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Planet A. Die Klimakolumne: Tschüss Hoodie!

Rabatt-Schilder wie Rettungsbojen

Die Architektur von Einkaufszentren schlägt auch den besten Marketing-Algorithmus: Um eine Packung Reibkäse zu kaufen, muss ich zuerst die Reise durch ein Meer von Kleidern überstehen, um mit der Rolltreppe am anderen Ende der Ladenfläche in den sicheren Hafen der Lebensmittelabteilung einzulaufen. Als müssten meine Augen gegen die Strömung ankämpfen, kann ich sie nur schwer von den bunten «Short-Sleeve»-Shirts und den trendigen «High-Waist»-Jeans lösen. Eine Schar aufgeregter Kundinnen versperrt mir mit ihren vollen Einkaufstaschen den Weg.

Auf all den aufgetürmten Klamotten leuchten mir orangefarbene Rabatt-Schilder entgegen, die mir wie Rettungsbojen den Weg zu einem glücklichen Leben weisen.

Plötzlich läuft mein Kopf voll mit Fragen: «Ist eine meiner Jeans nicht sowieso kurz davor, kaputt zu gehen?» – «Brauche ich nicht für die Geburtstagsfeier meiner Schwester noch etwas zum Anziehen?» – «Ich habe mich verändert. Kann ich da noch dieselben Kleider tragen wie vor fünf Jahren?»

Kleider machen Leute?

Die Fragen tauchen auf, weil ein tief verankertes Bedürfnis getriggert wird: Ich will gesehen werden. Das heisst:

Wer mich ansieht, soll auf den ersten Blick wissen, wer ich bin.

Meine Kleidung soll zeigen, dass ich individuell und doch trendbewusst, lebenserfahren und doch nicht spiessig bin. Was ich trage, soll meine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen – manchmal die Persönlichkeit, die ich bin, manchmal jene, die ich gerne wäre.

Ich bleibe stehen. Meine Finger streifen über den weichen Stoff eines blauen Hoodies, und plötzlich wird mein Kopf von neuen Bildern durchflutet: Am anderen Ende der Welt pumpen riesige Rohre eine zähflüssige, schwarze Masse an die Meeresoberfläche. Diese Masse wird am nächsten Ende der Welt mit grossen Maschinen gefärbt und auf Spindeln aufgerollt, um am dritten Ende der Welt zu modischen Polyesterkleidern vernäht zu werden, die dann am vierten Ende der Welt einen Kleiderschrank schmücken – und in Ausnahmefällen sogar einen menschlichen Körper. Während ihrer Lebensdauer machen sich viele der Kunstfasern durch das Abwasser auf den Weg zurück in ihr Herkunftsgebiet, wo sie in den Mägen von Fischen ihre letzte Ruhestätte finden.

Ich atme tief durch. Lohnt sich das wirklich? Lohnt sich diese riesige Wolke an CO2, nur um während kurzer Zeit etwas mehr Persönlichkeit zu tragen? Leicht angewidert lasse ich den Hoodie los. Als hätte sich das Kleidermeer vor mir geteilt, gehe ich mühelos bis zur Rolltreppe.

Drückt «Fast Fashion» die Persönlichkeit aus?

Unterwegs fällt mir ein, was einst jemand schrieb, der wohl mit einer griechischen Tunika aus Wolle bekleidet war: «Legt das alles ab, und zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn. Beschäftigt euch nicht länger damit, wie ihr die Begierden eurer eigenen Natur zufrieden stellen könnt.» (Römer 13,14)

Als ich bei der Rolltreppe ankomme, ist die «Begierde meiner Natur» noch immer so stark wie zuvor: Ich möchte, dass meine Persönlichkeit sichtbar ist. Was ich äusserlich trage, soll davon erzählen, was ich innerlich trage. Mit einem Lächeln denke ich: «Gerade deshalb landet heute keine ‹Fast Fashion› in meiner Einkaufstasche.»

Mit einem entspannten Seufzer rolle ich endlich ins Reich der Lebensmittel hinab. Da öffnet sich vor mir ein Meer aus peruanischen Avocados und Ananas aus Südafrika.

 

Zur Kolumne «Planet A»: Es wäre mal wieder Zeit für eine Sintflut. Die meisten Erdenbewohner:innen würden es wohl begrüssen, wenn es demnächst mal eine Überarbeitung des Modells «Menschheit als Verwalterin der Schöpfung» gäbe. Aber der Designer unseres Planeten hält konsequent an seiner Alpha-Version fest. Das bedeutet: Es gibt keinen zweiten Planeten, auf dem Gott seine Geschichte schreibt. Und kein anderes Schreibwerkzeug als uns Menschen.

Inwieweit dieses Modell zukunftsfähig ist, scheint unklar. Die neue RefLab-Kolumne «Planet A» von Anna Näf unterzieht es einer kritischen Betrachtung. Anna Näf ist Pfarrerin und arbeitet zurzeit als Jugendarbeiterin in der reformierten Kirche Winterthur Stadt. Sie engagiert sich bei Christian Climate Action, einer christlichen Klimabewegung.

Zum RefLab-Dossier «Climate Chance».

Illustration: Rodja Galli

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