Less noise – more conversation.
Lesedauer: 6 Minuten
Alle Beiträge zu «Briefe zum Krieg»

Briefe zum Krieg, Teil 6: Ist Glaube nur eine Coping-Strategie?

In den ersten Tagen des Kriegs konnte ich nicht mehr beten. Während in Social Media #prayforUkraine viral ging und die bekannten „Sinnfluencer“ auf Instagram vorformulierte Gebete aufschalteten, erschien es mir zwecklos, hoffnungslos, leer. Ein einziges Mal nahm ich an einer Mahnwache teil, 15 Minuten Schweigen, eine Kerze in der Hand. Es tat mir in dem Moment gut, der Menschen im Krieg gedenken und selber die Angst loslassen. Eine klassische Coping-Strategie.

Aber glaube ich, dass Gebet etwas an der politischen Situation ändern kann? Ganz ehrlich? Nein.

Ich spendete mehrmals Geld, das erschien mir praktischer. Und fragte mich gleichzeitig, was mit mir als angehender Theologin und Pfarrerin falsch läuft. Ausgerechnet jetzt, wo sogar meine agnostischen Freund:innen offen sagen, dass sie beten, habe ich das Gebet als Form der Self-Care und, pointiert ausgedrückt, als Egozentrismus in Verdacht.

Was nützt das Gebet angesichts des Kriegs?

Vielleicht kam daher mein Bedürfnis, von euch, Manu, Johanna und Stephan, als Theolog:innen, die ich schätze, zu hören, wie ihr mit diesem Krieg umgeht. Weil ich selber nicht weiss, wie in diesen Zeiten Glaube zur Ressource werden kann. Ihr habt mir geantwortet mit Briefen über Gerechtigkeit, Pazifismus und zur Frage nach der Legitimation von Gewalt. Kluge, fundierte Überlegungen, die ich mitnehme. Sie zerschmettern das trügerische Bedürfnis nach einfachen Antworten – zu Recht. Gleichzeitig lassen sie mich weiter ratlos zurück.

Die Frage nach Gerechtigkeit wird nicht nur im RefLab diskutiert, sondern auch andernorts, etwa in der Sendung SRF Club. Die Kriegsreporterin Andrea Jeska stellte dort die These auf, dass die aktuellen Bemühungen, Beweise für Völkerrechtsverletzungen zu sichern, womöglich mehr unserem Bedürfnis nach Gerechtigkeit dienen als dem Ende des Kriegs oder dem direkten Schutz der Menschen dort. Obwohl das vermutlich nicht ganz stimmt, fand ich mich in ihren Worten mit meiner Verzweiflung wieder. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit, die Gebete für Frieden können Bomben nicht aufhalten.

Ist Glaube nur eine Schönwetterressource? Für mich vielleicht, ja. Aber was ist mit den wirklich betroffenen Menschen – den Menschen in Mariupol, die ihre getöteten Verwandten in Massengräbern bestatten müssen? Die damit rechnen, bald zu sterben, wie eine Ukrainerin auf Facebook schrieb, in einem eindrücklichen Text, der im Schweizer Fernsehen vorgelesen wurde? Was ist mit den Müttern, die mit ihren Kindern fliehen und nicht wissen, ob sie ihre Männer je wieder sehen – was hilft ihnen der Glaube?

Machtlosigkeit ist nicht gleich Hilflosigkeit

Ist der Glaube an Gott tatsächlich etwas, woran man sich festhalten kann? Ich weiss nicht aus erster Hand, wie die betroffenen Menschen das erleben. Doch in einem anderen Kontext bestätigt mir das zum Beispiel eine Frau aus der RefLab-Community, mit der ich regelmässig in Kontakt bin, immer wieder ganz aktiv, weil sie weiss, dass ich diese Fragen habe. Sie bezeugt, dass sie bei ihren schwersten Schicksalsschlägen den Glauben an Gott als Ressource erlebt hat. Und weil sie mir die Geschichten dazu erzählt hat, glaube ich ihr das.

So erlebe ich einmal mehr, dass Glaube in Gemeinschaft geschieht. Und dass Gott dann, wenn wir am schwächsten sind, am stärksten werden kann in uns. Und vielleicht erweist es sich erst dann, dass das keine leere Rede ist. Darauf hoffe ich und dafür bete ich gerne für die kriegsgebeutelten Menschen.

