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Planet A. Die Klimakolumne: Mittelalterliches Klima

Höllendrohungen

Prasselndes Feuer erhitzt die Suppe, in der Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern darauf warten, dass der Tod ihren Qualen endlich ein Ende bereitet. Kleine Teufelchen heizen das Feuer an, während grosse Teufel genüsslich abgetrennte Gliedmassen verspeisen.

Nein, ich sitze nicht in den Bänken einer mittelalterlichen Kirche. Ich stehe in den Reihen einer Klimademonstration. Mit Parolen und Kartonschildern wird mir plastisch vor Augen gemalt, welche Hölle uns erwartet, wenn wir nicht Busse tun und umkehren: tote Meere, überhitzte Städte, Menschenströme auf der Suche nach einer neuen Heimat und Blutbäder, weil andere ihre Heimat nicht teilen wollen. Die teuflischen Banken heizen mit unseren Ersparnissen den Planeten auf, während Öl-Konzerne lobbyieren und genüsslich die Gliedmassen unserer Demokratie verspeisen.

Unsere Schuld

Wie bei jeder Höllendrohung muss auch hier das Fazit lauten: Die Schuld liegt bei uns. Der Regen bleibt aus, die Weizenfelder vertrocknen – die Strafe dafür, dass wir in Saus und Braus leben und damit die Sitten unserer naturnahen Vorfahren verderben. Überschwemmungen, die ganze Dörfer wegspülen, weisen darauf hin, dass das Böse unter uns wohnt: Die Regierung gehört auf den Scheiterhaufen.

Sehnsucht nach Gnade

Wer erteilt meiner gepeinigten Seele die Begnadigung, nach der sie sich sehnt? Die Klimakompensation, wenn ich etwas bei Amazon bestelle? Der Klimastreik-Sticker, den ich auf meinen neuen Laptop klebe? Dieser Ablasshandel sorgt dafür, dass sich erste Gewissensbisse lösen. Aber wenn ich ehrlich bin, weiss ich genau, dass keine noch so guten Werke die grosse CO2-Schuld kompensieren können, die ich in meinem Leben schon verursacht habe.

Mir ist verziehen

Zum Glück gibt es eine, die mich von der ganzen Last meiner Schuld befreit. Sobald sie auftaucht, verstummen alle Stimmen, die mich zuvor verurteilt haben: Die Selbstironie. Sie hilft mir dabei, meinen Flug nach Spanien vor der versammelten Instagram-Gemeinde zu beichten: «Wer braucht schon eine Zukunft, wenn man im Sonnenuntergang am Strand Sangria schlürfen kann?» Wenn ich im Namen der Selbstironie meine Schuld offenlege, kann mich niemand mehr anklagen. Mir ist verziehen. Wer am selbstgebauten Pranger andere zum Lachen bringt, erntet Applaus statt faule Tomaten.

Grafik: Rodja Galli

Zu Menschenbildern der Klimastreikenden (zusammengefasst von Anna Näf) und zur Frage nach Hoffnung angesichts globaler Krisen siehe diesen RefLab-Blogbeitrag.

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