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Briefe zum Krieg, Teil 7: Träume der Kriegsenkel

Damit haben wir den spezifischen, gerade jetzt passierenden Krieg einigermassen auf Distanz gehalten. Wir haben tatsächlich nichts darüber gesagt, was der Krieg mit uns als Menschen und Zeitzeugen macht, aus den je eigenen biografische Hintergründen hinaus. Oder genauer: was die Medienbilder vom Krieg mit uns machen, denn in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich befinden wir uns in relativ bequemer und sicherer Distanz.

Schreckensbilder des Krieges können bei Menschen, die selbst durch die Kriegshölle gegangen sind, Retraumatisierungen bewirken. Angststrudel, Panikattacken. Ein iranischer Talkshow-Gast im deutschen Fernsehen ist mir in Erinnerung geblieben. Er sagte, es retraumatisiere ihn, was man jetzt aus der Ukraine zu sehen bekomme. Er habe als Kind selbst viele Male in Luftschutzkellern in tiefer Angst gehockt. Gefühle von damals kämen jetzt wieder hoch.

Alpträume vom Krieg

Ich bin ein Kind der Friedenszeit. Meine Elterngeneration aber gehörte zu den Kindern in den Luftschutzbunkern des Zweiten Weltkriegs. Ein Grossvater kämpfte aufseiten der Nationalsozialisten und wurde verwundet, der andere war Kriegsflüchtling. Sie sahen und erlebten Schreckliches und taten es vielleicht auch. Worüber ich aus persönlicher Betroffenheit berichten kann, ist also die Gefühlswelt der Kriegsenkel – und wie Kriegsenkel Krieg erleben.

Seit einigen Jahren boomt die Kriegskinder- und Kriegsenkelforschung. Die Kriegsenkel sind diejenigen, deren Probleme verglichen mit Traumatisierungen, Scham- und Schuldgefühlen der Kriegsgenerationen als Zipperlein erscheinen. Was habt ihr? Es ging euch doch wunderbar! Ihr hattet alles: Frieden, ein sicheres Zuhause, relativen Wohlstand.

Die meisten von uns haben sich die längste Zeit gar nicht als Kriegsenkel angesehen. Vermehrte Publikationen und Zeugenschaften Betroffener aber lenken zunehmend Aufmerksamkeit auf Folgegenerationen, z.B. das Buch und der Film «Der Krieg in mir» von Sebastian Heinzel oder Publikationen der Sozialwissenschaftlerin Ingrid Meyer-Legrand.

Gefühlskälte und Schweigen

Es gibt verblüffende Gemeinsamkeiten: Kriegsenkel kennen dumpfes Schweigen und eine merkwürdige Beziehungskälte in Familien, Vergangenheitsthemen sind tabu, über Emotionen wird hinweggegangen, die innerfamiliäre Kommunikation und Beziehungen sind gestört; Gefühle der Bodenlosigkeit und Unsicherheit erschweren es den Kindern der Kriegskinder, einen festen Stand im Leben zu finden; psychische Brüchigkeit, innere Unruhe, das Gefühl, nirgends anzukommen, und Neigung zu Depressionen sind verbreitet. Und Kriegsenkel träumen schlecht.

Ein typischer Kriegstraum geht so: Das Elternhaus ist eine rauchende Ruine. Beschuss aus der Luft und von allen Seiten, Wände stürzen ein, Scheiben bersten, dichter schwarzer Qualm, tödliche Feuerblitze, splitternde Explosionen. Ich bin inmitten der Trümmer allein und möchte davonstürzen. Es ist immer die Perspektive der Flüchtenden.

