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Lesedauer: 8 Minuten

Rückspiel: Begeistert sein – die neue Zukunftskompetenz

 
Überblick über diese Blogserie
  1. Der Untergang naht – Zeit für freigespielte Hoffnung
  2. Rückspiel: Der Untergang naht – Zeit für freigespielte Hoffnung
  3. Selig sind die Sehnsüchtigen
  4. Rückspiel: Selig sind die Sehnsüchtigen
  5. Spielerisch leben – allen Ernstes
  6. Rückspiel: Spielerisch leben – allen Ernstes
  7. Die kreative Trinität – Heiliger Geist, Zeitgeist und ich
  8. Rückspiel: Die kreative Trinität – Heiliger Geist, Zeitgeist und ich
  9. Begeistert sein – Die Freude am Wandel

 

Alltagsmystik im ICE-Abteil

Ein Zugabteil ganz für mich. Ich mag das und bagger mich durch die angestauten E-Mails. Draussen eine aufgeregte Frauenstimme. Nervig. Sie kommt mit ihrem Sohn nicht klar, aber dafür rein – in «mein» Abteil. Eigentlich will ich stur weiterarbeiten, aber das Kind zieht meinen Blick an. Eine Mischung aus Neugier, Freude und Schmerz packt mich. Der Junge ist besonders. Wie er da sitzt und mich aus seinem Fussball-Trikot heraus anschaut. Und die Brille! Was ist wohl passiert, dass seine Mutter ihn derart aggressiv durch den Zug getrieben hat? Ich wag es: «Boah, das ist ja ein echtes Bayern-Trikot! Meinst du, ich darf das mal berühren?» Der Junge hört ab diesem Moment nicht mehr auf zu glühen. Ich schau zur Mutter… sie nickt. Mit dem Körperkontakt dreht das Abteilklima auf heilsam. Was für ein Gespräch nun entsteht, nicht nur über Fussball! Die Mutter erzählt mir, dass sie eine wichtige Untersuchung haben. Ihr Sohn leidet an Albinismus. Und wie sie das alles alleinerziehend auf die Reihe bekommen muss. Vor Frankfurt bedauern wir, dass die gemeinsame Fahrt ausrollt. Voll Liebe nimmt sie ihren Sohn in den Arm, reicht ihm den Rucksack und fasst seine Hand. Ich danke den beiden und spreche ihnen zu, dass sie ein grosser Segen für mich und unsere Zeit sind. Und wir winken einander, als könnten wir es glauben.

«… wie von Geisterhand!»

Wegen solcher Erlebnisse kann ich mir Menschsein ohne Begeisterung nicht mehr vorstellen.

Sie ist unser persönliches Lebenselixier und vielleicht die stärkste soziale Energie unserer Gemeinschaften. Mitten im Alltag erleben wir, wie sich Atmosphären, Begegnungen, Arbeitsprozesse, ja sogar ganze Tagesverläufe zum Guten wenden.

«Wie von Geisterhand» sagen wir, weil wir nicht wirklich erklären können, wie es kam… so plötzlich und leicht. Einerseits erlebe ich mich als aktiv und hellwach. Hin und wieder steigert sich das zu einem waghalsigen Mut, der sich selbst riskiert. Was ist da in mir, das mich fragen lässt, ob ich das Trikot eines wildfremden Jungen berühren darf? Sowas kann auch mächtig schiefgehen! Andererseits bin ich passiv, weil etwas ausserhalb meiner selbst an mir zieht und zerrt. Was ist das? An messbaren, berechenbaren Faktoren lässt es sich nicht festmachen. Es überkommt mich. Und im nächsten Moment spüren alle im Abteil, wie ein frischer Geist einzieht, während der muffige abzieht: aufblicken statt genervt sein, bemerkt statt befehligt werden, berühren statt einsam bleiben. In diesem Geist betreten wir die Welt anders. Mehr noch, der erste Schritt vor die Abteiltür fühlt sich an, als wäre die Welt bereits eine andere.

