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Betrunkenes Schicksal

Bei der ARD-Talkshow «Hart aber fair» am elften Tag seit Beginn des aggressiven russischen Angriffskriegs auf die Ukraine war vergangenen Montag eine deutsche Reporterin von der Grenze zugeschaltet. Schiere Betroffenheit liess die Journalistin aus der Rolle fallen. Sie gestand ihre Fassungslosigkeit angesichts des realen menschengemachten Grauens ein. Zur Aussicht, dass in den kommenden Tagen weitere Millionen Menschen in derselben Weise davonstürzen würden, sagte sie: «Das ist nicht zu begreifen.»

Viele unter Schock stehende Flüchtende, berichtete die Reporterin, legten Wert darauf, nicht für Flüchtlinge gehalten zu werden. «No refugees!». Sie seien nur verreist. Besonders einprägsam sei die gespenstische Stille der Kinder. Die Kinder, die es in überfüllten Zügen oder Autokolonnen bis zur Grenze schaffen, sind so stark verstört, dass sie keinen Mucks mehr von sich geben. Sie haben ihr bisheriges Leben Hals über Kopf verlassen. Sie spüren, dass ihre Eltern oder Grosseltern ihnen keine Sicherheit mehr geben können, keinen Halt, keinen Schutzraum.

Geschichte wiederholt sich

Ich kenne die Geschichte einer Familie, die durch den russischen Kugelhagel aus Osteuropa geflüchtet ist. In einer ersten Etappe konnte sich die Familie bis nach Berlin durchschlagen: ein Ehepaar mit einem Kleinkind und der Schwiegermutter. Sie kamen bei einer Verwandten unter. Diese stellte eilig Notbetten für die Flüchtlingsfamilie auf.

Für das Kind errichtete die Tante im Wohnzimmer ein improvisiertes Lager aus zwei zusammengerückten Fauteuils. Anfangs schien das Nachtlager bequem. Im Laufe der Nacht aber rutschten die Fauteuils immer weiter auseinander. Das kleine Mädchen sank samt Bettzeug in den Spalt dazwischen. Das Kind war zu klein oder zu verstört, um sein Unglück mitzuteilen. Es kämpfte die ganze Nacht über mit den Fauteuils.

In Luftschutzbunkern brach manchmal überraschend Fröhlichkeit aus. Das kleine Flüchtlingsmädchen aber blieb ernst und stumm. Frauen versuchten, es zum Lächeln zu bringen. Es liess sich aber nicht aufheitern. Plötzlich aber ahmte es die scherzhafte Attitüde der Erwachsenen nach. Es artikulierte halb ernst und halb keck die deutschen Worte «Vollständig ausgeschlossen! Vollständig ausgeschlossen!»

Als das Kind die Wirkung der kleinen Performance bemerkte, wiederholte es die Bemerkung, deren Bedeutung es nicht kannte. Es schwang dazu lächelnd die Beine. Dann verstummte das Kind wieder. Es machte den restlichen Abend keinen Mucks mehr. Die fremd klingenden Worte »Vollständig ausgeschlossen« hatte die Zweijährige während der Flucht so häufig gehört, dass sie sich eingeprägt hatten.

Die geschilderte Szene im Luftschutzkeller spielte sich 1944 ab. Es regnete Bomben auf Berlin. Gleichzeitig rückte die Rote Armee vor. Die Familie packte ihre wenigen Habseligkeiten und zog weiter: einem mehrere Jahre andauernden Flüchtlings- und Hungerelend entgegen.

Die Kinder verstummen im Krieg. Ihre Kindheit zerbricht im Kriegslärm lautlos.

Prägungen, die mit harten Schlägen verbunden sind, mit schockartigen Einschlägen, gehen am tiefsten. Die gespenstisch stillen Kriegskinder erfahren Prägungen für das gesamte Leben. Der Boden wird ihnen unter den Füssen weggerissen. Das Urvertrauen wird gestört oder zerstört. Wenn sie Glück haben, kommen sie mit dem nackten Leben davon.

Wie sich die Szenen von damals, der Weltkriegszeit, und heute gleichen! Nur sind die Bilder heute in Farbe. Die Menschen tragen nicht Ledertaschen, sondern ziehen Trolleys hinter sich her, die gleichen, mit denen Menschen andernorts weiter in den Urlaub fahren. Die Baumwollrucksäcke der Vergangenheit wurden mit Nylonrucksäcken vertauscht, Wollmäntel mit wattierten Jacken. Die Winter aber sind im Osten immer noch schneereich, frostig und hart.

Betrunkenes Schicksal

«Alone now on an alien road», ist der Titel eines Fluchtgedichts der lettisch-australischen Dichterin Erna Kikure. Diese musste selbst überstützt die Heimat verlassen, im russischen Kugelhagel, vor knapp 80 Jahren. Sie fühlte sich aus dem Zuhause, dem Elternhaus, in dem ihr nussbraunes Klavier stand und ihre Zeichnungen an den Wänden hingen, jählings in eine Wüste versetzt, wie Moses, und einem «betrunkenen Schicksal» ausgeliefert.

«Alone now on an alien road/ I swirl my cane/ around my head with an angry joy/ that such walking is allowed …/ That walking like that is allowed/ like Moses in the desert/ where the wind blows my rags about/ like a royal coat,/ that walking like this is allowed/ like a horse at midnight,/ when the driver is drunk./ My fate is drunk/ and lies in a deep sleep,/ I cannot to/ ask it anything or know what to do./ I swing my cane/ around my head in good joy/ that such walking is allowed».

[Übersetzung ins Englische: Inese Birstins]

Die Ballung an Dramatik der letzten Tage versetzte auch viele in eine dumpfe Schockstarre, die nicht an Unglücksorten ausharren, geflohen oder durch Verwandte und Freunde in Krisengebieten persönlich betroffen sind. Es ist eine Form von innerer Lähmung und Leere, die mit dem Gefühl der Ohnmacht zusammenhängt.

«Wenn der Blick gegen innen geht, hören wir nicht auf mitzufühlen. Wir werden stiller und hoffen, dass uns Hoffnung findet, dass wir durchatmen, statt schnauben und Glauben finden, dass wir alle hoffentlich bald wieder aufatmen dürfen», schreibt Stephan im Newsletter des RefLab zur Fastenzeit.

Ich höre die Stimmen derer, die nach Corona jetzt Putin, den Krieg, Europa oder Geopolitik erklären. Ich kann es aber nicht von einem lauten Rauschen unterscheiden. Ich möchte das Stimmengewirr nicht zusätzlich vergrössern. Ich möchte mir nicht vorstellen, was einem einsamen Mann, der an den Stirnseiten immer länger werdender Tische sitzt, durch den Kopf gehen mag. Es scheint jetzt, da der Kriegssturm entfesselt ist und seine fatale Eigendynamik alle Vorstellungen sprengt, sekundär.

Gelegenheiten, zu spenden, zu helfen, gemeinsam zu beten oder sich über die Lage auszutauschen (Auswahl):

Foto: Mirek Pruchnicki, Ukrainian children are fleeing Russian aggression, Przemyśl, 27 February 2022, Wikimedia Commons.

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