«Beten bringt nichts. Und darum bete ich», schreibt der Münchner Vikar Alex Brandl auf Instagram. «Beten ist das Gegenmodell zum Krieg. Krieg kommt heraus, wenn man sich dem unbedingten Willen zur Macht hingibt. Beten kommt heraus, wenn man sich der unbedingten Machtlosigkeit hingibt.» Und Machtlosigkeit ist nicht dasselbe wie Hilflosigkeit. Denn auch wenn der Krieg andauert, gibt es Möglichkeiten, wie wir in Westeuropa entscheidend dazu beitragen können, dass Menschen weniger traumatisiert werden sowie auf und nach der Flucht nicht frieren oder hungern müssen. Das ändert die Machtverhältnisse nicht, aber macht einen Unterschied.

Hier setzen sich auch Christ:innen und Kirchen ein – mit Informationen, Geld, Seelsorge, aber auch ganz praktisch. Es stimmt natürlich, dass diese praktische Hilfe in erster Linie «etwas Menschliches gegen die Barbarei» sind, wie du, Stephan, geschrieben hast. Und doch zeigt sich in den kirchlichen Hilfsorganisationen und Netzwerken auch eine indirekte Dimension, wie Glaube zur Ressource werden kann. Und auch, wie ich selber aktiv werden kann – als Spenderin oder als Freiwillige.

Auch eine Coping-Strategie? Möglicherweise. Aber eine mit spürbaren Nebeneffekten für die Betroffenen.

Frühling – hier wie dort

Letzte Woche hat einer meiner Theologie-Profs für das wöchentliche Seminar einen Zoom-Call mit einem orthodoxen Theologen in der Ukraine organisiert. Der Deutsch sprechende Professor machte für uns einen kurzen Abriss über die Entstehung der ukrainisch-orthodoxen Kirche machte und erklärte ihr Verhältnis zur russischen Mutterkirche. Nach der Aufgabe der Kirche im Krieg gefragt, nannte er die Diakonie, aber auch die Selbstkritik: Die Kirche müsse sich fragen, inwiefern sie zu Entwicklungen, die schliesslich in den Krieg mündeten, beigetragen habe.

Während der Theologe sprach, weinte im Hintergrund immer lauter ein kleines Kind. Schliesslich holte er seine Tochter zu sich und nahm sie auf den Schoss. Dort, wo er im Moment sei, sei es sicher, sagte er gelassen; die Ukraine sei sehr gross und die Angriffe relativ weit weg. Doch mir schnürte sich die Kehle zu. Ich wünsche diesem Kind so sehr, dass es eine friedliche, fröhliche, sichere Zukunft hat.

Einen Monat alt ist dieser Krieg jetzt, und während die russische Armee nicht nachgibt mit ihrem Angriff auf die Ukraine, hat sich der Frühling eingeschlichen. Wir sitzen über Mittag an der Sonne, die Vögel pfeifen. In den ersten beiden Wochen des Kriegs war es das vordringlichste Gesprächsthema in meinem Freundeskreis: Wie können wir hier in der Schweiz unser schönes, sicheres Leben leben, uns über Alltägliches sorgen und freuen, während ein paar Hundert Kilometer entfernt Menschen ihr Zuhause – und einige ihr Leben – verlieren?

Paradoxerweise geschieht Ähnliches in der Ukraine selbst: Auch in Kiew lockt die Sonne die Menschen auf die Strasse, wie der ukrainische Fotograf Lesha Berezovskiy in der Bildkolumne in der Republik dokumentiert. «In den letzten Tagen war die Stimmung eigentlich recht optimistisch», schreibt er. «Vermutlich haben wir uns nach drei Wochen auch einfach der neuen Realität angepasst.»

Das darf uns nicht beruhigen, die Schrecken, die in Mariupol und an anderen Orten passieren, nicht relativieren. Es zeigt schlicht und einfach, wie psychologische Mechanismen greifen, die uns auch schützen. Doch die Auseinandersetzung damit, was unsere – meine – Rolle in dieser Situation ist, geht weiter. Beten, hadern, handeln.

Illustration: Rodja Galli

What do you think of this post?
  • OMG! (3)
  • Karma-Boost (9)
  • Deep (26)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

6 Kommentare zu „Briefe zum Krieg, Teil 6: Ist Glaube nur eine Coping-Strategie?“

  1. Atemlos treiben wir durchs Leben. Unsere Leistungs-, Spass- und Konsum-Gesellschaft lässt uns nie zur Ruhe kommen. Der Krieg in Europa verschärft diesen Druck und wird unerträglich für viele Menschen. Alles ist im Wandel, Veränderung und Vergänglichkeit ohne Ende. Wir flüchten uns in Abwechslung und Zerstreuung, auch die Kirche kann uns Trost bieten, leider werden nicht alle fündig. Wir suchen weiter. «Der Christ des 21. Jahrhunderts wird Mystiker sein – oder er wird nicht sein.» So hat es Karl Rahner ausgedrückt. Erstaunlich, das war kein Esoteriker. Rahner war ein katholischer Theologe und gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts.