Unbegeistertes Leben gibt es nicht

Wenn uns Begeisterung widerfährt, berührt uns die geistig-mystische Dimension unseres Lebens. Sie enthüllt sich mal sanft oder entlädt sich eruptiv. Ohne diese Energie sähe es düster aus. Denn wir machen persönlich und kollektiv die Erfahrung, wie vernünftige Analyse, klarer Verstand, intelligenter Wissenserwerb und rationale Lebens- und Weltgestaltung an jenen Punkt kommen, da wir zugeben müssen: «Es funktioniert nicht! Wir wissen es nicht!»

Was uns dann weiterleben und -machen lässt, ist jene glühende Grundbegeisterung für das Leben, die sich in den Gefühlen von Glauben, Liebe und Hoffnung ausdrückt.

Und ohne erweckt und erregt zu sein (arousal), fangen wir erst gar nicht an, staunend nach dem Leben zu fragen und neugierig seine Zukunft anzupacken. Schon komisch, warum der Bedenkenträger als intelligent gilt, während die Begeisterte eher exotisch anmutet.

Das müssen wir unbedingt kultivieren

Als geistbegabte Menschen können wir uns selbst überschreiten und weggeben. Ausser sich sein vor Liebe. Selbstvergessen ins Spiel versunken. Hingegeben an das Projekt. Im brennenden Selbsteinsatz für das Leben. Bei der selbstlosen Pflege eines Kranken.

Unzählig sind die geerdeten wie spektakulären Zustände der Begeisterung, in denen die Ekzentrik hinreissender wird als jede Egozentrik. Begeisterung ist nichts für Individualisten.

Wenn wir die Verbundenheit mit anderen Lebewesen wagen, dann erwacht eine Energie, die spürbar in uns zurückfliesst. Durch sie kommen wir tiefer bei uns selbst an als zuvor. Wir machen die Erfahrung der Be-Geisterung. Der Geist des magischen Augenblicks trägt uns durch die kommenden Stunden, mindestens. Ich würde viel dafür geben, um diese hochgestimmte Resonanz generalisieren zu können. Die Sehnsucht nach einem hoch angebundenen Leben ist riesig: Kann man die Momentfrequenz von Begeisterung auf den ganzen Lebenszusammenhang ausdehnen und zu einem Lebensstil kultivieren? Martin Buber könnte eine Antwortrichtung bereithalten:

«Die Ätherwellen brausen immer, aber wir haben zumeist unseren Empfänger abgestellt.»

Die faszinierend dritte Art zu leben

«Begeisterung» als Lebensmodus könnte gelingen, indem wir das aktive «Begeistert-Sein» verbunden halten mit dem passiven «Be-geistert-Werden». Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Denken wir nur an jene fehlgeleitete Begeisterung, in der wir meinen, das Leben stünde uns machbar zur Verfügung. Auf diese Weise haben wir die Welt schon zigmal entgeistert und uns gleich mit entzaubert. Und umgekehrt kippt Begeisterung in Besessenheit, wenn wir uns nur passiv dem Rausch des Lebens ergeben.

Die wahren Begeisterten sind diejenigen, die sich vom Geist des Lebens, der uns mit allen und allem verbindet, ergreifen lassen. Weder rein aktiv, noch nur passiv, sondern leben im Medium, und wir nennen dieses Medium «Geist».

Faszinierend, wie gelassen, heiter und leicht begeisterte Menschen unterwegs sind. Frei vom Zwang, das Glück herbeizwingen zu müssen, getragen von der Hoffnung, dass sich mir das Gute zuspielen wird. Und genauso staune ich, wie die Geistergriffenen ihre Umgebung, ihre Zeit mitreissen in eine andere Zukunft. «Spirit Maker» nennt Kirstine Fratz sie. Euphorisch beschreibt sich der Apostel Paulus als einer von ihnen (Philipper 3,12): «Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.»

