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Lesedauer: 6 Minuten

Kreativer trauern

Vor ein paar Wochen wurde ich zufällig Zeugin einer Begräbniszeremonie. Es war in Venedig, auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo. Ich sass in einem Strassencafé, als eine Trauergemeinde aus der Kirche kam. Die Herbstsonne warf ein freundliches Licht auf den Trauerzug. Am Kanal hatte schon ein Boot mit der Aufschrift «Trasporti funebri» angelegt.

Der Sarg wurde von schwarz gekleideten Männern behutsam auf ein Podest auf dem Boot gehievt. Einen Moment lang schwankte die Barke und liess fürchten, der blumengeschmückte Sarg könne in den Kanal gleiten anstatt ins vorgesehene Grab. Die Trauergeäste trugen festliche Kleidung zu andächtigen Mienen. Die Witwe verbarg ihre Trauer hinter der Coronamaske.

Beim Beobachten der Szene, die einem Film entstammen könnte, wurde mir bewusst, wie selbstverständlich sie sich in den Alltag der Stadt einfügte. Für Aussenstehende wie mich strahlte die Begräbnisszene eine schöne Selbstverständlichkeit aus. Ich stellte mir vor, dass der jetzt Tote vielleicht in derselben Kirche vor Jahrzehnten getauft worden war und zahllose Male über den gepflasterten Platz spaziert ist, über den er nun umringt von Angehörigen und Freunden in liegender Haltung getragen wurde.

Der Effekt des Selbstverständlichen und Alltäglichen wurde dadurch verstärkt, dass direkt neben der Todesbarke ein Mülltransporter angelegt und eben noch mit einem Kran Abfall in den Bootsrumpf geschaufelt hatte. Eine kleine Ironie des Alltags, die niemanden zu stören schien. Gleichzeitig hatte die venezianische Begräbnisszenen etwas Mythisches an sich – der Fährmann Charon mit seinen geheimnisvoll funkelnden Augen liess grüssen.

Tod in Venedig

Mir wurde ausserdem bewusst, dass dies der erste Leichentransport seit langer Zeit war, den ich in der Öffentlichkeit sah. Selbst die Pandemie hat die Realität des Sterbens in den Städten kaum präsenter gemacht.

Begräbniskonvois und Massengräber hat man zwar gesehen, aber nur im Fernsehen: erschreckende Bilder aus dem italienischen Bergamo, aus Indien oder aus Bolsonaros Brasilien.

Seit Ausbruch der Pandemie vor mehr als eineinhalb Jahren ist kein Tag ohne bedrückende Zahlen, Fakten und Statistiken zu Infizierten und Verstorbenen vergangen. Über die Schicksale der vielen Coronatoten – weltweit wurde kürzlich die Fünf-Millionen-Marke überschritten, in der Schweiz sind es inzwischen mehr als 10 000 – haben wir aber nur wenig erfahren.

Die Unsichtbarkeit des Sterbens und des Todes in industriellen und postindustriellen Gesellschaften ist etwas, das schon lange vor der Pandemie beobachtet und beschrieben worden ist. Eine bekannte These lautet, dass sich in der Moderne der Fokus vom eigenen Sterben auf das Sterben «der Anderen» verlagert habe (Norbert Elias) und der Tod etwas Abstraktes geworden sei.

Tot sind immer nur die anderen

Ein weiterer Topos ist, dass mit der Verbannung des Sterbens aus der Öffentlichkeit und der Tabuisierung des Todes eine zunehmende Einsamkeit der Sterbenden einhergegangen sei. Die Öffentlichkeit werde möglichst nicht mit der latent beschämenden Realität «belästigt», dass wieder  ein Mitglied der Leistungsgesellschaft ausgeschieden sei. Und es ist ja nicht zu leugnen:

Angehängt an Schläuchen, versorgt mit Beruhigungsmitteln und überwacht von Medizinern, die Besuchsmöglichkeiten reglementieren, dämmern viele Menschen ihren letzten Atemzügen entgegen – und dem diskreten Eingeäschertwerden.

In seiner «Geschichte des Todes» zeichnete der mit Michel Foucault befreundete französische Historiker Philippe Ariès nach, dass in vormoderner Zeit ganz anders und vor allem nicht einsam gestorben worden sei. Menschen seien im Familienkreis und geistlich betreut «entschlafen». In alten Zeiten seien individuelle Tode gestorben worden. Mit dem Aufkommen des Individualismus aber sei der Tod gesichtslos, banal und sinnlos geworden. Der rituelle Tod sei einem wilden Tod gewichen.