Gefühle absoluter Ausweglosigkeit, des Untergangs und der Angst lähmen mich. Die vertraute Landschaft blitzt im gleissenden Licht explodierender Feuer sekundenlang auf und stürzt wieder in die Dunkelheit. Violette, orange und schwefelgelbe Blitze zerreißen die Nacht. In der Ferne fliehen Schatten. Einen panischen Moment lang zögere ich, ob ich mich in der rauchenden Kriegsruine verstecken oder laufen soll. Dann stürze ich durch die explodierende Weltuntergangslandschaft davon …

Allein mit der Apokalpyse

Es sind Szenen von Weltenbrand und apokalyptische Landschaften, Kämpfe ums nackte Überleben. Der Alptraum kehrt seit früher Kindheit in fast unveränderter Form immer wieder. Woher kommen solche Bilder? Kann man sie erben? Oder schnappt man sie unbewusst auf, beispielsweise aus Kriegsfilmen, und verinnerlicht sie? Und was macht es mit einem, solches Chaos in der Seele zu haben?

Viele Jahre lang dachte ich, es sei normal, solche Alpträume zu haben, und schenkte ihnen nicht sonderlich Aufmerksamkeit. Heute denke ich, dass es wichtig ist, inneren Bildern nachzugehen. Psycholog:innen können bei der Bergung verschütteter Erinnerungen und Emotionen helfen. Und im Fall der Kriegsenkel kann Ahnenforschung Licht ins Dunkel der Seelen bringen, weil Schlüssel für Probleme oft vor der eigenen Geburt liegen.

Mein innerer Krieg kann losbrechen und mich emotional überschwemmen, ausgelöst durch bestimmte Trigger. Das ist eine noch relativ junge Einsicht. Schon allein das Wissen darum hilft mir beim Umgang mit zerstörerischen Kräften in mir selbst. Auch weiss ich inzwischen, dass sich an die Kriegsbilder der Seele andere Emotionen angelagert haben, etwa die Sorge des Kindes vor dem Zerfall der bergenden und später tatsächlich geschiedenen Ehe der Eltern.

Stress ist erblich

Wenn ich weiss, dass mein Grossvater sein Zuhause Hals über Kopf verlassen musste; dass er mit seinen Angehörigen durch den Kugelhagel flüchtete; dass er sich in Gebäuden aufhielt, die aus der Luft beschossen wurden; dass er Tote auf Strassen liegen sah; dass er solche Bilder mitbrachte, bevor es uns gab, dann kann ich dieses Wissen mit meinen inneren Bildern abgleichen.

Wenn nicht Bilder, so können zumindest Prädispositionen des Stresses vererbt werden. Davon geht jedenfalls die noch junge Forschung der Epigenetik aus. Man kann es sich wie Schalter vorstellen, die umgelegt werden. Teile des Genoms werden in chronischen Extremsituationen an- oder ausgeknipst – und eben diese Struktur werde mitvererbt. Einschlägige Forschungen dazu gibt es in Zürich. Eine ausgewiesene Expertin an der ETH auf diesem Gebiet ist Isabelle Mansuy.

Ich glaube, vererbte Traumata beeinflussen sogar die Art, wie wir Religion leben, wie wir glauben oder, um Evelyne zu zitieren, wie wir Gott und den Glauben als «Ressource» erfahren oder eben nicht. Ich glaube, die Bedürftigkeit nach Aufgefangenwerden und Sinn ist bei allen Menschen gross, aber der Seelenuntergrund, das Urvertrauen ist bei manchen brüchiger als bei anderen.

This is my land, god gave this land to me …

Immer ist irgendwo auf der Welt Krieg. An blutige Dauerkriege, etwa Stellvertreterkriege in Nahost, mit direkter oder indirekter westlicher Beteiligung, haben wir uns längst gewöhnt. Ungewohnt ist für uns Nachkriegsgeborene, dass ein Grosskrieg wieder in Europa gekämpft wird, gefühlt vor der eigenen Haustür.

Die Künstlerin Nina Paley hat mit «This Land is Mine» ein eindrucksvolles Animationsvideo zu endlosen Kämpfen um vermeintlich «gelobtes Land» gemacht. Warum geht es immer und immer weiter? Warum kommt es immer wieder zu blutigen Exzessen? Ich denke, innere und äussere Kriege hängen irgendwie zusammen. Sie scheinen sich wechselseitig zu befeuern. Mit »Erbsünde» sind wohl auch solche Verstrickungszusammenhänge gemeint.