Menschengeist im Medium des Heiligen Geistes

Kein Menschsein ohne Begeisterung, keine Begeisterung ohne den Heiligen Geist! Damit will ich die Begeisterung nicht theologisch vereinnahmen, sondern noch phänomenaler machen. Denn die Frage ist doch: Woher kommt der Mut, begeistert über sich hinauszugehen? Wem verdanken wir das nötige Vertrauen, um uns ergreifen zu lassen?

Die jüdisch-christliche Glaubenstradition sieht im Heiligen Geist den Geber menschlicher Begeisterungsfähigkeit und den Ermöglicher für ein begeistertes und begeisterndes Leben.

Der Geist Gottes reisst Menschen zu aufsehenerregenden Handlungen hin. Überragende Künstler schaffen Schönes, charismatische Anführer befreien das Volk. Da kann es wild zugehen. Göttliche Begeisterung manifestiert sich im ekstatischen Reden, Singen, Tanzen und Feiern, so dass Könige am anderen Morgen nackt auf dem Feld erwachen, Propheten für meschugge gehalten werden und die Apostel scheinbar alkoholisiert sind. Lodernde Flammen und Funkenflug, aber auch glühendes Eintauchen und wechselseitige Einwohnung: Gott in uns und wir in Gott – en theos – und zwar im Medium des Heiligen Geistes. Daher stammt unser Wort «enthusiastisch». In der Begeisterung lassen sich menschlicher und göttlicher Geist kaum noch voneinander unterscheiden. Die Grenze zwischen Fremdbegeisterung und Selbstbegeisterung schmilzt dahin.

Von einem Geist, der auszog, die Kirche zu begeistern

Normalerweise folgt an dieser Stelle die theologisch korrekte Warnung, dass die Menschen aller Zeiten die Geistesgabe der Begeisterung missbraucht haben. Wer will bei den Geistern, die da gerufen wurden, noch vom Heiligen Geist reden? Stimmt, es gibt üble Begeisterungsströme.

Wer aber ständig an Kriterien für die Unterscheidung der Geister arbeitet, täuscht sich allzu leicht über die eigene, kirchliche Geistarmut hinweg.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass die Alte Kirche sich den dreieinigen Gott als eine tanzende Gottheit vorgestellt hat, die von sich selbst ergriffen und begeistert ist. Dass diese Gottesbegeisterung vor lauter Liebe überschlägt in eine Begeisterung an seiner Schöpfung. Dass die kreative Pneuma-Sophia lustvoll Welt und Menschen durchtanzt und jeden von uns mitreissen will. Dass der Geist Gottes an Pfingsten ausgezogen ist und eine Kirche von brennenden Herzen entflammt hat. Erlag diese Kirche der Versuchung, den Heiligen Geist an sich zu binden? Allzu verständlich, wenn er sich das nicht hätte gefallen lassen, ausgezogen wäre und woanders Begeisterung versprühen würde. Ob das die verkümmerte Selbstbegeisterung der Kirche und ihre kulturelle Entzauberung erklärt, weiss ich nicht. Aber ich hoffe auf eine Kirche, welche die heilvolle Begeisterung des Zeitgeistes weder neidisch als Konkurrenz empfindet noch als Kopiervorlage entwertet. Stattdessen erahnt sie in den Zeitgeistteilnehmer*innen den begeisternden Gottesgeist und hört wie in einer Fremdprophetie: Es kommt die Zeit, da der Geist Gottes die institutionalisierten Abteil(ungs)geister seiner Kirche verzaubern wird.

Photo by Armin Lotfi on Unsplash

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6 Kommentare zu „Rückspiel: Begeistert sein – die neue Zukunftskompetenz“

  1. Claudio Weiss

    Empirische Theologie
    Lieber Andreas, in einem früheren Kommentar habe ich in Dir einen Pionier einer Befreiungstheologie wahrgenommen, die diesen Namen auch verdient, nämlich im psychologischen und spirituellen Sinn. Heute, nach der Lektüre Deines Abschlussbeitrages in Deinem Wechselspiel mit Kirstine, möchte ich noch einen Schritt weiter gehen:

    Im erwähnten Kommentar habe ich mich als „philosophierenden Psychologen“ geoutet. Jetzt möchte ich noch meine intensive, aber keineswegs glückliche Beziehung zur Theologie hinzufügen. Die ersten Bücher, die ich als Zwölfjähriger las, waren nicht etwa Karl May sondern theologische Abhandlungen. Meine Begegnungen mit Berufstheologen erwiesen sich nach anfänglicher Offenheit stets als spirituelle Gefängnisbesuche. Du bist der erste Vertreter dieser Zunft, bei dem mir das Herz aufgegangen ist. Warum?

