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Briefe zum Krieg, Teil 4: Der Preis des Friedens

Zivilisten schlagen Panzer in die Flucht

«Mehrere Dutzend Bewohner der ukrainischen Kleinstadt Dniprorudne im Süden des Landes stellen sich unbewaffnet einer russischen Militärkolonne mit Panzern entgegen.» – Das meldet der dpa-Newskanal am 28. Februar aus Kiew.

In den Sozialen Netzwerken kursieren Aufnahmen, die den Bürgermeister und einige Einwohner des Städtchens zeigen, wie sie auf die russischen Panzer zugehen und mit ihren Fahrern zu reden beginnen. Nach einem kurzen Gespräch machen sich die Militärfahrzeuge aus dem Staub.

Benjamin Isaak-Krauss, Pastor und Aktivist, macht in einem Artikel des Eule-Magazins auf diese Episode als Beispiel gewaltfreien Widerstandes aufmerksam – und führt zahlreiche weitere an: Ukrainer, welche russischen Soldaten anbieten, sie nach Moskau zurückzufahren, nachdem diese mit ihren Panzern gestrandet sind. Russische Deserteure, die von der ukrainischen Bevölkerung jubelnd empfangen und verköstigt werden. Aber auch Menschen, die sich trotz Verboten und Androhungen von Gefängnisstrafen nicht davon abhalten lassen, in Moskau, St. Petersburg und 35 anderen russischen Städten öffentlich gegen die Ungerechtigkeit dieses Krieges zu demonstrieren. Hunderte von Priestern der Russischen Orthodoxen Kirche, die ihre Landsleute zur Befehlsverweigerung auffordern und eine sofortige Waffenruhe verlangen. 7’000 russische Akademiker und Wissenschaftler, welche die völkerrechtswidrige Invasion in der Ukraine in einem offenen Brief an Putin scharf verurteilen.

Vor wenigen Tagen ging die Geschichte der russischen Journalistin Marina Owsjannikowa um die Welt: Während einer Live-Übertragung des russischen Staatsfernsehens hielt sie ein Protestschild in die Kamera, das die Lügenpropaganda der russischen Regierung anprangert und das Ende dieses Krieges fordert («Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen»). Die Frau hat damit viele Jahre Inhaftierung und Schlimmeres riskiert.

Welche Logik beherrscht den Krieg?

Das Gute an unserer Kommunikations- und Social-Media-Gesellschaft ist sicher, dass derartige Aktionen nicht dazu verurteilt sind, in den Wirren des Krieges und im Lärm politischer Rhetorik unterzugehen. Vielmehr ziehen sie oft weite Kreise, inspirieren Menschen allerorten und ermutigen sie zu eigenen Initiativen. Und obschon Putin bestrebt ist, Russland durch ein staatlich kontrolliertes Internet («Runet») auch digital vom Rest der Welt abzuschotten, scheinen Meldungen ziviler Proteste und gewaltfreien Widerstandes zur Zeit auch in der russischen Bevölkerung noch durchzudringen.

Trotzdem ist in der aktuellen medialen Öffentlichkeit und im politischen Diskurs die militärische Logik beherrschend.

Die Unmittelbarkeit, mit der die deutsche Regierung nur wenige Tage nach Ausrufung des Kriegszustandes in der Ukraine mal eben 100 Milliarden «Sondervermögen» zur Aufrüstung der Bundeswehr bereitstellte – nota bene im Ausgang einer zweijährigen, auch wirtschaftlich verheerenden Pandemie, und nachdem Europa (auch die Schweiz!) sich kaum durchringen konnte, etwas für die syrischen Geflüchteten in Moria zu tun – macht deutlich, wie tief verwurzelt der Reflex zur Problemlösung mit Waffengewalt ist.

Vom Scheitern der Friedensethik ist seither die Rede, von der Notwendigkeit, auch theologisch die Idee des «gerechten Krieges» wieder aufleben zu lassen. 

