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Planet A. Die Klimakolumne: Wer drückt den grünen Knopf?

Echte Führungsstärke zeigt sich in einer Krise. Oder im IC5 von Aarau nach Winterthur.

Drängeln ohne zu drängeln

Ich stehe am Bahnhof Aarau. Der Zug fährt ein, die Pendlergemeinschaft versammelt sich um die Wagontüren wie eine Herde Antilopen um ein Wasserloch. Während der Zug langsam zum Stehen kommt, suche ich mir eine möglichst gute Position, ohne so zu wirken, als würde ich vordrängeln. Die Spannung steigt, der Türknopf leuchtet grün auf und für eine Millisekunde läuft alles in Zeitlupe.

Wer drückt den Knopf?

Neben mir sind mindestens drei weitere Passagiere eine knappe Armlänge vom Knopf entfernt – doch wer drückt ihn? Ich sehe, wie die Hand meines Gegenübers zuckt, suche dessen Blickkontakt doch gerade in dem Moment macht eine Frau mit grünem Mantel einen Schritt nach vorne, drückt den Knopf und betritt als erste den Zug. Während sich alle anderen fragten, wer eigentlich zuständig ist, hat sie die Führung übernommen.

Situationsanalyse

Auf der Suche nach einem geeigneten Sitzplatz ist eine schnelle Situationsanalyse gefragt: Wie hoch ist das Risiko, dass der bereits sitzende Fahrgast plötzlich ein Fischsandwich auspackt? Wie wahrscheinlich ist es, dass ich weiter vorne ein freies Viererabteil finde? Mehr aus sozialem Druck als aus überlegter Taktik setze ich mich am Ende des Wagons hin. Schon als der Zug losfährt, stellt sich heraus, dass es ein Fehler war. Im benachbarten Abteil klingelt das Telefon. Mit einer Stimme, die so schmierig ist wie seine gegelten Haare, informiert der Telefonbesitzer seine Gesprächspartnerin über unschlagbare Versicherungspolicen.

Träge Beschwichtigungen

Die Frau mit dem grünen Mantel wäre bestimmt ohne zu zögern aufgestanden und hätte sich einen neuen Platz gesucht. Doch ich bleibe sitzen und lausche den Beschwichtigungen meines trägen Gehirns: «Er hört bestimmt bald auf – wie lange kann eine solches Telefonat schon dauern?», «Ich sitze schon fast zwei Minuten hier. Es wäre seltsam, jetzt noch aufzustehen.» Ich wäre gerne eine führungsstarke Person, die aufspringt, sobald sie mit einer Situation nicht zufrieden ist.

Angstvolle Augen

Das Versicherungsgespräch ist noch in vollem Gange, als ein kleines Mädchen an mir vorbeigeht. Es bleibt kurz stehen, schaut sich suchend um und plötzlich füllen sich seine verzweifelten Augen mit Tränen. Unsere Blicke streifen sich und ich frage, ob ich dem Kind helfen könne. «Ich suche meinen Papa.» Schluchzend erklärt das Mädchen, dass es auf der Toilette war und jetzt nicht mehr wisse, in welche Richtung es gehen müsse. Seine angsterfüllten Augen bewegen mich. Plötzlich fällt es mir nicht mehr schwer, aufzustehen. Ich gehe durch den Wagen und frage, ob jemand das Mädchen schon einmal aus der anderen Richtung habe kommen sehen. Ein paar Mitfahrende nicken. Also begleite ich das Mädchen bis zum nächsten Wagon, wo es seinen Papa findet.

Aufstehen wird leicht

Als ich wieder an meinem Platz sitze, sind meine Gedanken so laut, dass sie das noch immer anhaltende Telefongespräch übertönen. «In Krisenzeiten rufen alle nach starken Führungspersönlichkeiten. Vielleicht ist Leadership gar keine Frage der Persönlichkeit, sondern der Empathie: Lasse ich mich durch träge Beschwichtigungen bremsen oder bewegt mich die Verzweiflung junger Menschen?»

 

Grafik: Rodja Galli

 

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1 Kommentar zu „Planet A. Die Klimakolumne: Wer drückt den grünen Knopf?“

  1. Führen hat vor allem mit Fü(h)rsorge zu tun. So gesehen war die Unterstützung des kleinen Mädchens echte Führungsarbeit.

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