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Planet A. Die Klimakolumne: Mein Smartphone ist kein Megaphon

Nehmt eure Katzen an die Leine

Mein Daumen zittert so stark, dass ich den «teilen» Button erst beim zweiten Versuch erwische. Heute habe ich in jeder freien Denkpause überlegt, wie ich meinen Instagram-Post zu diesem brisanten Thema noch etwas pointierter formulieren könnte. Welchen Titel soll ich setzten: «Katzen gefährden die Biodiversität» oder besser «Nehmt eure Katzen an die Leine»?

Keine Ahnung, aber eine Meinung

Ich habe zwar weder von Haus- noch von Wildtierpflege eine Ahnung, aber eine Meinung habe ich trotzdem. Eine Meinung, die durch all die anderen emotionalen Posts so stark hochgepeitscht wird, dass ich gar nicht anders kann, als auch mein digitales Megaphon in die Hand zu nehmen, um sie hinauszuposaunen.

Like heisst Zustimmung

Der erste Like erscheint unter meinem Post. Schon nach zehn Sekunden. Beeindruckend. Offenbar hat jemand in so kurzer Zeit mein differenziertes Statement gelesen, sich tiefgehende Gedanken dazu gemacht und ihre Zustimmung ausgedrückt. Oder ihr gefällt einfach das süsse Katzenbaby auf dem Foto. Egal: Like is like.

Festgekrallt

Nun kann ich mich endlich meiner zweiten Feierabendtätigkeit zuwenden: Wäsche abhängen. Nach jeder zweiten Socke greife ich wieder zum Handy, um zu kontrollieren, wie viel Zustimmung ich bereits erhalten habe. Als auch das letzte T-Shirt im Schrank verstaut ist, zwinge ich mich dazu, das Handy für den Rest des Abends wegzulegen. Meine Gedanken sollen sich beruhigen.

Doch die Katzenfrage hat sich in meinem Gehirn festgekrallt. Selbst als ich bereits im Bett liege, schiessen mir noch pointierte Argumente durch den Kopf, die ich fiktiven Kritiker:innen entgegnen könnte.

Wird meine Stimme gehört?

Ein letztes Mal erlaube ich meinen Augen, auf den Bildschirm zu schauen. Wow, fast doppelt so viele Likes wie bei meinem gestrigen Post! Ein wohliges Gefühl vertreibt meine nervösen Gedanken. Meine Stimme wurde gehört. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass die Welt ein klein wenig besser wird.

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, fällt mein Blick auf den Schreibtisch. Vorwurfsvoll schaut mich das ungeöffnete Abstimmungscouvert an. Vor lauter Katzen habe ich gestern den Urnengang verpasst. Schade. Ich hätte gerne auch hier meine Stimme hinterlassen. Aber ich weiss sowieso nicht genau, worüber wir abstimmen mussten. Manchmal fehlt mir einfach die Zeit und die Energie, um mir darüber Gedanken zu machen.

Wäre ich in dem Moment einsichtig geworden, dann hätte ich wohl seufzend in das Gebet des heiligen Franziskus eingestimmt: «Herr, lass mich trachten: Nicht dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe.» Und dann hätte ich das Gebet gleich in meiner Story gepostet.

 

Graphik: Rodja Galli

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1 Kommentar zu „Planet A. Die Klimakolumne: Mein Smartphone ist kein Megaphon“

  1. Danke Anna einmal mehr für den erfrischenden, nachdenklich-selbstkritischen Beitrag. Und mit der Kritik an Hauskatzen rennst du bei mir natürlich offene Türen ein…;-)

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