Entsprechende Anläufe wurde von kirchlicher und akademischer Seite schon unternommen. Derweil schnellen die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen in die Höhe, auch Schweizer Hersteller von Flugabwehrsystemen, Panzerfahrzeugen, Drohnen und Munition dürfen mit einem erheblichen Anstieg an Aufträgen aus dem Ausland rechnen.

Welche Bedeutung kommt hier den eingangs erwähnten Geschichten zu?

Sind es nur rührige Randerscheinungen in einem Konflikt, der allein mit militärischen Mitteln geklärt werden kann? Oder sind sie exemplarisch für alternative und durchaus erfolgsversprechende Möglichkeiten der Bevölkerung beider Kriegsparteien wie auch der westlichen Welt, sich einem kriegerischen Aggressor entgegenzustellen?

Die Erfolge gewaltloser Aktionen

Der US-amerikanische Konfliktforscher Gene Sharp (1928–2018) war von letzterem überzeugt – und zwar nicht aus ideologischen Gründen, sondern aufgrund seiner lebenslangen Erforschung der Dynamik und Effektivität von Widerstandsbewegungen in Kriegssituationen. Seine gewissermassen zur Bibel der Friedensbewegung gewordene Untersuchung «The Politics of Nonviolent Action» (1973) führt nicht weniger als 198 historisch verbürgte Methoden gewaltlosen Widerstandes auf, grob geordnet in die Bereiche (1) gewaltfreie Proteste, (2) soziale Nichtzusammenarbeit, (3) wirtschaftliche Boykotte, (4) Streikaktionen, (5) politische Nichtzusammenarbeit, und (6) gewaltfreie Interventionen.

Sharp war ein Pragmatiker, den die tatsächliche Wirksamkeit solcher Methoden interessierte. In seinem Kielwasser bewegen sich auch grosse Teile der neueren Friedensforschung – darunter die Politikwissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan.

In ihrer bahnbrechende Studie «Why Civil Resistance Works» analysieren sie mehrere hundert Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass gewaltfreie Bewegungen mindestens doppelt so häufig zum Ziel führten – also das Ende einer Besatzung, die Unabhängigkeit eines Territoriums oder der Wechsel eines Machthabers bewirkten – als dies bei gewaltsamen Aufständen der Fall war.

Fundamental zur Erklärung dieser Ergebnisse ist die Einsicht, dass gerade durch zivil motivierte, gewaltfreie Massenbewegungen an den «Säulen der Macht» gerüttelt wird, welche die Autorität der kriegsführenden Regierung(en) stützen. Denn nicht nur Demokratien, sondern auch Autokratien und Diktaturen sind auf die Mitwirkung und Loyalität der Bevölkerung angewiesen. Sie versuchen diese durch Repressionen, Gewaltandrohungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten sicherzustellen, bleiben dabei aber äusserst störungsanfällig.

Nichtkooperation, Proteste und Interventionen sowie die damit einhergehende Risikonahme und Opferbereitschaft ziviler Akteure höhlen die Glaubwürdigkeit der Machthabenden aus und schwächen ihre Position nachhaltig.

Im erwähnten Plädoyer für die Macht des zivilen Widerstandes schliesst Benjamin Isaak-Krauss an diese Einsichten an und zeigt sich auch angesichts des Krieges in der Ukraine überzeugt, dass im vermeintlichen Eifer für mehr «Realismus» die Ergebnisse empirischer Forschung ignoriert und «strategische Interventionsmöglichkeiten zur Schwächung von Putins Macht verspielt» werden.

Das Feld der Möglichkeiten für den Frieden

Durchaus im Widerspruch zu den empirischen Befunden werden solche Ansätze gerne als weltfremd, realitätsvergessen belächelt oder sogar als zynisch und ignorant verurteilt. «Soll man zusehen, wie die zusammengeschossen werden?», ruft etwa der evangelische Pastor Ralf Haska angesichts der ablehnenden Haltung der EKD-Ratsvorsitzenden Annette Kurschus gegenüber Waffenlieferungen in die Ukraine verständnislos aus.

