Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 3 Minuten

Ein Lob des Beendens

Die Zeit ist reif lebe wohl zu sagen. Wir sind nun schon eine Weile miteinander gegangen. Du warst meine Morgenlektüre, wenn ich, die Kopfhörer im noise cancelling Modus, in dem voll besetzen Zug zur Arbeit fuhr.

Wenn ich in deine Wortwelten abgetaucht bin, ist die Zeit verflogen. Du warst stets überraschend und leichtgängig, keine schwere Kost. Auf dich war Verlass. Jeden Montag habe ich Begriffe in neuem Licht gesehen und meinen Wortbedeutungshorizont erweitert.

Belächelte Begriffe und Worte mit Trotzfaktor

Ich chillte mit guter Gewissheit und flog himmelhoch bis an die Grenzen meiner Verausgabung. Du hast mir die Angst zu Besuch geschickt. Meine Schwäche glänzt nun wie Gold und alles, was nicht wichtig ist, schiebe ich getrost auf meine immer länger werdende To Do Liste. Ich perfektioniere Prokrastination und bin trotzdem irgendwie im Flow. Und wenn mich dann noch die Muse küsst, fühlt sich mein Leben an wie ein Shakespeare-Roman: herrlich dramatisch!

Du hast mein Leben reicher gemacht. Einst mir Ungeliebtes habe ich lieben gelernt, mir ferne Begriffe begreife ich nun neu. Mit leichten Lippen las ich von Trotzkräften und der Wiederbelebung von Ideen, die aktuell nicht wirklich en vogue sind. Danke dafür.

Alles hat ein Ende

Doch nun wird es Zeit zu beenden, was gelobt wurde. Es hört jetzt wirklich auf. Nein, im Ernst jetzt, es ist Schluss mit lustig. Ende Gelände, aus die Maus. Irgendwann muss das Ganze auch beendet werden. Ausserdem soll man ja Schluss machen, wenn es am schönsten ist. Schliesslich hat alles ein Ende, wir räumen das Feld, wir ziehen Leine.

Ich weiss, den Absprung zu finden ist nicht immer ganz einfach. Etwas bis über den Zenit hinaus weitertreiben, ist nicht das Klügste. Aber was hätte noch kommen sollen? Das Ablaufdatum ist wohl langsam überschritten. Alles ist gesagt. Rien ne va plus.

Kairos

Der richtige Zeitpunkt. In diesem Fall nicht um eine Chance zu ergreifen, sondern um etwas gehen zu lassen. Warum fällt es bloss häufig so schwer? Etwas Liebgewonnenes zu beenden, heisst Veränderungen akzeptieren. Und Veränderungen machen ja bekanntlich vielen Menschen Angst. Ich nehme mich da nicht aus.

Wenn Hermann Hesse schreibt, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, hat wohl jedes Ende den Beigeschmack von Ernüchterung.

Und jetzt?

Noch bevor die Entscheidung zur Beendigung eines Projektes, einer Beziehung oder eben einer Blogserie fällt, setzt ein Reflexionsprozess ein. Ist es noch gut, so wie es ist? Was ist gut, was ist schlecht? Können wir weitermachen? Wollen wir weitermachen? Wie ist die Gefühlslage?

Wenn sich das erste Mal herauskristallisiert, es geht so nicht weiter, gilt es das anvisierte Ziel zu manifestieren:

Es wird beendet. Es wird beendet. Es wird beendet.

Mantraartiges vor sich hinmurmeln mag dabei mitunter helfen.

Gleichzeitig stellt sich (manchmal auch übersteigerte) Wertschätzung für das gemeinsam Erlebte, die gemeinsame Zeit, das bisher Geschriebene ein. Hach, was war das schön! Ein absehbares Ende verklärt mitunter den Blick. Es entsteht ein Gefühlsmischmasch von Trauer, Freude, Dankbarkeit und Unsicherheit.

Es geht immer irgendwie weiter

In dieser emotionalen Ausnahmesituation liegt jedoch besonders viel Energie. Wenn der Schmerz erstmal abgeklungen ist und die Trauer ihren Raum eingenommen hat, bricht sich Tatendrang bahn. Etwas Neues will gestaltet werden, der Blick wird ausgerichtet, ein nächstes Ziel in Angriff genommen. Gehen lassen, bedeutet auch, dass etwas Neues kommen kann.

Und so sage ich dir Lebewohl liebe Blogserie. Schön war’s mit dir. Danke für Alles, was du mich gelehrt hast. Ich mache nun ohne dich weiter. Und so wird es wohl bald eine neue Morgenlektüre geben, damit ich die Menschen im vollbesetzten Zug auf dem Weg zur Arbeit nicht atmen hören muss.

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