    Weil Du in Deinen Spielzügen offen, ehrlich, als Mensch und als Intellektueller, so etwas wie „empirische Theologie“ mit uns Lesenden geteilt hast. „Empeirein“ heisst ja Erfahren. Die „empirischen“ Naturwissenschaften verstehen sich als Erfahrungswissenschaften, angewendet auf die Natur „da draussen“, zu der auch unser Körper gehört. Du treibst empirische „Geisteswissenschaft“, angewendet auf den „Heiligen Geist“ in uns und unter uns. Und dazu möchte ich Dir von Herzen gratulieren! Du machst Deine Begegnungen, wie die mit dem Jungen und der Mutter im Zug, zu Deinem empirischen, heiliggeistigen Forschungslabor. Du teilst Deine gewonnenen Erkenntnisse mit uns Lesenden, als Anregung, nicht, um sie uns dogmatisch aufzuzwingen. Du feierst uralt überliefertes, christliches Schrifttum, um darin Deine unmittelbar erfahrene und gedanklich reflektierte Erlebnisspiritualität wieder zu finden und Dich daran zu erfreuen, und schraubst nicht daran herum, um es mittels Glaubensakrobatik für derzeitige Zeitgenossen pseudorational zurechtzubiegen.

    Das ist für mich lebendige, voranschreitende, „empirische“ Theologie, die mich an das oft zitierte Pauluswort erinnert: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor 3,6). Für mich steht der Buchstabe für erstarrte, verkrustete, einengende, leblose Dogmatik, der Geist für jenen Heiligen und Zeitgeist, der Gegenstand dieses Wechselspiels gewesen ist. Sollte Dir, lieber Andreas, bei Deiner Art, empirische Theologie zu treiben, der Vorwurf der „Beliebigkeit“ entgegengeschleudert werden, dann nimm das aus meiner Sicht bitte als Kompliment! Und mach fröhlich weiter! Begeistert! Zukunftsfähig und Zukunftsfreudig! Und wie Du ja wohl weisst, hast Du illustre Vorgänger und Vorgängerinnen in empirischer Theologie, die unter dem Label „Mystik“ und „Gnostik“ von manchen gefeiert, von anderen geschmäht wurden und werden. Übrigens, das Sanskrit-Wort für empirische Theologie lautet „Yoga“.

    Vielleicht gilt das gerade Gesagte auch für so etwas wie „Kirche“? Was wäre, wenn die Kirche der Zukunft eine freie, offene, in der Geistestiefe der Seele verbundene, nicht an ein fixes Credo gefesselte und in eine rigide Institution gesperrte, Gemeinschaft wäre? Ein herzenswarmes und geisteswaches, kreatives und kooperatives Miteinander von heilig-geistig Ergriffenen, die ihnen geschenkte Gelegenheiten anpackend ergreifen? So wie Du, Andreas, es im Zug erlebt und getan hast? Eine Kirche, in der alle Religionen und Kulturen ihre Gott-gegebene und nicht von Menschen gemachte Heimat haben? Eine „unsichtbare“, weil undefinierte, sprich unbegrenzte Kirche mit „Spirit Makern“ als Vorreiterinnen und Vorreitern, ganz natürlich, ungezwungen, spontan, spielerisch, ohne schwergewichtiges „Hochwürden“?

