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Der Kunstvlog [13]: Explodierende Bildschirme – Pipilotti Rist

Eiskristalle, von Innen leuchtend, seifig, matt wie Tofu, glühende Kohlen, Wassertiere, Schneebälle, Licht wie von Nachttischlampen, schwebend, schwelgend, spaciger Sound, Kinderwägen, alte und junge Leute mit und ohne Maske, tausend Lichter blinken wie auf Verabredung, Leichtigkeit, als würde ein frischer Luftzug durchziehen: das ist Pipilotti Rists wundervoller Pixelwald im Kunsthaus Zürich. Ich ertappte mich dabei, gar nicht mehr rauszuwollen.

Im neuen Kunstvlog schwelge ich in Pipilotti Rists Langzeitinstallation «Pixelwald Turicum» im Kunsthaus Zürich: eine Kapelle des edelsteinglänzenden, goldfischbauchigen, quallenförmigen und göttlich schönen Lichts. Das RefLab befindet sich in unmittelbarer Nähe des Kunsthauses. Ideal also, um die Mittagspause im Pixelwald zu verbringen.

Pipilotti Rist wollte mein Video vorab sehen. Dann hörte ich eine Weil nichts und dachte schon, das Werk sei durchgefallen. Dann die Nachricht der Videokunstpionierin: Sie sei sehr angetan und gratuliere mir herzlich. Uff, ein Ritterschlag für meinen kleinen DIY-Self-Kunstvlog. 🙂

Es war eine Art Initiation für mich, als ich vor Jahren zum ersten Mal auf eine Arbeit der Künstlerin stiess. Oder zumindest eine grosse Inspiration: Pipilotti Rists beflügelt-anarchisches Video «Ever Is Over All» aus den 1990ern, aus einer Zeit also vor dem Internet. Ich glaube, ich habe das Video auf der Venedig-Biennale gesehen. Eine junge attraktive Frau in einem azzurblauen Kleid geht mit schwingenden Schritten eine Strasse entlang. In der Hand trägt sie wie ein Szepter eine Blume. Als wäre es das Normalste der Welt, zuertrümmert die Frau mit der Blume Scheiben parkender Autos und wird freundlich von Passanten und Polizisten gegrüsst.

So lustig wurde Gesellschaftskritik selten verpackt.

Der Künstlername Pipilotti ist natürlich angelehnt an die frechste aller Kinderlieblinge: Pippi Langstrumpf. Später habe ich, wieder in Venedig, schwelgerische Deckenprojektionen von Pipilotti Rist in einer Kirche erlebt, der Kirche San Stae am Canal Grande: Hymnen an Eva, Weiblichkeit und Sinnlichkeit.

Ungewöhnlich in einem Kirchenraum, aber auch toll. Wieso nicht Räume öffnen, zumal es genügend biblische Anknpüpfungspunkte gibt, das leibpreisende Hohelied etc.? Damals wurde die Ausstellung im Rahmen der Venedig Biennale auf Druck empörter Gläubiger vorzeitig geschlossen.

Aber Kunst, die nirgends aneckt, ist halt auch keine Kunst, sondern Illustration des Gewöhnlichen.

Pipilotti Rist, Pixelwald Turicum, 2021, Dauerinstallation im Kunsthaus Zürich, Chipperfield-Trakt.
Videosystem, LED’s in Kristallmuscheln, Lichtdesign: Kaori Kuwabara, Sammlung Gabriele und Werner Merzbacher.
Musik: Originalsound der Kunstinstallation und «Bossa Antigua» von Kevin MacLeod incompetech.com licensed under Creative Commons.

Foto: Still aus Pipilotti Rist, «Ever Is Over All», 1997, Wikimedia Commons

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1 Kommentar zu „Der Kunstvlog [13]: Explodierende Bildschirme – Pipilotti Rist“

  1. Jürgen Friedrich

    Das man Bildschirme sehen kann, ist eine Funktion der Augen, die ihrerseits „Empfangsantennen“ für elektromagnetische (in sehr schmalem Frequenz-Spektrum !) sind.
    Wenn BILDSCHIRM-INHALTEN auf einmal das Etikett „Kunst“ angeklebt wird, geht meines Erachtens darüber verloren das biblische Urwort ES WERDE LICHT.

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