Nein, auf gar keinen Fall.

Der kanadische Theologe und Sozialaktivist Ron Sider hat 1984 in seiner denkwürdigen Rede an der Weltkonferenz der Mennoniten in Strasbourg das Zitat Mahatma Gandhis aufgegriffen:

«Wenn es nur zwei Möglichkeiten gibt, zu töten oder tatenlos zuzusehen, wie die Schwachen unterdrückt und getötet werden, dann müssen wir natürlich töten.»

Sider stimmt diesem Urteil ganz nüchtern zu. Sein Lebenswerk ist allerdings getrieben von der Überzeugung, dass das Feld der Möglichkeiten mit der Alternative zwischen Tötungsbereitschaft und Tatenlosigkeit noch nicht ausgeschöpft ist. Es gibt immer eine dritte Möglichkeit, stellt er (auch im Sinne Gandhis) klar. Sie besteht darin, sich unter Verzicht auf Gewalt zwischen die Schwachen und die Unterdrücker zu stellen.

Mit unverhohlen polemischer Spitze gegen bestimmte Formen eines christlichen Pazifismus, die letztlich auf einen frommen Quietismus hinauslaufen und zum Rückzug aus den politischen und gesellschaftlichen Konfliktfeldern führen, setzt sich Sider für eine Form der Friedensförderung ein, die ihre Anhänger etwas kostet und keine Gelegenheit des zivilen Widerstandes unversucht lässt.

Auch er hat zahlreiche handfeste historische Beispiele dafür untersucht und dokumentiert, etwa im eindrücklichen Buch mit dem programmatischen Titel «Nonviolent Action: What Christian Ethics Demands But Most Christians Have Never Really Tried».

Seine eigene Haltung ist dabei zutiefst vom christlichen Glauben motiviert. Er gehört zu den Vordenkern des Linksevangelikalismus, der – allen Pauschalurteilen gegenüber amerikanischen Evangelikalen zum Trotz – das radikale Commitment zum Gewaltverzicht mit engagierter gesellschaftspolitischer Einflussnahme verbindet. Die besagte Rede Siders hat dann auch zur Gründung der «Christian Peacemaker Teams» geführt – eine internationale Organisation, die Teams von Friedensarbeitern in Konfliktgebieten auf der ganzen Welt unterstützt und sich für die Verringerung von Gewalt einsetzt. Ihr Motto: «Reducing violence by getting in the way».

Es gibt keinen gerechten Krieg

Schön und gut, mag man hier einwenden. Aber was bedeutet das jenseits von theologischen Grundsatzerwägungen, historischen Fallbeispielen und empirischen Untersuchungen in der konkreten Situation des russischen Einfalls in die Ukraine? Die Panzer sind längst in die Städte eingefahren, russische Kampfflugzeuge suchen Zugänge in den ukrainischen Luftraum, Raketen wurden in Stellung gebracht – soll man der Bevölkerung dieses Landes im Namen einer christlich begründeten Haltung der Gewaltlosigkeit selbst die dringend nötigen militärischen Mittel zur Selbstverteidigung verweigern?

Ganz ehrlich: ich weiss es nicht.

Zweier Dinge bin ich mir aber gewiss. Das erste: Auch in der Eindeutigkeit der aktuellen Kriegslage – eine übermächtige Armee gegen die Bevölkerung eines demokratischen Nationalstaates, ein grössenwahnsinniger Autokrat gegen einen mutigen und volksnahen Präsidenten, Goliath gegen David… – sollten wir es theologisch tunlichst vermeiden, die Rede vom «gerechten Krieg» nochmal aus der unseligen Mottenkiste kirchlich sanktionierter militärischer Gewalt zu holen.

Es gibt keinen gerechten Krieg. Auch nicht den eines Verteidigungskrieges der Ukraine gegen den russischen Aggressor.

