Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 7 Minuten

Menschlichkeit als Generationenprojekt

Sie ist Gen Z, hat lockiges Haar, heitere Augen und ist ein spritziger, kontaktfreudiger Typ. In der Corona-Zeit versuchte die Schülerin der Pandemie-Tristesse kreativ zu entkommen. Sie fing an, im Garten des Mehrgenerationenhauses ihrer Familie ein Steinmandli zu bauen.

Nach einiger Zeit stellte sie verblüfft fest: An dem Steinmandli wurde weitergebaut. Offenbar über Nacht und wie von Geisterhand.

Wer steckte dahinter? Nach einer Weile wird klar: Es ist ein alter Mann aus der Nachbarschaft, Künstler und als über 80-Jähriger Vertreter der sogenannten «Silent Generation» (stille Generation). Die beiden werden Freunde.

«Der Nachbar bestand darauf, dass es kein Steinmandli ist, sondern ein Steinfraueli und zwar ein starkes», erzählt die junge Schweizerin, die inzwischen an der Uni studiert.

In Gemeinschaftsarbeit sind seither eine Reihe weiterer Steinskulpturen entstanden. Der Künstler schlug vor, das Gemeinschaftswerk als Metapher für das Miteinander der Generationen zu begreifen.

«Manchmal zittern unsere Hände und Teile der Skulptur stürzen ein. Dann versuchen wir, sie wieder aufzubauen.»

Get Together

Die Studentin nimmt an einem Sozialexperiment teil: Einen Nachmittag lang tauschen sich Vertreter:innen unterschiedlicher Generationen im Kloster Kappel über Steinmänschli, politische Haltungen, Glaube, Zukunftserwartungen und unterschiedliche Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft aus.

Mit Ausnahme der Silent Generation sind an dem Sonntagnachmittag alle Generationen von Gen Z (ungefähr zwischen 1997 und 2012 geboren und die erste wirkliche «digitale Eingeborenen-Generation») bis Boomer (zwischen 1946 und 1964 geborene Kinder der von Weltkrieg und Nachkriegszeit geprägten «Silent Generation») vertreten.

Die Generationeneinteilungen entstammen dem Marketing. Mit sogenanntem Zielgruppen-Targeting werden Konsumentengruppen möglichst passgenau adressiert. Wir wollen herausfinden, ob die Kategorisierung auch dazu taugt, vertieft miteinander und übereinander ins Gespräch zu kommen.

Bereits nach wenigen Minuten wird klar: Es wird spannend!

Deep Talking

Meist ohne es uns bewusst zu machen, hängen wir mit der eigenen Peergroup ab, also der Gleichaltrigengruppe. Die Jüngeren sind Kinder oder Enkel, die Älteren Eltern oder Grosseltern. Oft bleibt man in Rollenmustern stecken. Hinzu kommt, dass im Social-Media-Zeitalter sowieso jeder seiner Bubble verhaftet ist.

Im Grunde aber herrscht viel Neugier der Generationen aufeinander. Man muss diese bloss wecken.

Eine Möglichkeit, den Austausch zu vertiefen, ist: sich vornehmen, nicht nur miteinander über Themen zu diskutieren, sondern Motivationen und Gefühle hinter Ansichten zu ergründen. Also zu fragen:

«Wieso denkst du so darüber?» «Wie bist du dazu gekommen, so zu handeln?» «Wieso denkst du, es wird sich sowieso nichts ändern?»

Die gefühlte Sicht der Dinge

In den Sozialwissenschaften wird die tiefer liegende Geschichte als Tiefengeschichte bezeichnet. Arlie Russell Hochschild definiert Tiefengeschichte so:

«Es ist die gefühlte Sicht der Dinge, die Emotionen in Symbolsprache erzählen. Sie blendet das Urteilsvermögen und die Tatsachen aus und erzählt, wie Dinge sich anfühlen.»

