Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 7 Minuten

Rückspiel: Selig sind die Sehnsüchtigen.

 
Überblick über diese Blogserie
  1. Der Untergang naht – Zeit für freigespielte Hoffnung
  2. Rückspiel: Der Untergang naht – Zeit für freigespielte Hoffnung
  3. Selig sind die Sehnsüchtigen
  4. Rückspiel: Selig sind die Sehnsüchtigen
  5. Spielerisch leben – allen Ernstes
  6. Rückspiel: Spielerisch leben – allen Ernstes
  7. Die kreative Trinität – Heiliger Geist, Zeitgeist und ich
  8. Rückspiel: Die kreative Trinität – Heiliger Geist, Zeitgeist und ich
  9. Begeistert sein – Die Freude am Wandel

Was die Vernunft nicht findet, entdeckt die Sehnsucht

Eines hat mich meine Zeitgeist Forschung gelehrt:

Die Welt verändert sich nicht durch die Vernunft, sondern durch die Sehnsucht.

Als diese Erkenntnis meinen Verstand durchdrang, hatte ich mein Offenbarungserlebnis in meiner Forschungsarbeit. Mir wurden die tiefen Schichten, Schatten und Chancen von Kultur viel bewusster. Meine Forschung entwickelte sich emphatischer, großzügiger. Und die Sehnsucht der Zeitgeist-Teilnehmer, ihre empfundene Not, ihre Hoffnungen wurden mir immer offenbarer und vertrauter.

Lange habe ich damit gehadert, diese Einsicht in ihrer umfassenden Bedeutung anzuerkennen. Zu sehr war ich mit der Verheißung der Vernunft beschäftigt, dieser geistigen Größe, welche das Versprechen birgt, das Richtige zu wissen und zu tun. Hinter der Vernunft, so erzählte man mir, verbirgt sich das Wahre und Gute. Mag sein, aber die Fülle an Erleben, Verlangen und Ermächtigtsein habe ich in ihr immer schmerzlich vermisst, und genau das wurde mir zur Sehnsucht.

Diese Sehnsucht wurde mir zur sehenden Suche und zum suchenden Sehen. Ihr Sog zog mich zu unbekannten und doch schon vorgefühlten Orten. So wuchs ich über mich hinaus und kam doch immer mehr bei mir selber an, jedes Mal ein bisschen reifer, weiser, und liebender.

Mein inneres Mysterium der Sehnsucht vermochte es, mich selbst und mein Leben in Frage zu stellen, damit ich mir wieder neu begegnen konnte. Was sich in diesen Momenten so schmerzhaft anfühlte, war rückblickend meine Chance, zu wachsen und zu heilen.

Sehnsucht hat die Macht, uns an uns selbst zu erinnern. Daran, wer wir wirklich sind, und was unsere Bestimmung ist, zu sein. Ihr Sog hilft uns, immer wieder bei uns selbst anzukommen, und zwar bei einem sich weiter und weiter entwickelnden Selbst. Sehnsucht ist demnach eine Art Entwicklungshelfer im Dienste unserer Seele. 

Sehnsucht – der Sinn für Zukunft

Eine so verstandene Sehnsucht ist eine stetige Aufforderung zur geistigen Freiheit und zu schöpferischem Wirken. Sie ist ein universelles Prinzip, das die Dynamik und Richtung unseres Lebens unsichtbar und doch präsent lenkt, ja sogar auch korrigierenden Einfluss auf unsere Entwicklung nimmt.

Denn die Sehnsucht verfolgt uns bis in den Schlaf, gibt uns keine Ruhe, macht uns zuerst unruhig, dann lebendig und schließlich erfinderisch. Ab einem gewissen Zeitpunkt macht sie es uns unmöglich, im gegebenen Rahmen noch weiter zu funktionieren.

Sie sehnt sich nach Ausdruck, nach Erfüllung und damit nach Veränderung, und irgendwann geben wir ihr nach, und manchmal bleibt nichts mehr, wie es war.

Oft ist es genau das, wovor wir am meisten Angst haben und andere uns am meisten Angst machen. Daher wird und wurde Sehnsucht häufig als etwas Bedrohliches wahrgenommen, als etwas, das krank ist, was es zu unterdrücken gilt, um die bewährten Formen, die bisher Sicherheit vermittelt haben, zu wahren.

Was aber, wenn die Sehnsucht genau in dieser disruptiven Eigenschaft von unschätzbarem Wert für uns alle ist?

Was, wenn die Sehnsucht nicht nur unsere persönliche Seele am Leben erhält, sondern gleich die ganze »Weltseele«, die unsere Kultur ausmacht, neu beatmet?

Denn es ist unser aller Sehnsucht, die zur kollektiven Sehnsucht heranwächst, sich nach Veränderung sehnt, schließlich ganze Kulturen erneuert.

Genau diese Fähigkeit macht Sehnsucht auch zu einem inneren Mysterium des Zeitgeistes. Einem Geist, der für Veränderung und Erneuerung steht und damit eine der machtvollsten und kreativsten Kräfte in unserer Kultur darstellt. Dieser Geist der Zeit ernährt und gestaltet sich eigentlich durch diese, unsere Sehnsucht.