Vielleicht gibt es unausweichliche militärische Auseinandersetzungen. Vielleicht zwingt uns die Realität dieser zerbrochenen Welt Situationen auf, in denen tatsächlich kein dritter Weg verfügbar ist – in denen wir nicht vor die Wahl zwischen Gut und Böse gestellt sind, sondern lediglich das kleinere Übel zu wählen haben. Ich bin kein Bonhoeffer-Experte, aber ich habe ihn in der Frage des Tyrannenmordes immer so verstanden: Selbst die Ermordung Hitlers kann nicht als «gerechter Akt» gelten, sondern ist eine Sünde, die der Vergebung bedarf. Es ist falsch, ihn umzubringen – es wäre einfach noch falscher, ihn weiter gewähren zu lassen.

Dann sollten wir aber auch im Blick auf die Verteidigung der Ukraine nicht von einem «gerechten Krieg» sprechen. Sprache hat Bedeutung. Sie formt Wahrnehmungen, schafft moralische Selbstverständlichkeiten und legitimiert entsprechende Handlungen.

Den Preis für den Krieg bezahlen die Schwächsten

Wie zweifelhaft selbst in diesem Fall die Idee ist, militärischen Initiativen das Siegel der Gerechtigkeit aufzudrücken, wird schon an den zahlreichen Geschichten russischer Deserteure deutlich. Sie lassen auf schwindende Loyalitäten für Putin in seiner eigenen Armee schliessen und werfen die Frage auf, wer einem ukrainischen Verteidigungskrieg eigentlich zum Opfer fallen wird. Soldaten einer angefochtenen Weltmacht, die gegen ihren Willen an die Front gedrängt werden? Kämpfer, die unter dem Einfluss gezielter Propaganda und Desinformationskampagnen in die Ukraine gezogen sind, um «die Nazis zu vertreiben», «die russische Bevölkerung in der Ukraine vor einem Völkermord zu retten», «eine blosse Übung durchzuführen» oder um von einer russlandfreundlichen Bevölkerung mit Blumen empfangen zu werden? (Konservativen Schätzungen zufolge sind bereits mehr als 7’000 russische Soldaten im Ukrainekrieg umgekommen.)

Und natürlich auch viele Angehörige der ukrainischen Armee, die mit Hilfe westlicher Ausrüstung zwar im Stande sein werden, sich gegen die Angreifer zu verteidigen («bis zum letzten Blutstropfen», wie Wladimir Klitschko angekündigt hat), die sich damit aber auch in einen sich hinziehenden und auf beiden Seiten immer mehr Opfer fordernden Krieg verwickeln – in der Hoffnung, dass die richtige Seite doch noch gewinnt.

Auf jeden Fall sollte uns allen klar sein, dass die Drahtzieher im Kreml die allerletzten sein werden, die für den Krieg in der Ukraine irgendeinen persönlichen Preis zu bezahlen haben. Vorher werden reihenweise ukrainische und russische Soldaten beerdigt, die von ihren Eltern, ihren Geschwistern oder Kindern schmerzlich vermisst werden.

Wie aber soll etwas, das aus Ungerechtigkeiten solcher Art besteht, in der Summe das Prädikat «gerecht» verdienen?

Alle gewaltfreien Mittel ausschöpfen

Und das zweite: Ich kann nicht glauben, dass in diesem Konflikt alle Mittel zur gewaltfreien (oder wenigstens zur nicht-militärischen) Intervention bereits ausgeschöpft sind.

Dabei ist mir völlig klar, dass ein fundamentaler Unterschied besteht zwischen der Selbstverpflichtung auf konsequente Gewaltfreiheit und der Zumutung des Gewaltverzichts (mitsamt der dazu nötigen Opferbereitschaft) gegenüber anderen.

Jesus hat seine Jünger auch nicht ermutigt, ihren Mitmenschen das Hinhalten der anderen Wange beizubringen, sondern selbst bereit zu sein, die andere Wange hinzuhalten – und vor allem hat er ihnen diese Haltung des gewaltfreien Widerstandes im Namen der Menschliebe Gottes selbst bis zur letzten Konsequenz vorgelebt.

