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Ein Lob des Dogmas

Ich finde, ein wenig Aufklärung darüber, was Dogma ist und kann, täte uns gut … selbst denen, die den christlichen Glauben eher aus der Ferne kennen. Begriffe wie „dogmatisch“, „Dogmen“ oder „Dogmatik“ kann man aber heute nicht einfach positiv füllen, denn dazu sind sie viel zu belastet und verseucht.

Undogmatisch glauben

Mit Redewendungen wie „das ist mir zu dogmatisch“ befreien sich viele Menschen von religiösen Zwangsjacken, die einfach nicht mehr passen.

Dekonstruktion ist angesagt, wo der Glaube an Gott verwechselt wird mit dem Glauben an Dogmen; wo die Zustimmung zu Lehrsätzen darüber entscheidet, ob man dazugehört oder draussen bleiben muss.

Wenn das Dogma so missbraucht wird, kann der Glaube der Einzelnen nur als undogmatischer überleben. Schade, denn ursprünglich war es mit Lehre und Dogmen anders gedacht.

Identitätsstiftende Festlegungen

Ein Lehrgebäude, das wir im Glauben mit anderen bewohnen, kann uns das Gefühl schenken, zuhause und geborgen zu sein.

Dogmen sind identitätsstiftende Beschlüsse und Fixierungen, in denen eine Gemeinschaft ausdrückt, was ihr kollektiv als richtig und richtungsweisend erscheint. Das ist besonders dann wichtig, wenn sich irgendwelche selbsternannten Autoritäten anmassen, einer Gruppe vorschreiben zu wollen, was jede:r zu glauben hat.

So verstanden passt Dogma recht gut zum reformierten „Selber glauben und denken“. Und dass Karl Barth – mit vielen anderen – hochgradig dogmatisch war, als die Barmer Theologische Erklärung 1934 festgezurrt wurde, gehört zu den Sternstunden dieser dunklen Zeit.

Befreiender Entschluss

Wie befreiend ein Dogma sein kann, zeigt sich an einer der frühesten Stellen, in denen das griechische Wort im Neuen Testament auftaucht. In Apostelgeschichte 16 kommunizieren Paulus und Timotheus den Gemeinden die Beschlüsse (dogmata) des Apostelkonzils: Wer von ausserhalb des Judentums an Jesus Christus glaubt, muss sich nicht beschneiden lassen!

Eine mutige Emanzipation von allen, welche den jüdischen Initiationsritus für heilsnotwendig erklärt hatten.

Dogmenzwang und Dogmenkollaps

Ist es nicht verständlich, dass man die Denk- und Lebensformen, in denen lebendiger Glaube aufblüht, sicherstellen will und ein ganzes Lehrgebäude errichtet?

Das aber kann der Anfang des Dogmatismus sein. Er nährt sich unter anderem von der Angst, dass die ganze Glaubensstatik kollabiert, wenn man auch nur einen einzigen der passgenauen Dogmensteine zweifelnd herauszieht.

Eine Zeit lang mag uns das Lehrgebäude vielleicht noch mit dem alten Wohngefühl belohnen, wenn wir uns wieder hineinzwingen oder zwingen lassen. Aber verglichen mit der ermüdenden Energie, die wir aufbringen müssen, um die Kluft zwischen Dogmen und Lebenswirklichkeit tagtäglich zu überbrücken, verliert der Kollaps des dogmatischen Gewölbes seine Schrecken. Eine andere Art zu glauben ist möglich und auch nötig.

Also weg mit all den Dogmen!?

Nachvollziehbar ist diese Gegenreaktion schon. Wenn aber „dogmatisch“ ein Kampfbegriff wird, durch den man absolute Grenzen fixiert und andere ausgrenzt, könnte man spiegelverkehrt das tun, was man kritisiert: Man agiert dogmatistisch. Mit ein wenig Entwicklungsgrosszügigkeit von allen Seiten bekommen wir das aber hin. In diesem Sinne plädiere ich dafür, zwischen Dogma und Dogmatismus zu unterscheiden, damit wir das lobenswerte Kind nicht mit dem entsorgungsbedürftigen Badewasser auskippen.