    Willigis Jäger definiert drei Wege zu Gott: «Dem Göttliche kann man sich auf verschiedene Weise näheren – Die institutionelle Ebene: Wir können uns Gedanken machen über Gott und die Welt. Gott wird gesehen als der Schöpfer und machtvolle Herrscher. Ihm gilt es zu gehorchen. Die intellektuelle Ebene: Der Weg der Religion. d.h. der Weg des Kultes, des Ritus, der Zeremonie, der Sakramente und der Weg des Studiums der Heiligen Schriften. Der Mensch hat seinen Intellekt erhalten, um Religion zu verstehen. Dieses Verständnis bleibt allerdings Teil der Ichaktivität. Diese Ebene ist legitim, aber letztlich unbefriedigend. Sie deutet nicht unser Menschsein. Die mystische Ebene: In ihr kommen die Egokräfte und die Ichaktivität zur Ruhe. Das Ich soll schweigen, damit das Auftauchen kann, was die Mystik das «wahre Wesen» nennt. Jesus nennt es Reich Gottes. «Das Reich Gottes ist in euch» lehrt er uns.»

    Etwas überspitzt gesagt, in der Kirche betet der Pfarrer für uns. Wenn wir die mystische Ebene betreten müssen wir selber beten. Wir tragen aber die Verantwortung für unsere Handlungen, der Weg in die Selbstverantwortung. «Setze alle Kräfte ein – Philosophie, Arbeit, Gebet und Meditation. Setze alle Segel, fahre mit Volldampf, und erreiche das Ziel. Je eher, desto besser.» Religion darf nicht länger eine Idee, eine Theorie oder Verstandes-angelegenheit bleiben, sie muss unser Wesen durchdringen. Sie ist weder Worte noch Lehre, sie ist inneres Erlebnis. Religion ist nicht Hören und Hinnehmen, sie ist Sein und Werden. Das, woran die Seele glaubt, das, was sie anbetet, zudem muss sie werden. Das ist Religion.» sind die klaren Worte Vivekananda`s. Brechen wir auf.

    1. Jürgen Friedrich

      Den „drei Wegen“ von willigis Jäger (institutionell – intellektuell – mystisch) ist unbedingt 1 vierter Weg voranzustellen, nämlich die Verkündigung durch Jesus. Gereimt geht das so:

      GOTTES REICH
      Freeware von Jürgen Friedrich
      28.3.2022

      Jesus Christus spricht:
      Erkennt ihr es denn nicht ?

      Ob geträumt, ob erlebt – alles gleich :
      Die Wirklichkeit ist Gottes Reich !

      Im Zentrum aller Ewigkeit
      erschafft sich Gott im Mensch die Zeit.

      Religionen rüsten zu
      im Einzelnen das ICH und DU.

      Durch ZEIT im SEIN als Phänomen
      lässt Gott sich in die Karten seh’n.

      Kein Mensch kann ganz zu Staub zerfallen,
      Heiligkeit steckt in uns allen.

      Schließlich wir doch alle sind
      ganz bestimmt von Gott ein Kind.

      Der kollektive Heiligenschein
      verwandelt „unsre“ Zeit zum Sein.

      Dabei steckt die Wirklichkeit
      vollständig in der Zwischen-Zeit.

      Nur v o r Zukunft, n a c h Vergangenheit
      d a ist Gottes Wirklichkeit.

      Mit anderen Worten: Illusion
      ist das Wesen von Religion.

      P. S.
      Trotzdem entlarvte sie SEMITISMUS
      schlichtweg als Raubtier-Kapitalismus.

      Darum kam Antisemitismus daher
      durch ABRAHAM und seine Hebräer.

      Leider klappte der A. bis heute nicht richtig,
      wodurch dieses Gedicht ist richtig wichtig…

      „Den Medien“ ist klar zu machen,
      wie sie verkünden „bessere Sachen“.

      Zum Beispiel, dass der Kapitalismus
      sowas ist wie Kannibalismus.

      Vorgeführt in Putins Ukraine-Krieg,
      wird A. zum Endsieg.