Im Sinne des Sider’schen Grundsatzes «Wir reduzieren Gewalt, indem wir uns dazwischenstellen» stelle ich mir die Frage, welche Möglichkeiten für mich als Schweizer Bürger und für uns als Teilhaber eines demokratischen Europas noch bestehen, weitere militärische Eskalationen zu verhindern und friedensfördernd Einfluss zu nehmen.

Das epochale Verdienst der Friedensforschung in der empirischen Tradition von Gene Sharp wie auch in der christlichen Tradition von Ron Sider besteht ja darin, unsere Aufmerksamkeit auf die breite Palette zur Verfügung stehender und nachweislich erfolgsversprechender gewaltfreier Interventionen zu richten.

Umgekehrt neigt die militärische Eigendynamik solcher Krisen dazu, alternative Problemlösungsszenarien hinter sich zu lassen. Die Verfügbarkeit militärischer Mittel, das milliardenschwere Kriegsgerät, das auch und gerade demokratische Rechtsstaaten «herumstehen» haben und das auf seine Verwendung wartet, verengt das Bewusstsein der Handlungsmöglichkeiten erheblich.

In einem streitbaren Artikel «Wider die militarisierte Demokratie» rechnet der Sozialphilosoph Daniel Loick nüchtern vor, dass man allein mit den 100 Milliarden Euro an deutschen Aufrüstungsgeldern «10 Millionen Menschen jeweils 10’000 EUR überweisen und ihnen somit eine Grundversorgung von 830 EUR im Monat sichern», womit man nicht nur alle Geflüchteten unterbringen und ernähren könnte, die in Europa einen Asylantrag stellen (gut 400’000), «sondern sogar mehr als ein Drittel der flüchtenden Menschen weltweit». Auch Benjamin Isaak-Krauss sähe die von den NATO-Mitgliedern angestrebten «Verteidigungsausgaben» von 2% des BIP wesentlich nachhaltiger eingesetzt in der Förderung ziviler Friedensbildung, im strategischen Training demokratischer Bevölkerungen zur gewaltfreien Verteidigung und in der konkreten Unterstützung ukrainischer Demokratie-Aktivisten und desertierender Soldaten beider Seiten.

Die Logik des Krieges aber wirkt sich unweigerlich kreativitätsmindernd aus – und das gilt natürlich nicht nur für die politische Spitze demokratischer Nationen, sondern auch für ihre Bevölkerung.

Das erste Opfer von Panzern, Kampfflugzeugen und Artilleriegeschützen ist gewöhnlich die Fantasie für gewaltfreie Wege zur Befriedung eines Konfliktes und der Mut, Menschen für pazifistische Massenbewegungen zu mobilisieren.

Wenn es sich – wie vielerorts mit grossem Eifer ausgerufen wird – tatsächlich um einen ideologischen Kampf zwischen autokratischem Machtgebahren und demokratischen Werten handelt, dann sollten wir auch zeigen, dass das Volk in den westlichen Gesellschaften eine Stimme hat.

Bevor nicht ganz Europa im Protest durch die Strassen zieht, bevor von uns nicht Milliarden an Spenden zur Unterstützung der Bevölkerung in der Ukraine eingehen, bevor wir nicht alle digitalen Möglichkeiten genutzt haben, um den kriegstreiberischen Lügen der russischen Staatspropaganda die Wahrheit über die Zustände in der Ukraine entgegenzusetzen, bevor wir nicht Videos viral gehen lassen, welche ernsthaft um das russische Volk ringen, bevor nicht sämtliche Airbnb-Privatunterkünfte in der Ukraine durch Spender aus dem Westen ausgebucht sind – mit anderen Worten: bevor uns dieser Krieg nicht selbst und freiwillig (!) substanziell etwas gekostet hat, haben wir m.E. kein Recht, auf eine militärische Lösung des Konflikts zu hoffen und die damit einhergehenden Opfer anderer in Kauf zu nehmen.

