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Zur Freiheit befreit

Sollten die Ukrainer nicht einfach kapitulieren? Dann wäre zwar vielleicht noch kein Friede aber wenigstens auch kein Krieg mehr. Ich finde diese Haltung sehr gefährlich und glaube nicht, dass sie zu Frieden führt.

Nicht dein Krieg

Das offensichtliche Problem hinter dieser Haltung liegt zunächst darin, dass wir, in beheizten, nicht zerbombten Kaffees, Wohnzimmern und Bars, schlicht nicht in der Lage sind, darüber zu urteilen. Es ist beinahe frech und es ist unsolidarisch. Es bedeutet:

Das ist zwar nicht mein Krieg. Aber wenn ich in dieser Situation wäre, möchte ich nicht kämpfen. Das lohnt sich nicht.

Sicher gibt es auch in der Ukraine Menschen, die alles dafür tun würden, dass dieser schreckliche Überfall endet. Aber sie wünschen sich das als Betroffene, Verängstigte, Traumatisierte. Sie haben dazu jedes Recht.

Falsch gerechnet

Ein Beobachter, der eine Gleichung aufstellt, die zeigen soll, dass die Rechnung zwischen geopferten Menschenleben und möglicherweise erkämpfter Freiheit nicht aufgeht, rechnet falsch. Da die Würde des Menschen unveräusserlich ist, kann sie nicht mit anderen Gütern abgewogen werden. Prinzipiell. Es gibt in der Tradition der europäischen Aufklärung, die wir selbst sind, niemals eine Gleichung, in der Menschenleben mit irgendwelchen Zwecken, Zielen oder Gütern verrechnet werden können.

Demokratie und die Freiheit von willkürlicher Staatsgewalt sind nicht nur irgendwelche Optionen, die viele Menschen in westlichen Gesellschaften schätzen gelernt haben, sondern Ausdrucksformen und zugleich Bedingungen menschlicher Würde.

Wer für sie kämpft, tritt für ein bestimmtes Menschenbild ein. Dass man für sie kämpfen muss, ist nicht das Resultat einer Geringschätzung menschlichen Lebens auf Seiten derer, die dafür streiten. Sie haben das nicht gewählt. Ihr Leben und ihr Zusammenleben, ihre Freiheit und Würde werden fundamental bedroht und zerstört. Es bricht über sie herein, wie eine Naturgewalt. Es ist kein Handelsgeschäft.

All in

Giovanni Di Lorenzo erinnert in der aktuellen Ausgabe der «Zeit» daran, dass dieses Menschen- und Weltbild keine Selbstverständlichkeit darstellt. Vor vier Jahren habe Putin damit gedroht, mit schärfsten Waffen auf jeden Entschluss zu reagieren, der Russland auslöschen wolle. Auf die Nachfrage, ob das nicht das Ende der Welt überhaupt bedeuten würde, soll Putin lakonisch geantwortet haben: «Ja, das wäre eine Katastrophe für die Menschheit und die Welt. … Aber warum bräuchten wir eine Welt ohne Russland?»

Niemand weiss genau, was Putin genau damit meint, dass jemand Russland auslöschen möchte. Und man kann sich nur schwer vorstellen, was Russland in seinem Denken bedeuten muss, dass mit ihm der Sinn der Welt und der Menschheit steht und fällt.

Es ist aber glaubwürdig, dass es für Putin Ideale gibt, die wichtiger sind als das eigene Überleben oder das seiner Kinder.

Kein Gedanke könnte uns Menschen des Westens ferner sein. Und wir erschrecken, wenn wir feststellen, dass andere bereit sind, alles zu opfern wofür wir leben: Terroristische Selbstmörder oder autokratische Herrscher. Es ist nur schwer vorstellbar, dass unsere Empörung sie zur Vernunft bringt. Und es ist hilflos, sie verstehen zu wollen.

Teure Freiheit

Aber auch das versuchen manche. Ja, Nato-Staaten hatten versichert, auf eine Osterweiterung zu verzichten, als die UdSSR zusammengebrochen ist. Aber die Osterweiterung ist nicht das Ergebnis westlichen Werbens um ehemalige Ostblock-Staaten. Diese Staaten haben den Nato-Beitritt erbeten. Er ist eine Folge ihres eigenen Selbstverständnisses und ihrer weltpolitischen Ausrichtung. Und er gehört zu den Möglichkeiten souveräner Staaten. Aber stets hat man solche Erweiterungen diplomatisch abgesichert und begleitet. Um Russland nur ja nicht zu irritieren.