Wir führen Krieg, weil wir nicht ruhig werden, und wir werden nicht ruhig, weil wir Krieg führen.

Weltkrieg, Stalins Terrorkampagnen und Holocaust: Eine besondere Tragik des Ukrainiekriegs liegt darin, dass das Gebiet neben Weissrussland, Westrussland und den baltischen Staaten schon in der Vergangenheit zu den besonders gewaltbetroffenen Gegenden zählte, den «Bloodlands», wie der Historiker Timothy Snyder es nennt. Jörg Baberowski spricht in einem hörenswerten Interview von der Ukraine als «vernarbtes und versehrtes Land». Und es sei natürlich noch in den Köpfen der Nachfahren. «Das ist einer der Gründe dafür, dass das kein Ende nimmt.»

Angst um mich, die ich in der sprichwörtlich «sicheren Schweiz» lebe, habe ich nicht. Aber ich weiss, ich wäre keine todesmutige Kämpferin in militärischen Auseinandersetzungen um irgendein Stück Land. Ich würde, wenn ich könnte, wahrscheinlich fliehen. Ich würde davonstürzen, so wie ich es zahllose Male in Träumen geübt haben. Aber dem inneren, geistigen oder spirituellen Kampf – manchmal auch grosser Krieg oder «grösserer Dschihad» genannt – stelle ich mich sehr wohl. Hierin typisch Kriegsenkelin.

Die Enkel forschen, arbeiten stellvertretend für die Grosseltern- und Elterngeneration das Kriegserbe auf, durchbrechen das Familienschweigen. Post-Memory-Writing, erwachsen aus der psychologischen Holocaust-Aufarbeitung, hat sich in den letzten Jahren zu einem breiteren Genre entwickelt. Prozesse des Verstehens und Verzeihens sind in Gang gekommen; Verständnis auch dafür, das kriegstraumatisierte Generationen schweigen und Probleme unbearbeitet hinterlassen.

Knapp drei Wochen vor Kriegsausbruch hatte ich wieder meinen Kriegsalptraum. Es gab aber eine Abweichung. Er spielte diesmal nicht im Elternhaus, sondern im Nachbarhaus, dem Haus der Grossmutter. Dieses wurde von allen Seiten beschossen und zusätzlich aus der Luft bombardiert, aber ich war zum ersten Mal nicht allein. Ausser meiner längst verstorbenen Grossmutter war auch mein osteuropäischer Grossvater da. Ich sagte zu den beiden: «Wow, jetzt erleben wir, was ihr erlebt habt.»

Kraft durch Schwere

Als der Krieg in Osteuropa ausbrach, fühlte ich wie die allermeisten: Es kam als Schock. Es fühlte sich an, als habe jemand unerwartet mit einem dumpfen Gegenstand auf meinen Kopf geschlagen. Wie ein Ascheregen legte sich ohnmächtiges Entsetzen auf alles: auf die Seele, den Frühstücks- und Abendessenstisch und bestäubte selbst die frischen Frühlingsblüten in der Mittagssonne grau.

Du wachst auf und dein erster Gedanke ist: Es ist Krieg, vielleicht der Beginn des Dritten Weltkriegs. Aber es setzte bald ein Gewöhnungseffekt an Kriegsnachrichten ein. «Unverminderte Kämpfe in der Ukraine»: Aha, wie gestern, vorgestern und voraussichtlich morgen und übermorgen. Was aber bleibt ist der Eindruck des Absurden und vollkommen Sinnlosen.

Schätzungsweise jedes zweite Kriegskind erleidet Traumatisierungen. Traumata werden an Kinder, die bei traumatisierten Eltern aufwachsen, weitergegeben: in die zweite, dritte Generation, und vielleicht noch weiter. Aus durchlittener Schwere kann aber eine besondere Kraft erwachsen.

Grafik: Rodja Gallli

Mein Blogbeitrag über das laufende Flüchtlingselend findet sich hier.

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