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Planet A. Die Klimakolumne. Wenn ein durchschnittlicher Sebastian betet

Bringt beten etwas?

Wir befinden uns am ersten Tag eines mehrmonatigen Gedankenexperiments. Die Testperson ist ein durchschnittlicher Sebastian. Dieses hochgradig wissenschaftliche Experiment soll herausfinden, ob es etwas bringt, wenn man für das Klima betet.

Das Experiment beginnt

Jeden Morgen, nachdem Sebastians Wecker ihm unsanft die Augen aufgerissen hat, schliesst er sie nochmals kurz und betet:

«Gott, rette unseren Planeten!»

In den ersten Tagen ist keine signifikante Veränderung erkennbar.

Nach einer Mittagspause teilt Sebastians Chef ihm mit, dass an eine wichtige Konferenz in Berlin darf. Er solle am besten gleich den Flug buchen. Sebastian freut sich schon auf die Business Class, als ihm einfällt, dass auch ein Nachtzug nach Berlin fährt. Dann müsste er aber schon am Vorabend abreisen und das Treffen mit seinen Freunden verschieben. Gespannt starrt die diensthabende Beobachterin des Gedankenexperimentes auf ihren Monitor. «Ich kann ja nicht mein ganzes Leben für den Klimaschutz opfern», denkt Sebastian und die Beobachterin holt sich enttäuscht einen Kaffee.

Erste Veränderungen

Am nächsten Morgen betet Sebastian wieder:

«Gott, rette unseren Planeten!»

Er steht auf und bewegt sich in Richtung Dusche, doch etwas fühlt sich falsch an. Seine Brust schmerzt. Er ist nicht sicher, was es ist: ein Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder ein schlechtes Gewissen. Nach einem tiefen Seufzer setzt er sich nochmals hin und betet:

«Gott, bitte hilf mir, auch einmal auf etwas zu verzichten. Ich muss ja keine Angst haben, zu kurz zu kommen.»

Unabsichtliches Kopfschütteln

Beim Feierabendbier wird wiedermal über bevorstehende Abstimmungen debattiert. «Global betrachtet spielen doch die Schweizer Emissionen keine Rolle – deshalb brauchen wir keine CO2-Vorschriften für unsere Wirtschaft.» Zustimmendes Kopfnicken breitet sich aus. Nur Sebastian schüttelt den Kopf – und merkt das erst, als sich alle anderen Köpfe ihm zuwenden. «Letzte Woche warst du doch damit noch einverstanden?!», wird ihm vorgehalten.

Obwohl Sebastian sonst jeglicher Konfrontation ausweicht, purzeln diesmal die Worte nur so aus ihm heraus. «Wir müssen in Zukunft sowieso unabhängig werden von fossiler Energie. Je früher wir damit anfangen, desto besser können wir diesen Wechsel gestalten. Wir könnten bei uns in der Firma auch einiges mehr dafür tun.»

Am Boden

Zwei Monate vergehen. Mittlerweile hat Sebastian aufgehört Fleisch zu essen, hat auf Solarstrom umgestellt, ist den Grünen beigetreten und kommt regelmässig zu spät zur Arbeit, weil er fast nicht mehr aufhören kann zu beten. Jeden Morgen kniet er schluchzend und flehend am Boden:

«… und Gott, bitte hilf all den Menschen, die schon jetzt wegen den Folgen der Klimakrise hungern müssen.»

Erst wenn neben den Tränen auch wieder Hoffnung in seinen Augen aufleuchtet, steht er auf und geht zur Arbeit.

Fürs Protokoll

«Die Testperson hat gelernt, Schuldgefühle zuzulassen, Fehler einzugestehen und stellt sich sowohl herausfordernden Diskussionen als auch schmerzhaften Tatsachen», protokolliert die Leiterin des Experiments als Zwischenfazit. Dann hält sie inne und denkt mit einem skeptischen Lächeln:

«Wenn es jetzt auch noch einen Gott gäbe, der aufgrund der Gebete tatsächlich etwas tun würde, dann müssten wir die Leute nicht nur an Klimademos, sondern auch in die Kirche schicken.»

Graphik: Rodja Galli

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1 Kommentar zu „Planet A. Die Klimakolumne. Wenn ein durchschnittlicher Sebastian betet“

  1. Liebe Anna,
    Denkst Du wirklich, dass Dein Gott etwas an der Klimaproblematik ändert ?
    Dann müsste er ja wirklich uns heutige Menschen ändern, und das haben wir bisher erfolgreich nicht zugelassen.
    Vielleicht müssten wir das offizielle Gottesbild ändern ? Weniger ein Gott, der draussen von irgendwo das Schicksal bestimmt ?
    Aber das zu ändern ist wohl ebenso schwierig, wie die Menschen dazu zu bringen, die Klima-Erwärmung ernst zu nehmen. . .
    Herzlichen Gruss,
    Sven

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