Ausgerechnet als Europäer:innen wissen wir, dass manchen Herrschern nicht mit gutem Zureden beizukommen ist. Nicht die Appeasement-Politik sondern der entschlossene Kriegseintritt der USA und der erbitterte russische Verteidigungskampf  haben das Blatt gewendet.

Nicht auszudenken, wie unsere Welt heute wäre, wer wir alle wären, wenn die Alliierten Milchbüchlein-Rechnungen angestellt hätten. Wir leben heute in einer Freiheit, die Millionen von Menschenleben gekostet hat.

Ja, Waffen und Aufrüstung bringen keinen Frieden. Aber wer dem bewaffneten Konflikt ausweicht, wird ihn auch nicht finden. Hoffentlich kommt es nicht dazu. Es wäre schrecklich. Unvorstellbar. Aber es kann soweit kommen. Wer den Frieden wirklich will, muss auch bereit sein, Krieg zu führen. Für uns könnte das heissen, ab sofort auf russisches Gas und Erdöl zu verzichten, das die Waffen finanziert, die Putins Krieg ermöglichen.

Nicht dein Krieg?

Man muss darum nicht vor Angst erstarren. Man darf hoffen, dass es keinen noch grösseren Krieg gibt. Aber vor allem sollten wir mit den Opfern solidarisch sein. Die Rechte der Ukrainerinnen werden gerade mit Füssen getreten. Ihnen zu empfehlen, die eignen Füsse still zu halten, macht uns zu feigen Komplizen.

Es ist (noch nicht?) unser Krieg. Gott sei Dank! Aber die Menschen in Russland, die jetzt gegen Putins Krieg auf die Strasse gehen und die Ukrainer und Ukrainerinnen, die gegen die Invasoren kämpfen, streiten auch gegen den Angriff auf unsere Werte, kämpfen für Freiheit und gegen ein totalitäres Regime. Können sie diesen Krieg gewinnen? Was hiesse es überhaupt, ihn zu gewinnen?

Wahrscheinlich geht es darum, so lange auszuhalten, bis Russland ökonomisch oder politisch einbricht.

Uns kosten die westlichen Werte vergleichsweise wenig. Aber jetzt ist uns klar: Putin darf nicht gewinnen! Nicht indem er einen Weltkrieg über uns bringt aber auch nicht indem er die Ukraine zerstört und einnimmt. Was es dazu braucht? Wahrscheinlich die Entschlossenheit weiter Teile der Welt, Russland mit Sanktionen zu isolieren und den verzweifelten Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer, die diesen Massnahmen die notwendige Zeit verschaffen. Und ganz sicher keine westlichen Youtube-Experten, die ihre Fassungslosigkeit in die Welterklärungen Daniele Gansers und seiner Freunde einhüllen.

Mitgefühl

Das Schicksal anderer ist manchmal schier nicht auszuhalten. Wir möchten irgendwelche Gründe finden, weshalb sie von Unglück, Krieg und Gewalt heimgesucht werden. Und insgeheim hoffen wir, in diesen Gründen ein Beruhigungsmittel gegen die Angst vor der eigenen Zukunft zu finden.

Man kann dieser Angst aber auch anders begegnen. Manche tun das im Gebet, zum Beispiel still für sich oder gemeinsam mit anderen. Oder indem sie Geflüchtete aufnehmen. Hilfsorganisationen unterstützen. In all dem liegt die Chance, Furcht in Kraft, Fassungslosigkeit in Mitgefühl und Ohnmacht in Hoffnung zu verwandeln. Dankbar, dass es nicht unser Krieg ist und in Solidarität mit all jenen, die ihn nie wollten und jetzt keine Wahl haben. Darin liegt eine Freiheit, jenseits der Rechthaberei, der Angst und der Logik des Krieges. Ich kann mitfühlen, auch wenn ich Angst habe. Du kannst helfen, auch wenn du das Problem nicht verstehst. Wir können näher zusammenrücken, auch wenn einer alles um uns herum spaltet und zerteilt.

 

Die ref. Landeskirche Zürich hat eine Infoseite eingerichtet, auf der sie umfassend über Spende- und Unterstützungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg informiert. 

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3 Kommentare zu „Zur Freiheit befreit“

  1. Vielen Dank für diese tiefsinnige und klare Positionierung. Sie spricht mir aus tiefster Seele. Während ich einerseits zwei Flüchtlinge betreue, die bei mir wohnen, bekomme ich andererseits in Facebook-Diskussionen genau die beschriebene Haltung mit. Und die Diskutantinnen und Diskutanten sind vor allem friedensbewgte politisch eher links stehende Leute aus dem kirchlichen Umfeld. Grundsätzlich sind sie mir nicht unsympathisch, aber zum Teil driftet die Diskussion in Dimensionen ab, die ich unsäglich finde.

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