      In logischer Konsequenz sollten Christen ( = „reformierte Juden“) – und vor allem „die Medien“ – den von den Semiten ererbten Raubtier-Kapitalismus ernst nehmen. Es gilt, die Definition, wer oder was „jüdisch“ ist, neu abzustimmen mit Jeremia 4,3, wo es um die von Gott gewünschte Art der Beschneidung geht.

      Das gilt auch für Christen ( = reformierte Juden !) und zwar keineswegs nur für Männer. Statt Beschneidung der Vorhaut ist bei Jeremia die Rede von der Beschneidung des Herzens.

      War in „grauer Vorzeit“ im Kirchen-Kanzel-Christentum alleine die Kanzel der Ort der Verkündigung, so kamen in der Neu-Zeit der Buchdruck, die Universitäten,Tageszeitung, Theater, Radio, Fernsehen und vor allem das Internet hinzu.

  2. Peter Hofmann

    Liebe Evelyne Baumgartner, danke für die Ungereimtheiten, die Sie im Zusammenhang mit dem Fürbittegebt benennen. Ihrer Frage: „Glaube ich, dass Gebet etwas an der politischen Situation ändern kann?“ stelle ich eine andere Frage an die Seite: „Ist es nicht eine besondere Geste der Barmherzigkeit Gottes, uns in der totalen Ohnmacht nicht untätig und allein zu lassen?“

    Für einen lieben Menschen, der vom Tod bedroht ist, nicht beten zu können, vermag ich kaum auszuhalten. Mich ohnmächtig zu geben angesichts der bombardiert werdenden und sich auf der Flucht befindenden Bevölkerung, ist für mich als Mensch des Gebets (ich bin Ref. Pfarrer) keine Option.

    (Psalmen) Beten und Fürbitte halten sind für mich gerade aktuell nicht mehr nur Pflicht der Nächstenliebe, nicht mehr nur Bedürfnis, sondern purer Zwang, der mich überkommt.

    Vermag ich auch kaum wahrzunehmen, wie und wo Rettung möglich sein soll, ich höre doch nicht auf, daran zu glauben und darauf zu hoffen. Für andere beten können, weil grosse Not keinen anderen Ausweg mehr offen lässt! Was für eine kriegsgeschädigte Bevölkerung getan werden kann, aber auch alles, was überhaupt geschieht, gerät dadurch, dass es vor Gott gebracht wird, in einen Horizont grundsätzlicher Hoffnung.

    Die Hände sind zwar gebunden. Solche Wehrlosigkeit erzürnt. Aber vielleicht ist es gerade der Schmerz, der es uns als Gnade begreifen lässt, die Hände noch falten zu können? Das oft zitierte Wort des Kirchenvaters Augustinus (354-430): „Die Kirche hätte keinen Paulus, wenn Stephanus nicht gebetet hätte“, unterstreicht für mich die Bittkraft, die in uns liegt. Oder, als theologische Frage formuliert, die ich eingangs bereits stellte: Ist es nicht eine besondere Geste der Barmherzigkeit Gottes, uns in der totalen Ohnmacht nicht untätig und allein zu lassen?

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber Herr Hofmann, danke für Ihren Kommentar. Da kann ich gut mitgehen – dass wir überhaupt eine Beziehung zu Gott haben können und mit Gott kommunizieren können, ist Gnade, ja. Diese „Bittkraft“ aufgrund des Augustinus-Zitats hingegen, dieser Kausalzusammenhang, den er herstellt, stelle ich infrage.

      1. Jürgen Friedrich

        Die „Gnade der Kommunikation mit Gott“ führt mich weiter. Nämlich hier hin :

        Das Denken von Gedanken ist ein geistiger Prozess. Das Erfinden der „Gedenkkultur“ spiegelt religiöse Traditionen. Sehen die Veranstalter von Gedenk-Veranstaltungen einen Bezug zum „Erfinder des Denkens“ ?

        Zum Beispiel brachte es der letzte Vorkriegs-Rabbiner Hamburgs (Carlebach) „auf die Formel“, dass die Nazi-Gräuel „eine Fortschreibung biblischer Vergeltung gegen das auserwählte Volk“ seien, also „die Handschrift Gottes“.

        Wenn er Recht hatte, können wir den Putin-Krieg ebenso einordnen. Dieses Mal allerdings nicht „gegen die Juden“, sondern gegen deren Abkömmlinge, die Christen. Das geht uns alle an, oder ?

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.