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11 Kommentare zu „Briefe zum Krieg, Teil 4: Der Preis des Friedens“

  1. Vielen Dank. Ja, niemand ist nicht beeindruckt vom Widerstand in der Ukraine. Aber wenn man den Blick hebt und all die anderen Krieg anschaut, die erst gerade fertig sind oder noch laufen, Afghanistan, Yemen, Syrien, sehe ich nur eins; Die Gewalt hat keine Probleme gelöst, und der Satz „Wenn du Frieden willst , bereite den Krieg vor ist soll falsch wir bisher. Der Pazifismus hat noch nie behauptet, einfache Lösungen zu haben und die bisherige Ansätze entstanden auch aus dem Krieg, Leonhard und Clara Ragaz , oder auch Gertrud Woker blieben ihren Meinungen auch während des Zweiten Weltkriegs treu. Insofern ist es eben keine Zeitenwende oder oder sollte es zumindest nicht sein. Werden wir wir auch in der Schweiz einseitig militärisch, wäre der Schaden gross

  2. Die Paradoxie des Krieges kommt daher in einem ganz eigenen Gewand gegeneinander laufender Strömungsabrisse.

    Ich würde den Beitrag zugewandt verorten als theoretischen Idealismus.

  3. Marcel Dietler

    Der Hindu Gandhi hat – nicht zuletzt aufgrund der Bergpredigt Jesu – einen gewaltfreien Kampf geführt und gesiegt, aber sein Kampf war ein Kampf gegen England, nicht gegen Putin. Das war der Unterschied.

  4. Eine Tragödie dieses Krieges ist, dass er die Rüstungsspirale anheizt. Wäre es tatsächlich gelungen ihn mit gewaltlosen Mitteln zu beenden, hätte das die Welt verändert.
    Es ist mir klar, dass es einfach ist aus der warmen Stube so zu schreiben.

  5. Erst wenn der Panzer vor mir steht, wird sich entscheiden, ob ich kämpfe, fortrenne oder mich vor den Panzer stelle. Krieger, Feigling oder Pazifist? Was ich aber vorgängig machen kann: Ethik, Demut und Mitgefühl sind trainierbar. Jeder von uns kann diesen Weg einschlagen, damit wir auch als Gemeinschaft wachsen. Das sollten wir eigentlich von klein auf machen, eine Lebensaufgabe.

    Und wieso sollten wir das machen? «Wenn wir uns – jeder für sich – innerlich „entmilitarisieren“, indem wir unseren negativen Gedanken und Gefühlen Einhalt gebieten und positive Eigenschaften entwickeln, schaffen wir die Voraussetzungen für eine äussere Abrüstung. Ein echter, dauerhafter Weltfriede wird nur möglich sein, wenn jeder von uns sich von innen heraus darum bemüht.» Dalai Lama

    1. Stefan Wenger-Ledermann

      Sehr treffend gesagt! Du zeigst, wie untrennbar das Politische und das Private zusammengehören. Wir dürfen nicht müde werden, hierauf hinzuweisen.

  6. Günter Thomas

    Das Problem der allermeisten Pazifisten ist ein dreifaches:
    1. Sie räsonieren zumeist unter irgendeinem Schutz von militärischer Gewalt. Es gibt keinen Test in der „sand box“ wie bei neuer Software.
    2. Wer jegliche rechtserhaltenden Gewalt ablehnt, müßte auch innerstaatlich die Gewalt der Polizei ablehnen. Alle diesbezüglichen Experimente utopischer Gemeinschaften sind nicht gut ausgegangen.
    3. Die sogenannten historischen Friedenskirchen waren weithin der Auffassung, dass die Gewaltfreiheit schlicht Gottes Gebot ist – und waren im Zweifelsfall zum Martyrium bereit. Der gegenwärtige Pazifismus wirkt so gequält in seinen Argumentationen, weil er meint, wortreich nachweisen zu müssen und zu können, dass er besser wirkt. Doch der Versuch dieses (nicht zu leistenden utilitaristischen) Nachweises dürfte ein fundamentaler Irrtum im Ansatz darstellen.

