese Vorkommnisse wurden nicht als unüberlegte Anfänger:innenfehler oder unabsichtliche Missgeschicke angesehen, sondern als willentliche Rebellion gegen jegliche Leitungsautorität und vor allem gegen Gott interpretiert.

Für die Sache mit dem Dichtungsring wurde mir vom Leiter in der Gegenwart dreier weiterer Männer, die alle einen Kopf grösser waren als ich und gerade eine Baubesprechung abhielten, Charakterschwäche attestiert. Ich hätte etwas bewusst verheimlicht und konsequenterweise gelogen. Ich fühlte mich mehr als missverstanden.

Als ich später beim gemeinsamen Teamabendessen meinte, ich hätte mich schon ziemlich gedemütigt gefühlt durch diese Situation, konterte der Leiter: «Du hast ja keine Ahnung, in der Arbeitswelt läuft das noch ganz anders.»

Leben im Licht, wie sie es nannten, bedeutete, dass die eigenen Schwächen blossgestellt wurden bis ins letzte Detail.

Komischerweise nur bei uns Praktikant:innen. Beim Rest bekamen wir das irgendwie nicht mit, weil das Teamsache blieb.

Putzen als Fluchtmöglichkeit

Wie kam es, dass ich die Arbeit, die ich so sehr hasste, lieben lernte? Es ist ganz einfach:

Der einzige Ort, um in dieser Lebensgemeinschaft meinen Gefühlen und Gedanken ungefiltert Raum zu verschaffen, war das Putzen.

Es war die einzige Zeit, in der ich alleine im Haus unterwegs war. Es war der Ort, an dem ich inmitten all dieser Regeln und Restriktionen mich selbst spürte. Beim Putzen gehörte ich nur mir. Natürlich konnten die Verantwortlichen meine Arbeit kritisieren, sollte ich zu tagträumerisch oder ineffizient gearbeitet haben und würden das auf meinen rebellischen Charakter schieben. Das taten sie auch. Aber ganz ehrlich, so falsch war diese Einschätzung gar nicht. Ich wollte mir eben doch nicht vorschreiben lassen, wie ich zu denken und zu fühlen hatte. Und irgendwie schien ich zu glauben, dass auch Gott kein Problem damit hatte, dass ich eine freiheitsliebende, kritische Rebellin war.

Putzen als Freiheitsmoment

An einem Novembertag, als ich nämlich den Eingangsbereich staubsaugen musste, hatte ich besonders schlechte Laune. Meine Zimmermitbewohnerin durfte für eine Woche zu einem anderen Teil der Gemeinschaft fahren und missionieren.

Wütend schob ich den Staubsauger vor und zurück, während ich darüber sinnierte, warum sie eine so tolle, damals für mich bedeutungsvolle Arbeit machen durfte, und ich bei den Spinnen bleiben sollte. Es war kalt, das tägliche Staubsaugen nervte, der Entscheid der Leitungspersonen nervte, das Praktikum insgesamt nervte, kurz: Die Gefühle, die sich unter Gottes Wahrheit hätten subsumieren lassen sollen, brodelten nur so an der Oberfläche. Ich weiss nicht, warum oder wie ich auf die Idee kam – vermutlich lag es an meiner damals sehr persönlichen Gottesvorstellung – aber ich begann, meine Wut an Gott zu adressieren und ihn (damals war meine Gottvorstellung patriarchal-männlich) anzufauchen, währenddessen ich die Eingangsmatten ausklopfte und den Dreck einsaugte. Das Ganze artete in eine Art Streitgespräch in meinem Kopf aus.

Putzen als Ventil

Überraschend war dabei, dass ich mich zu beruhigen begann, je länger ich putzte und mit Gott stritt. Ich fühlte mich gehört, gesehen und verstanden. Es war wohl eine Kombination davon, eine Adresse für meine Wut zu haben und ein Mittel, meine Wut auszudrücken: Ich konnte meine Wut gegen Gott richten, der durch meine Leitungspersonen für mich entschieden hatte.

Gleichzeitig konnte ich diese Wut körperlich ausdrücken, indem ich die angestaute Energie verstaubsaugte. Es fühlte sich unfassbar befreiend an.

Als ich den Staubsauger abstellte, ging es mir deutlich besser.

Vieles hat sich inzwischen geändert an meinem Glauben. Darf man als Angestellte der reformierten Kirche sagen, dass man nicht immer weiss, ob man an den Gott glauben will? Dass es Vorteile hat, aber auch Nachteile, je nachdem, wie dieser Gottglaube aussieht? Doch die Erfahrung ist geblieben, dass ich mich mit Putzen selbst beruhigen kann. Mit Gott-Gesprächen und ohne.

Putzen als Psychohygiene

Putzen, das geht immer. Staubsaugend, Klo schrubbend oder Wäsche faltend kusche ich nicht vor Geschlechterrollen, sondern finde Zugang zu meinen Gefühlen. Ich mache es für mich selbst, nicht, weil ich dazu gezwungen werde oder darauf angewiesen bin. Das sagen zu können, ist natürlich Privileg. Und völlig egal, ob man sich dabei an Gott wendet oder nicht: Mir gab und gibt es Raum, um nachzudenken und herauszufinden, was eigentlich das Problem ist.

Für mich ist es eine gesunde Form der Selbstregulierung. Denn nicht immer ist jemand da, der*die einem zuhört oder umarmt. Putzen, das ist Empathie für mich selbst. Manche Sachen verstehen die nächsten Menschen einfach nicht, so sehr sie auch möchten. Beim Putzen begegne ich mir selbst und sage mir: «Es ist okay. Ich verstehe es und das reicht.»

Putzen, das ist simpel. Es funktioniert auch, wenn man wenig Zeit hat und nicht auf einem Berg alles hinter sich lassen und auftanken kann. Es braucht keinen Aufwand, keine Planung, kein Geld und fühlt sich erstaunlich selbstermächtigend an. Am Ende riecht es gut, die Hausarbeit ist erledigt und die Psyche soweit beruhigt, sodass ich die Energie verspüre, das Problem anzupacken.

Es ist Disruption durch Banalität.

Wenn ich nicht mehr weiterkomme, lege ich eine Pause ein, richte meine Aufmerksamkeit auf etwas Simples wie das Klo und gehe dann neu ans Problem heran. Selbst auferlegte Putztherapie kann eine wunderbare Sache sein. Mir jedenfalls hilft es unheimlich, von Zeit zu Zeit meine Aggressionen an der Klobürste auszulassen.

 

Photo by S O C I A L . C U T on Unsplash

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1 Kommentar zu „Hymne einer Feministin aufs Putzen“

  1. Liebe Fabienne,
    dein Artikel hat mich sehr berührt. Wie gut kenne ich dieses Menschenbild, das du so treffend beschreibst, aus meiner Vergangenheit!
    Dass du die Chance ergriffen hast, Putzen kreativ als Ventil zu nutzen, ist großartig.
    Ich finde, der Feminismus hat dann versagt, wenn man sich vor Feminist*innen dafür schämen oder rechtfertigen muss, das zu tun, was einem entspricht.

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