Dogma lässt staunen

„Das kann und muss ich nicht mehr glauben!“ – ein befreiender und heilsamer Satz kann das sein. Aber auch ein bedauerlicher, nämlich dann, wenn er mich reduziert auf mich selbst und das, was ich für wahr zu halten vermag. Das Mass meines Glaubens und Fassungsvermögens ist zum Glück nicht das Mass aller Dinge.

Der kollektive Glaube der Kirche, wie er sich in Bekenntnissen, Glaubensartikeln und Lehrformulierungen ausdrückt und reflektiert, lässt mich die Unvollkommenheiten, Einseitigkeiten und Kümmerlichkeiten meines Glaubens nicht nur aushalten, sondern zieht mich staunend und neugierig zu dem, was grösser ist als ich und mir neu, noch fremd erscheint.

Dogma lässt spielen

Dogma ist das, was wir heute gemeinsam für wahr und lebenstauglich erachten, reflektieren und ausdrücken, etwa in Bezug auf Gott, die Schöpfung und das Verhältnis zwischen beiden. Weil das, was wir da lehrmässig beschreiben, niemals identisch ist mit der Wirklichkeit des Glaubens, eröffnet sich ein herrlicher Spielraum, in dem man mit Hingabe und Ernst bei der Sache ist.

Welches Dogma bewährt sich zum Leben, und wenn ja, wie lange? Lässt sich dies oder jenes auch anders denken? Warum tun wir nicht mal, als ob es so wäre, und schauen, was sich dann ergibt?

Dogmatische Spielregeln

Jedes Spielfeld braucht schützende Grenzen, jedes Spiel förderliche Regeln. Ich finde es bemerkenswert, dass ausgerechnet eines der umstrittensten Dogmen, nämlich die Zweinaturenlehre (formuliert im Jahr 451 auf dem Konzil zu Chalcedon) ausgesprochen spielfreudig ist. Sie sagt nämlich nicht, wie das Göttliche und Menschliche in Jesus Christus genau zusammenkommen, sondern steckt ein Feld von Denkmöglichkeiten ab.

Das Göttliche und das Menschliche absorbieren einander nicht, sondern sich aber auch nicht voneinander ab, wenn sie sich begegnen. Bis heute eignet sich diese Regel, um Gott und Mensch im Denken vielfältig zusammenspielen zu lassen.

Dogma lässt lachen

Was habe ich dogmatisch nicht schon alles verzapft, was ich mittlerweile zurücknehmen oder zurechtbringen musste. Auch deshalb, weil Erkenntnisse und Überzeugungen irgendwann aus der Zeit fallen. Und weil das wohl so bleiben wird, geht es ohne eine ordentlich Prise Humor und Heiterkeit mit mir selbst und allen anderen wohl nicht. Die Alternative wäre ein verbissener Dogmatismus, der über sich selbst nicht lachen kann oder dafür in den Keller gehen muss.

Dogma lässt neu anfangen

Gerade die Dogmatik vermag dem Glauben jenes spielerische und innovative Momentum zu geben, das er braucht, wenn die bestehenden Lebens- und Denkformen erstarrt sind. Dietrich Ritschl schrieb einmal „Zur Logik der Theologie“:

„Die Freiheit zum seriösen Spiel und der Humor der Leichtigkeit im Umgang mit unserer eigenen Denkkraft, die Einsicht also, daß alles auch anders sein könnte und wir wieder von vorne anfangen müssen – das wären keine schlechten Gaben der Theologie an die Universität und die Welt der Wissenschaften.“

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2 Kommentare zu „Ein Lob des Dogmas“

  1. Detlev Sauerteig

    Den Datz fand ich am Besten:
    „Der kollektive Glaube der Kirche, wie er sich in Bekenntnissen, Glaubensartikeln und Lehrformulierungen ausdrückt und reflektiert, lässt mich die Unvollkommenheiten, Einseitigkeiten und Kümmerlichkeiten meines Glaubens nicht nur aushalten, sondern zieht mich staunend und neugierig zu dem, was grösser ist als ich und mir neu, noch fremd erscheint.“
    Solche Dinge sollen mir doch in meinem persönlichen Glauben weiterhelfen und nicht mich bedränge, bedrücken und Angst machen.
    Trotzdem ist auch das Schwimmen in dem Spielraum so schwierig mit vielen Menschen, die an ihren „Dogmen“ festhalten, egal ob die traditionell oder liberal sind…

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