Ohne Sehnsucht nämlich gäbe es keinen Zeitgeist, ohne Zeitgeist keine Veränderung und ohne Veränderung keine Entwicklung. Die Weltseele wäre dann genauso tot und erstarrt wie wir selbst, ohne den transformierenden Zauber von Sehnsucht.

Sehnsucht hat die Macht zu heilen

So betrachtet wird die Sehnsucht zur Vernunft im höheren Sinne. Und das macht durchaus Sinn, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass unser Wort »Vernunft« auf »Vernehmen« zurückgeht. Sie hat die Gabe, zu erfühlen, wo Systeme und Ordnungen an ihre Zeitgrenzen kommen und die Zeichen auf Erneuerung stehen.

Die Sehnsucht im Spiegel des Zeitgeistes ermutigt uns, mit Weltansichten zu experimentieren, um uns von einengenden Weltbildern zu befreien.

Dieses Experimentieren scheint im ersten Moment einer Zerstörung von Werten und Traditionen gleichzukommen. Beobachtet man diese Dynamik aber über den ersten Moment hinaus, erkennt man, dass das, was verloren geglaubt war, lebendig und neu beatmet über das Experimentieren wieder in die Kultur zurückkehrt.

Nehmen wir den großen Wert Familie. Schon lange wird dort der Werteverfall besungen. Bei genauerer Betrachtung haben aber gegenwärtig viele junge Menschen wieder Lust auf Bindung und Kinder kriegen bekommen. Wie kommt das? Sind sie etwa »zur Vernunft gekommen«, oder hat sich etwas durch den Zeitgeist verändert, was Ihre Sehnsucht bedient und neue Freude an Familie schenkt?

Sehnsucht und Zeitgeist haben die Entfremdung von der tradierten Familie eingeleitet und das Experimentieren mit neuen Familienformen möglich gemacht. Es sind Modelle entstanden, welche den Wert Familie für junge Menschen wieder attraktiv gemacht haben. Die kollektive Sehnsucht, sich als Mann oder Frau selbstbestimmter in einem Familiensystem zu erfahren, hat der Zeitgeist erfüllt und damit den Wert Familie wieder lebendig gemacht.

Zeitgeist im Dienste der Ewigkeit

Zeitgeist treibt mit Hilfe der Sehnsucht einen Kairos in bestehende Systeme. Er schenkt Perspektive, zeigt, was integriert und erneuert werden will. Und dabei handelt es sich eigentlich immer um die großen und ewigen Themen. Denn wonach sehnen wir uns wirklich immer wieder aufs Neue? Nach Liebe, Lebendigkeit, Hoffnung und Heilung. Es sind diese Werte, welche von erstarrten Systemen immer wieder instrumentalisiert und abgetötet werden. Es sind diese Werte, die in der Zeitgeist Dynamik immer wieder eine neue Chance erhalten, zu heilen und zu wachsen.

Zeitgeist ist der Entwicklungshelfer im Dienste der Weltseele, und sein Antrieb ist unsere Sehnsucht. Die nie müde wird uns zu entfremden, damit wir uns wieder sehnsüchtig annähern können. Diese höhere Vernunft erschließt sich unserem menschlichen Geist eben nur durch die Sehnsucht.

Alles beginnt mit Sehnsucht

Zeitgeist ermächtigt uns, die Positionen vergangener Zeiten in Frage zu stellen, die einmal dienlich waren, aber im Laufe der Zeit aufgehört haben, es zu sein. Gerade im Moment hat dieses Hinterfragen Hochkonjunktur. Politische Systeme, Schulsysteme, Wirtschaftssysteme, in ihnen stecken überall Werte, welche ein Heilen und Wachsen von Kultur und Weltseele mittlerweile ins Negative verkehren. Die Pandemie hat diese Perspektiven noch beschleunigt. Die Sehnsucht ist groß nach neuen Prinzipien, die die Welt verändern. Institutionalisierte Information reicht nicht aus, um uns Anleitung und Hoffnung für diese entfesselten Kräfte zu geben.

Selig sind die Sehnsüchtigen, denn sie entwickeln Sog und Vorstellungskraft, wie es weitergehen kann. Hier entsteht höhere Vernunft für transformierende Kräfte.

Mir drängt sich mehr und mehr die Ahnung auf, ob diese sehnsüchtige Vernunft und diese umwandelnden Kräfte nicht vielleicht Anzeichen unserer eigenen Göttlichkeit sind? Sowohl individuell als auch kollektiv? Mein Co-Autor Andreas Loos schreibt: »Der Hauch des Geistes bringt die Seele zum Schwingen, indem er sie charmant und liebevoll daran erinnert, dass das Leben viel mehr, weiter und erfüllter ist, als sie zu träumen wagt.« Wer haucht der Sehnsucht Ihr Sehnen ein? Wer ermächtig den Zeitgeist, die Sehnsucht der Seele zu erhören?

Sehnsucht – ein Geschenk Gottes!

