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Ein Lob der Selbstbegeisterung

Sie steht auf der Wunschliste der Erfahrungen weit oben: «Begeisterung»! Es geht um den Moment, in dem ein Stück Welt uns plötzlich ergreift. Das kann eine Landschaft oder das Wetter, ein Kunstwerk, eine Spielszene beim Sport, im Theater oder auf dem Kinderspielplatz sein.

Es beginnt mit einem Funkensprung

Begeisterung überkommt uns. «Wie von Geisterhand» finden wir uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und dass die richtigen Menschen dabei sind, ist überaus förderlich.

Denn der Geistfunke, der in uns die Begeisterung zündet, springt besonders leicht von begeisterten Menschen zu uns rüber.

Kostenlose, erneuerbare und nachhaltige Lebensenergie

Begeistert zu sein ist ein Zustand, der uns auf den Höhen und übrigens auch in den Tiefen (!) des Lebens widerfährt. Die einen sind vor lauter Begeisterung lichterloh, die anderen still glühend. Wir fühlen uns leicht und mit Energie versorgt (inspiriert), werden kreativ und trauen uns was zu. Eine Energie, die wir nicht selbst produzieren können.

Aber keine Sorge! Die Welt steckt derart voll Geist, dass er nicht aufhören wird, über uns zu kommen.

Dabei ist erst mal egal, ob wir es Heiligen Geist, Zeitgeist, Weltgeist oder sonst wie nennen.

«Ich will begeistert leben!»

Es ist verständlich, wenn wir den Zustand von Begeisterung begehren.

Sich selbst begeistern zu wollen funktioniert allerdings genauso wenig, wie schleunigst schlafen zu wollen. Was dabei herauskommt ist Fake-Begeisterung.

Der perfekte Abend, die besten Konzerttickets, eine der berühmtesten Philharmonien und das noch mit traumhafter Begleitung an meiner Seite. „Es muss einfach ein irres Wow-Erlebnis werden!“ Wurde es aber nicht. Je mehr Selbstmachen und Druck, desto weniger echte Begeisterung.

«Begeistert mich!»

Wenn Selbstbegeisterung in diesem Sinne kaum möglich ist, wie wäre es dann mit Fremdbegeisterung durch andere Menschen? Ein bunter und lukrativer Markt ist entstanden für professionelle Begeisterer. Sie bringen uns die Methoden bei, durch die wir uns selbst, unsere Mitarbeiter:innen, unsere Kund:innen oder unsere Schüler:innen entzücken können.

Echte und falsche Begeisterung

Mal ganz abgesehen davon, dass wir wissen, was vergangene und gegenwärtige Begeisterer so alles anstacheln: Die feine Linie zwischen fragwürdiger und verheissungsvoller Begeisterung anderer Menschen verläuft zwischen «verzwecken / instrumentalisieren / erzeugen» und «uneigennützig / ermöglichen / ermächtigen».

«Gemachte Begeisterung – auch wenn die Vorsätze der Begeisterer noch so hehr und edel sein sollten – ist per se problematisch; und zwar deshalb, weil sie immer eine Form der Manipulation, Konditionierung oder gar Fanatisierung ist.» Christoph Quarch: Begeistern, S. 82

Sich selbst der Möglichkeit hinhalten

Verschwindet also mein Selbst ganz aus der Begeisterung? Keineswegs!

«Der Geist weht zwar, wo er will», wie es im Johannesevangelium heisst. Aber jetzt können wir uns ja überlegen: Wo will er denn wehen? Welche Bedingungen begünstigen es, dass mich eine (göttliche) Geistkraft ergreift?

Diese Bedingungen zu erkennen, zu kultivieren und zu betreten, das ist die aktive Rolle unseres Selbst im Spiel der Begeisterung. Sie findet ihren Höhepunkt in einer Aktivität, die darin besteht, nichts zu tun: Sich ergreifen, vom Pfeil des Eros treffen, von der Muse küssen, der Empathie überwältigen und der Schönheit überfluten lassen.

Das staunende Bewusstsein, durchgeistet zu sein

Gesunde Selbstbegeisterung gebärdet sich weder narzisstisch noch überheblich. Sie ist der Moment, in dem einem einzelnen Menschen gewahr wird: Jetzt fliesst das, was mir an Gaben geschenkt worden ist (Charismen) mühelos durch mich hindurch zu den anderen.

Diesen Flow staunend zu erleben, heisst auch Lust und Freude zu verspüren. Ich habe der Welt was zu geben und will mich ganz hingeben. Meist weicht dieses Selbstbewusstsein zügig der Selbstvergessenheit, die für Begeisterung typisch ist. Aber manchmal nistet sich die Begeisterung für ein Weile in unseren Herzen ein.

Die Trotzkraft wider den ach so klugen Realismus

Wie kommt es, dass die Bedenkenträger so oft als klug und realistisch gelten, während die Begeisterten als schwärmerisch und naiv dastehen? Wir brauchen wohl beide, aber ein wenig mehr Enthusiasmus wäre angebracht. Gerade jetzt, wo wir so viele Rückschläge und Scheitern wegzustecken haben. In solchen Zeiten drängt sich die skeptische Vorsicht als einzig wahre Einstellung zum Leben auf.

Selbstbegeisterung ist die verinnerlichte Trotzreaktion gegen die einlullende Herrschaft des Misstrauens, eine Art höherer Realismus zugunsten des weitergehenden Lebens.

«Selbstverstärkung», «Selbststeigerung» und «Selbstbezauberung» als Trotzkräfte zu denken, dazu hat mich Volker Gerhardt in seinem Buch «Der Sinn des Sinns» animiert:

«Und selbst wenn er [ein Mensch] sich zu den Realisten rechnet, kann ihm der Aufwand an Begeisterung für sich selbst nicht entgehen, die er in einer zu zahllosen Enttäuschungen Anlass gebenden Umgebung braucht, um mit dem zu überzeugen, wofür er sich einsetzt. Ohne den Glauben an sich selbst wird er nichts von dem erreichen, was ihm wichtig ist.»

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2 Kommentare zu „Ein Lob der Selbstbegeisterung“

    1. Danke für diese erfrischenden Zeilen, die den Geist des Blogs sofort und leicht aufschnappen. Glaube im vorsichtigen Sicherheitsmodus ist mein Ding auch nicht. Zugleich fühle ich mich je länger je mehr angezogen von den Stillen im Lande. Ihre Begeisterung für das Leben, den Glauben, die Kirche glüht. Der Geist ihrer Begeisterung hat einen langen Atem. Das hätte ich gerne auch für mich.

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