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Planet A. Die Klimakolumne: Beinahe unabhängig

Selbständigkeit ist der Sinn des Lebens

Zu leben bedeutet, sich aus der Abhängigkeit zu befreien, die man sich bei der eigenen Geburt eingehandelt hat. Während man sich vom Kinderwagen zum Sarg hin bewegt, lernt man immer mehr zu kontrollieren: die eigenen Körperfunktionen, die eigenen Worte, fremde Gefühle. Etwa mit dreissig Jahren hat man die absolute Selbständigkeit erreicht und ist fähig, jeden Morgen das Bett zu machen. Selbständigkeit ist der Sinn des Lebens.

Wackelige Beine

In diesen philosophischen Höhen bewegen sich meine Gedanken, während meine wackeligen Beine auf einer Leiter stehen. Meine Hände hätten sich gerne irgendwo abgestützt, mussten aber bereits die neue Lichterkette aus gläsernen Glühbirnen festhalten, die ich an der Zimmerdecke befestigen möchte. «Ich bin selbständig und schaffe das ohne Hilfe», versuche ich mich selbst zu überzeugen.

Helfende Hände

Obwohl mein Fuss etwas zittert, während ich ihn auf die oberste Leiterstufe setze, spüre ich, wie dabei mein Gefühl der Selbständigkeit wächst. Ich lehne mich etwas nach vorne. Wäre ich ein bisschen grösser, müsste ich mich nicht in Lebensgefahr begeben, um den Haken an der Decke zu erreichen. Meine Mitbewohner sind alle ein bisschen grösser. Und sie sind sogar zuhause.

Hilflos selbständig

Aber ich nehme lieber eine zerbrochene Lichterkette oder ein gebrochenes Bein in Kauf, als einen gebrochenen Stolz. Kurz darauf ist Ersteres kein abzuschätzendes Risiko mehr, sondern bereits eine scherbengewordene Tatsache.

Die Erleuchtung

Die kaputte Lampe beschert mir zwar kein Licht, dafür eine Erleuchtung: Abhängig zu sein ist keine Schwäche. Sich die Abhängigkeit nicht einzugestehen – das ist schwach. Dies gilt auch für alle anderen Leitern in meinem Leben, die ich versuche alleine zu besteigen.

Die Leiter der Nachhaltigkeit

Wenn ich alleine die moralischen Stufen der Nachhaltigkeit nach oben steige und mich sogar zum Veganismus hin ausstrecke, wird dabei einiges in die Brüche gehen: Meine Selbstliebe zersplittert an den hohen Ansprüchen. Meine Geduld mit Menschen, die scheinbar weniger nachhaltig sind, fällt auf den Boden.

Gemeinsam

Statt meinen eigenen Fussabdruck ganz auszulöschen, sollte ich vielleicht versuchen, mit anderen zusammen auf den Zehenspitzen zu gehen: Wir könnten uns gemeinsam dafür einsetzen, dass an kirchlichen Veranstaltungen nur noch vegetarisch gekocht wird oder dass im ganzen Quartier Blumen für Wildbienen gepflanzt werden. «Das werde ich tun, sobald ich meinen eigenen ökologischen Fussabdruck in den Griff kriege», denke ich, während ich die Scherben zusammenwische.

Die Illusion

Der Zeitgeist hat mich erfolgreich dazu erzogen, selbständig zu sein. Fast habe ich es geschafft, eine Lampe aufzuhängen, die in einer chinesischen Fabrik produziert, dank internationalen Handelsabkommen über die neue Seidenstrasse transportiert wurde und die gar nicht existierte, wenn sich Thomas Edison gegen eine Laufbahn als Erfinder entschieden hätte. Ich kann stolz sein auf meine Unabhängigkeit.

 

Grafik: Rodja Galli

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Alle Beiträge zu «Klimakolumne»

1 Kommentar zu „Planet A. Die Klimakolumne: Beinahe unabhängig“

  1. Vielen Dank. Fühle mich ertappt und sehr zum Nachdenken angeregt. Mich rein pflanzlich zu ernähren, werde ich trotzdem beibehalten auf absehbare Zeit. Dafür bin ich in anderen Bereichen weniger konsequent. Vielleicht ist gemeinsam auch mehr drin als ein kollektives sich auf die Zehenspitzen stellen. Ich denke an die Praxis der „Räuberleiter“, wo die vor dem Bauch gefalteten Hände einer Person zum Steigbügel werden für andere, die auf diese Weise eine Mauer überwinden können. Ob sich mit dieser Methode auch Lichterketten an Zimmerdecken befestigen lassen, vermag ich allerdings nicht zu sagen :-).

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