»Die Sehnsucht zu ergreifen, ist eine spirituelle Kunst« sagt Andreas Loos. Genau diese Kunst ist in der Zeitgeist Forschung das kulturheilende Prinzip, dessen Wahrnehmung über eine ausschließlich rationale Betrachtungsweise hinausgeht.

Mein neues Offenbarungserlebnis ist, die Göttlichkeit im wirkmächtigen Mysterium von Sehnsucht und Zeitgeist zu erkennen.

Was läge dem Heiligen Geist näher, als uns durch tiefes Verlangen immer wieder an die Werte der Lebendigkeit, Liebe und Heilung heranzuführen?

Warum sollte in den Zeichen der Zeit nicht das heilsame Wirken des Heiligen Geistes zu erkennen sein? Kommt unsere Sehnsucht nicht einem göttlichen Sog gleich, einem Mysterium, um sich und die Welt heilsam zu transformieren? Was wäre, wenn der Heilige Geist sich uns tatsächlich durch den Zeitgeist schenkt?

What do you think of this post?
  • OMG! (6)
  • Karma-Boost (6)
  • Deep (8)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

4 Kommentare zu „Rückspiel: Selig sind die Sehnsüchtigen.“

  1. Spielt Gott hier mit?
    Wenn ich Eure Hin- und Rückspiele, liebe Kirstine und lieber Andreas, verfolge, kann ich nur sagen: Wir leben in einer grossartigen Zeit! Adreas, Du hast Dich in echtem Gottvertrauen getraut, die Formulierung der Seeligpreisungen in der Bergpredigt aufzugreifen und das Motto zu kreieren: „Seelig sind die Sehnsüchtigen“. Diesem Anfang folgt ja stets ein … „, denn“, das jeweils die Begründung enthält. Als Fortsetzung dazu kam mir unmittelbar in den Sinn, gleichsam als Echo auf Deine Entdeckung, Kirstine, die Dir in Deiner Zeitgeist Forschung geschenkt wurde: „Seelig sind die Sehnsüchtigen, denn durch sie findet das Himmelreich seinen Weg auf die Erde“. Ist das nicht, was man religiös „Gottes Wille“ nennen könnte, und, menschlich gesprochen, die Reise, auf der wir alle, bewusst oder unbewusst, unterwegs sind?

    Als philosophierender Psychologe, von Berufs wegen und aus Leidenschaft, möchte ich Euch beiden von Herzen gratulieren! Andreas, ich bewundere Deinen Mut zu einer Theologie, die urmenschliches Erleben als göttliche Gegenwart begreift. Vielleicht bist Du ein Pionier einer „Befreiungstheologie“, die diesen Namen verdient, nämlich im psychologischen und im spirituellen Sinne. Kirstine, ich bewundere Deinen Mut, Deine Art Forschung mit der Dir darin zuteil gewordenen Einsicht in einem göttlichen, im umfassendsten Sinne heilsamen Licht erstrahlen zu lassen, wie es die letzten drei Sätze Deines heutigen Rückspiels uns Lesern nicht etwa aufzwingen, sondern liebevoll als Angebot unterbreiten.

    Versteht Ihr jetzt, warum ich sage, dass wir in einer grossartigen Zeit leben? Einer Zeit, in der sich die göttliche Natur des Zeitgeistes selbst entdeckt. Und das tut sie in Gestalt Eures Wechselspiels. Danke Euch beiden – und Danke der göttlichen, evolutionären Intelligenz, auch „Heiliger Geist“ genannt, die sich Eurer beiden Geister so wunderbar bedient!

    1. Jürgen Friedrich

      Das “nur menschliche Erleben von göttlicher Gegenwart” kommt über einen anderen Ansatz auch sehr schön ins Bewusstsein. Ohne großartige Überredungskunst ist wohl jedem klar, dass “aktuell erlebtes Leben” in der Gegenwart PASSIERT. Gegenwart ist aber nur ein verbaler Begriff, ein Wort für die Schnittstelle zwischen noch toter Zukunft und schon wieder toter Vergangenheit, ohne zeitliche Ausdehnung, also zeitlos. Zeitlosigkeit ist andererseits auch ein Phänomen der Ewigkeit. Dieses Attribut wird Gott zugeschrieben. Ergo ist das Leben Dokumentation der Präsenz Gottes.

      In Anwendung dieser Ableitung ergibt sich, dass der dreieinige Gott in Wirklichkeit viereinig ist. Der Mensch/die Menschheit ist unverzichtbar integraler Bestandteil. “Selig sind die Sehnsüchtigen” wird zum Hebelarm für den ersehnten geistigen Fortschritt, wenn die Sehnsucht sich auf die Vernunft konzentriert.

    2. Lieber Claudio
      soll ich überhaupt was antworten auf Deine Zeilen, die mich ein wenig erröten lassen und tief drinnen mächtig zum Glühen bringen?
      Nur das: Danke … und wir müssen uns unbedingt mal kennenlernen.

      1. Ja, lieber Andreas!
        Das machen wir irgendwann im kommenden Jahr. Und das kommt bestimmt! (Wenn auch mit eschatologischem Vorbehalt, wie ein theologischer Bekannter von mir sagen würde ;-)) Ich freue mich schon darauf!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.