Die zu Beginn beschriebene Szene aus Venedig verrät nichts über die Art des Sterbens. Sie ist aber ein Beispiel für einen rituell eingebetteten Umgang mit Verstorbenen, wie es Ariès nicht frei von Romanisierung vorschwebte. In traditionellen Trauerformen Geübte wissen, was zu tun ist. Der Pfarrer gibt seinen Segen. Die Stadt schickt die Totenbarke. Es folgt das gemeinsame Trauermahl. Der Tod ist Teil des Lebens.

Aber auch schon in vergangenen Jahrhunderten – und gerade in Pandemiephasen – erlebten Menschen anonymes und massenhaftes Sterben und Begrabenwerden. Mein RefLab-Kollege Johann Hinrich Claussen hat einen eindrucksvollen Podcast zum Thema Pest aufgenommen: eine Krankheit, die die Menschen seit der Steinzeit heimsuchte und ganze Familien und Dörfer auslöschte.

Totengräber schoben Leichname mit langen Stangen in Massengräber, um eine Infizierung mit der Pest durch Berührung zu vermeiden.

Und ähnlich wie in Bergamo, wo lange Konvois mit Särgen nachts unterwegs waren, wurden seinerzeit Pestopfer möglichst geräuschlos weggeschafft. Nachts, mit Kutschen, um deren Räder Stoffe gelegt waren, um Bürger nicht aus dem Schlaf aufschrecken und Panik ausbrechen zu lassen.

Am Ende interessiert es jeden

Zum Trauma einer tödlichen Epidemie gesellt sich das Trauma, nicht von seinen Lieben Abschied nehmen zu können. So erleben wir es auch in der gegenwärtigen Pandemie. Kontaktschranken und Berührungsängste isolieren nicht nur Sterbende, sondern blockieren auch das Trauern in Gemeinschaft. Die Einbindung Sterbender in eine sorgende Gesellschaft wird erschwert. Aber gerade um eine solche Einbindung wird unter dem Schlagwort «Caring Community» zunehmend gerungen.

Ausserdem ist das Reden über den Tod salonfähig geworden. In einschlägigen Podcasts wie «Ende gut», «Am Ende interessiert es jeden», «Ich bin hier und du bist tot» oder «Endlich.Sein» der Schweizer Podcasterin und Designerin Viviana Leida Leonhardt wird nicht nur über den Tod gesprochen, sondern munter parliert.

Eine wachsende Zahl von Todescafés, die boomende Memorialkultur im Internet und Podcasts zum Thema Tod und Trauern widersprechen dem Narrativ einer grundsätzlichen Todesvergessenheit in unserer Gegenwart.

Für die Kirche gilt: Sie hat immer weniger das letzte Wort. So titelte kürzlich der SRF. Aber selbst die wachsende Zahl Kirchenferner schätzt bei Trauerfeiern Kapellen, aufgrund ihrer Atmosphäre, d.h. es werden zwar herkömmliche geistliche Tröstungen abgelehnt, nicht aber die seit Kindertagen vertrauten Räume. Und jeder Dritte hat laut einer aktuellen Umfrage schon einmal über eine Beerdingungs-Playlist nachgedacht.

Vertreter:innen der Generation Y sind dabei, neue Formen zu erschaffen und alternative Trauerkonzepte zu entwickeln, die besser zu ihrer Lebensrealität passen als weihevolle Abdankungen oder Treffen in Krankenhäusern bei Tee aus Thermoskannen und Neonlicht. Trauerkultur wird zunehmend als kreative Herausforderung begriffen.

Der Tod ist nicht schön – und verlangt genau deswegen nach einem schönen Rahmen.

PS: Diesen Donnerstag unterhalte ich mich in unserer Reihe TheoLounge Live mit der jungen Schweizer Konzeptdesignerin und Podcasterin Viviana Leida Leonhardt über digitale Sterbekultur und ihren Podcast «Endlich.Sein» für mehr life-death-balance im Alltag.

Ort: Studentencafe Hirschli, Hirchengraben 7, Zürich. Zeit: 18.15 Uhr. Anmeldung: contact@reflab.ch. Es gibt Gelegenheit, im Anschluss an die Podcastaufnehme Fragen zu stellen. Weitere Infos.

Ein laufendes Update bezüglich aktueller Trauerkultur und Neuerscheinungen findet ihr in der «School of Death» von Janna Nandzik.

Photo by Victoria Borodinova from Pexels

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