Eine solche Geschichte erlaubt es Menschen, zurückzutreten und das subjektive Prisma zu erkunden, durch das eine andere Generation oder auch eine andere Partei die Welt sieht. Die subjektive Wahrheit gelangt ans Licht. Und mit ihr das vorherrschende Grundgefühl.

Apokalypse als Flatrate

Die anwesenden Millennials (bzw. Generation Y) machen darauf aufmerksam, dass sie die erste Generation sind, die praktisch nonstop medial geflutet wird. In jüngerer Zeit mit schrecklichen Krisen- und Kriegsberichten. Ein permanentes Weltuntergangsszenario.

Das zehrt an den Nerven, lähmt – und macht auch sauer.

Auch und gerade auf Ältere, die gegenwärtig an Schaltstellen sitzen (die Boomer) und, beispielsweise fürs Klima, nichts oder zu wenig unternehmen.

Mediale Krisenberichte kennen auch die Älteren. Die oftmals gebashten Boomer (Baby-Boomer-Generation bis zum Pillenknick) und die darauf folgenden Vertreter:innen der Generation X haben noch die Ausläufer des Kalten Kriegs miterlebt. Die Gefahr eines Atomkriegs war omnipräsent und Waldsterben ein Dauerthema.

Aber erst durch Social Media gibt es die Apokalypse sozusagen als Flatrate.

Was ist für dich Freiheit?

Vertreter:innen der Gen X (1965 bis 1980 Geborene) wurden mit dem Aufkommen Grüner Parteien und Anti-Atomkraftwerk-Protesten sozialisiert. Viele halten sich für ökosensibel. Im Austausch mit Jüngeren aber wird deutlich, dass auch bei uns lange Zeit Gedankenlosigkeit vorherrschte.

«Wir haben, ohne nachzudenken, hundert Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, nur um in einer neu eröffneten McDonald’s-Filiale Burger zu essen», erzählt ein Gen X. «Mit dem Auto oder Moped Strassen entlangzubrausen, war für uns Inbegriff von Freiheit.» Eine Gen Z zieht eine Augenbraue hoch und bemerkt:

«Mich mit dem Velo in der Natur zu bewegen, ist für mich Freiheit.»

Die junge Frau kann aber ihre Grosseltern verstehen, wenn sie das Auto nehmen: «Das Auto ist vertraut, ist easy. Mit dem Smartphone eine App für Bus oder Bahn downzuloaden, ist für Ältere dagegen eine erhebliche Hürde. Sie fühlen sich dann erst recht abgehängt.»

Polyamorie

Wie liebt es sich polyamorös? Das interessiert insbesondere Ältere, die selbst wenig ausprobiert haben. «In manchen Kreisen ist es inzwischen fast schon verpönt, nicht polyamorös zu lieben», berichtet eine Studentin aus Luzern. Zu sagen, man habe einen «festen Freund» oder eine «feste Freundin» komme eher schlecht an.

Treu sich selbst gegenüber: Ein Zurück in starre bürgerliche Beziehungsmodelle ist für die Vertreterin der Gen Z keine Option. Sie möchte in Beziehungen «auf jeden Fall selbstbestimmt und autonom bleiben». Auch deswegen sind für sie «Freundschaften unheimlich wichtig».

Ihre alleinerziehende Mutter habe ihr die Autonomie-Maxime eingeschärft, sagt sie mehrfach.

Noch nie hat es so viele Nachkommen Alleinerziehender gegeben wie heute.

Utopieverlust

Bei mittleren Generationen – zwischen den politisierten 68ern und der politisierten Jugend (Klimajugend, Black Lives Matter, MeToo-Bewegung) – kristallisiert sich an dem Nachmittag als Grundgefühl heraus: ein tiefsitzender Zweifel an effektiven Veränderungsmöglichkeiten von Systemen und Gesellschaften.

Die vorangegangenen 68er hatten hochfliegende Träume (darunter «freie Liebe») und sie wollten die Welt grundlegend verändern. Vieles davon aber blieb uneingelöst, erwies sich als illusionär oder hat sich beim «Marsch durch die Institutionen» zerrieben.