    Und das führt mich noch einmal zu Dir, liebe Kirstine: Du hast mit Deinen Beiträgen für mich demonstriert, wie die von Dir entdeckte und durch Dich in Botschaft und Form so wundervoll verkörperte evolutionäre Intelligenz der Zeitgeistin jetzt, hier und heute, in die heiligen Hallen des Christentums weht und dort einen frischen, frühlingshaften Duft von liebevoller Lebensfreude und lustvoller Leichtigkeit versprüht. Dass die Zeit genau dafür reif, um nicht zu sagen „erfüllt“ ist, hast Du, Andreas, für mich mit Deinen so herrlich offenen und mit dieser Botschaft so wohlklingend resonierenden Beiträgen demonstriert. Euer Zug um Zug Gewinn-Gewinn-Spiel hat für mich im besten und umfassendsten Sinne Geistesgeschichte geschrieben, die, zeitgeistlich und religiös gesprochen, eigentlich Heilsgeschichte ist. So zumindest, Euch beiden ganz herzlich dankend, meine Hoffnung!

    1. Jürgen Friedrich

      ZEIT und BEWUSSTSEIN sind zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille selbst heißt LEBEN. Es findet statt nicht morgen, nicht gestern, nicht heute, sondern nur im HIER und JETZT. Es ist geistiger Natur und Schnittstelle mit Transzendenz, die ihrerseits ‘Heimat’ Gottes ist.
      Der Kopf ist somit auch Schnittstelle mit Gott. Was sein ist, ist auch unser. Selbstverständlich auch umgekehrt. Nachfolgende Reime bieten Hilfestellung.

      Frage : WIE KOMMT DIE WELT IN DEN KOPF?
      Antwort : Geistig !

      ARBORETUM-REIME

      Es kennt die Welt so manche Plage,
      seit kurzem auch die Klima-Klage,
      doch das ARBORETUM – ohne Frage –
      stellt auf den Kopf die ganze Lage:

      Je nachdem, wie man es nimmt,
      der Menschheit ist vorherbestimmt,
      dass sie – als Gottes Ebenbild –
      einfach seinen Job erfüllt.

      Programmiert schon in den Genen,
      lenkt uns alle stilles Sehnen,
      damit am Ende total prima
      die ganze Welt kriegt PRIMA-KLIMA.

      Dieses Ziel wird auch mitunter
      gepredigt farbig sehr viel bunter
      mit “unseres Gottes Gerechtigkeit”,
      weil die macht Schluss mit Krieg und Leid.

      Dann wird im Leben wirklich allen
      nicht nur ihr Leben selbst gefallen,
      sondern Glück und Wohlbefinden
      GARTEN EDEN neu begründen.

      Das ARBORETUM bringt zustande
      – bescheiden hier in unserem Lande -,
      was demnächst in ganzer Welt
      das Paradies neu auf Beine stellt….

      Einzelheiten zum Arboretum unter

      http://www.norddeutsche-gartenschau.de

    2. Lieber Claudio,
      manchmal können einem andere Menschen fast noch besser sagen, was man getan und angezettelt hat, als man das selber wahrnimmt. Danke für manche Sätze in Deinem Kommentar, dir mir helfen, mich selbst zu sehen und zu erkennen. Was mich unheimlich freut ist, dass Du mir, dem Theologen, diesen Besuch abstattest und es als das Gegenteil von Gefängnisbesuch erlebst. Für Dich bin ich vielleicht eine Ausnahmeerscheinung, aber zugleich weiss ich mich im Bunde mit vielen Theologinnen und Theologen, bei denen es nach Freiheit duftet.
      Großer Dank an Dich.