    1. Stephan Juette

      Herzlichen Dank! Ich sehe das genau so. Vielleicht hat die «Theorie des Gerechten Krieges» ein Image-Problem und braucht einen neuen Namen? Der Sache nach finde ich sie überzeugend. Herzlicher Gruss!

      1. Günter Thomas

        Ich möchte damit nicht den linksreformatorischen Pazifismus diskreditieren, sondern nur auf die radikale „Verwurzelung“ aufmerksam machen, die zu einem bewußt hoch riskanten Verhalten in der Geschichte führt. Vor den martyriumsbereiten Pazifisten habe ich eine große Hochachtung.
        Theologisch ist die Frage, was es mit Paulus heißt, in einer mit Gott versöhnten und zugleich in einer noch auf ihre Erlösung wartende Welt zu leben und zu handeln. Anders formuliert: Was sagen wir politisch, wenn wir mit dem Vaterunser beten „Und erlöse uns von dem Bösen“? Dies betrifft, was politisch für möglich oder unmöglich erachtet wird.

    2. Manuel Schmid

      Danke für die kritische Rückmeldung!

      ad 1) Ich bin nicht sicher, ob ich Sie hier richtig verstanden habe – aber ich hätte zumal für die Gewaltlosigkeit im Christentum genau das Gegenteil behauptet. Die eindringlichsten Beispiele gewaltlosen Handelns finden sich doch dort, wo Christen NICHT auf staatlichen Schutz zählen konnten, sondern vielmehr gerade vom Staat bedroht waren (frühes Christentum) oder von einer das Schwert führenden (Staats-)Kirche (Täufertum…).

      ad 2) Das ist ein Problem, mit dem sich die meisten Vertreter*innen einer gewaltfreien christlichen Ethik intensiv auseinandergesetzt haben. Man kann ihre Lösungen für unpraktikabel oder wenig überzeugend halten. Es gibt aber zahlreiche moderate Ansätze, die zum Beispiel auf den unterschiedlichen «modus operandi» von Polizei und Militär hinweisen und das Recht polizeilicher Interventionen (wenn möglich ohne tödliches Ende) durchaus einräumen.

      ad 3) Niemand hat je behauptet, dass gewaltfreie Aktionen immer zum Ziel führen und darum nicht gefährlich wären. Sie gehen mit einer grosse Opferbereitschaft einher. Und natürlich lässt sich nicht vom grünen Tisch aus fordern, dass Menschen diese Opferbereitschaft an den Tag legen. Interessant ist einfach, dass sich Vertreter*innen gewaltfreier Lösungen immer für die Zumutungen rechtfertigen müssen, die sie anderen auferlegen wollen, während Vertreter*innen militärischer Lösungen erstaunlich wenig Bewusstsein dafür zeigen, dass auch in ihrem Fall nicht sie es sind, die an der Front stehen und den Preis des Krieges zahlen, sondern diejenigen, denen man Waffen geliefert hat. Und wenn die Friedensforschung empirisch untersucht, welche Erfolgsquote gewaltfreie im Gegenüber zu militärischen Interventionen haben und zum Schluss kommt, dass erstere wesentlich erfolgsversprechender sind als letztere: wo liegt hier der fundamentale Irrtum?

  7. Reinhard Gasser

    Respekt vor Ihrer Kenntnis friedenspolitischer Forschung, Herr Schmid. Und nie würde ich bestreiten, dass gewaltfreie Aktionen und gewaltfreier Widerstand nicht sehr wirkungsmächtig sein können, in bestimmten Konstellationen. Aber wie steht es hier? Wenn ich Ihren Beitrag lese, so sehe ich beim besten Willen nicht, was Ihre Gedanken und Erkenntnisse zu einer hilfreichen Antwort auf einen eklatanten Bruch völkerrechtlicher und humanitärer Regeln durch eine waffenstarrende Supermacht beitragen sollen, und zwar im hier und jetzt.

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