Die 68er waren schillernd, wir kamen uns im Vergleich dazu eher langweilig vor.

Gesellschaftlich haben wir uns, wahrscheinlich wegen des Utopieverlustes, eher wenig eingebracht. Und bewundern umso mehr die Jüngeren, die dies tun: ihr entschlossenes Festhalten an idealistischen Zielen, gerade weil Probleme und Krisen heute überhandzunehmen drohen.

«Die Hoffnung aufzugeben, ist für mich keine Option», sagt eine der anwesenden Vertreter:innen der Gen Z mit Bestimmtheit.

Die Studentin engagiert sich in ihrer Kirchgemeinde, bei einem Feminismus-Netzwerk und kümmert sich ehrenamtlich um Migrant:innen.

Ein Satz der Studentin hängt mir besonders nach:

«In meiner Generation wissen wir nicht, ob wir angesichts des Zustands der Welt überhaupt glücklich sein dürfen.»

Generation TikTok

Das wichtigste Medium der Gen Z ist das chinesische Videoportal TikTok.

«Sehr viele aus unserer Generation sind auf TikTok, was aber nicht heisst, dass wir dieses Medium alle gut finden.»

Eine junge Transperson, kurz vor der Matura, klagt über grelle Überzeichnungen durch Influencer, die ihre Transidentität in Sozialen Medien vermarkten.

«Das schadet uns, die wir im Alltag mit Unverständnis, Herabsetzung und psychischen Erkrankungen zurechtkommen müssen.»

Was von Algorithmen hochgespülte Transvideos zeigen, habe meistens nichts mit den Problemen und der  Lebensrealität von Transpersonen zu tun. «Es bietet aber den politisch Rechten Stoff für Hass und Häme.»

Die Protestjugend ist heute rechts

Überaus herzliche Verabschiedungen machen fühlbar, dass die Verständigung in weiten Teilen geglückt ist. Und dass wir trotz Unterschieden viele Überschneidungen und geteilte Anliegen haben.

Abgesehen von den Generationenunterschieden war unsere Gruppe allerdings recht homogen.

Wären wir sozial und ethnisch diverser gewesen, wären wahrscheinlich die Generationenunterschiede gegenüber anderen Faktoren in den Hintergrund getreten.

In der Schweiz funktionieren die Verständigung  und der gesellschaftliche Zusammenhalt bislang recht gut. Die Beteiligung junger Erwachsener an demokratischen Abstimmungen ist hoch, das Spektrum der gewählten Parteien je nach Thema gefächert: von links bis liberal. Anders in Deutschland. Dort rüttelt gerade eine Jugendstudie auf: durch einen erschreckenden Rechtsruck.

Fast jeder vierte (22 Prozent) der unter 30-Jährigen (22 Prozent) würde bei einer Bundestagswahl in Deutschland inzwischen seine Stimme der rechtsgerichteten AfD geben: einer Partei mit vielen alten weissen Männern.

Vor zwei Jahren waren es noch 9 Prozent. Mehr als 58 Prozent der befragten Gen Z, die die AfD favorisieren, nutzen täglich TikTok. Die Partei postet dort aggressiv gegen Migration, Grüne («vegane Klimakleber»), «Genderwahn» und «Sozialschmarotzer».

Die Autoren der Studie raten anderen Parteien dringend, mit ihren Inhalten auf TikTok nachzuziehen.

Auf die Generation Z folgt die Generation Alpha: Menschen, die ab zirka 2010 auf die Welt gekommen sind. Unter ihnen die Corona-Kinder. Welches Lebensgefühl diese teilen, wie sie in die Welt blicken und was ihre Tiefengeschichte ist, werden die kommenden Jahrzehnte zeigen.

 

Das Generationengespräch fand diesen April im Rahmen der Frühjahrs-Retraite der GKD-Abteilung Lebenswelten der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich statt.

Steinmenschlein als Generationenwerk © Livia Beeler

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