  2. In vergangener Zeit widerfuhr mit zweimal eine ähnliche Szene wie die beschriebene Szene im Zug. Einmal sass ich im Bus neben einen älteren Herrn und einmal teilte ich mit einem anderen älteren Herrn den Warteraum der Physiotherapie. Wartezeiten zwingen den eigens durchgetakteten Rhythmus zu brechen, obschon selbst diese kurze Oasen der Ruhe noch selbstzerstörerisch mit Bildschirmzeit geflutet werden und oft sogar die Kraft für einen ersten lockeren erste Satz fehlt. Doch es kam jeweils zur Kontaktaufnahme
    und zu Gesprächen. Beide male entpuppten sich die Gesprächspartner zu Herren von Welt, die einiges zu erzählen wussten, die mich inspirierten, die mein Inneres lebendig machten, mich zur mehr Interesse leiteten, mir Seelenfrieden stifteten, mich zu heilsamer Verbundenheit brachten, mir das Leben als Fülle präsentierten. Da frage ich mich manchmal, woher der Wille zum ersten Satz kommt. Es könnte die Erinnerung an vergangene gute Gespräche stossend wirken, es könnte die Neugier und das Interesse an der kommenden Begegnung ziehend wirken. Es könnte aus purer Selbstüberwindung geschehen, oder aus Lust am ungewissen kleinen Abenteuer der Kontaktaufnahme mit einer fremden Person. Es könnte Resultat unerklärlicher Umstände sein, oder pures Geschehen sein. Es könnte die Freude sein den Weltenlauf zu gestalten, denn wer hat schon nicht ab und an Freude dem Alltag einen Streich zu spielen? Die Begegnungen waren beide viel zu kurz. Ohne allzu theologisch werden zu wollen, dürfte in fast allen Ansätzen eine Prise Heiliger Geist im biblischen Sinn innewohnen. Es sei gewagt zu wünschen, dass dieser Geist wieder vermehrt weht darf. Gerne hätte die Busfahrt oder die Wartezeit in der Praxis länger anhalten dürfen.

    1. Danke für diese schöne Geschichte an Alltagsmystik. Ja, so ganz genau können wir nicht sagen, was den Funken springen lässt in solchen Momenten.

  3. Lieber Claudio
    Danke, für deinen Post über Begeisterung.
    Der “heiligen bewegenden Geistkraft begegnete ich erst während meines Studiums in USA vor gut 20 Jahren. Es wurde vor jeder Lesung darum gebetet. Da realisierte ich, dass ich während meines Theologiestudiums hier in der Schweiz nie solchem Tun begegnet bin und wie das fokusieren kann. Ja, das tunlichst jede Form von Spiritualität vermieden wurde.
    Wie finden wir in heilige Begeisterung, dass ist die Frage? Und wie kann ich dies als Pfarrerin weiter geben? Da hat mir ein Büchlein und die Dogmatik von Thillich weiter geholfen.
    Paul Thillich hat 1963 eine schmale Abhandlung veröffentlicht zum “courage to be”. Das beschreibt nach meinem Verständnis theologisch-philosophisch was ein begeistertes Leben fördert, uns ein Neues Sein ermöglicht. Thillich sagt, um vom Nichtsein in ein begeisterndes Neues Sein zu finden, müssen wir den Mut zum Sein aufbringen.
    Es geht also darum, sich den eigenen Lebensängsten zu stellen und zu über winden, indem wir sie annehmen. Thillich beschreibt die Angst vor der eigenen Endlichkeit, dem Verlust des Seinsgrundes und die Angst etwas unterlassen oder verpasst zu haben. Denn diese Ängste treiben uns vor sich her.
    Sie verhindern, dass wir gelassen begeistert leben und in das Neue Sein finden, das Du im Blog beschreibst.
    Das Neue Sein setzt voraus, dass wir den Mut aufbringen, ja zu sagen zur Gewissheit, sterben zu müssen. Ja sagen zur Angst vor Verlust und uns eingestehen, dass wir Dinge unterlassen haben, oder nicht alles können. Eben, dass wir trotz allem Unvermögen den Mut aufbringen, ja zu uns selbst zu sagen.
    Das Ja zu uns selbst, ermöglicht schöpferisches Handeln. Das man das Heilige in der Existenz wahrnimmt und wagt, das zu leben, was man glaubt.
    Das Ja zu zum Selbst, versöhnt auch mit der eigenen Unvollkommenheit.
    Ich meine, die Abhandlung von Thillich verdiente es gelesen zu werden.
    Herzlichst
    Susanne

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