Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 4 Minuten

Lost in Translation: Tsundoku

Hast du auf deinem Nachttisch einen Bücherstapel oder sogar einen vom Boden ausgehenden Bücherturm, der aber ungelesen bleibt und gelegentlich sogar weiter an Höhe gewinnt? Das Wort Tsundoku stammt aus dem Japanischen und kombiniert die Wörter «für später aufstapeln» und «lesen» und beschreibt genau diese Form von Büchersäulen. Es ist eine Form literarischer Prokrastination.

Die Bibliomanie und die Bibliophilie

Soweit ich bei meiner Recherche herausfinden konnte, ist Tsundoku nicht vorwiegend negativ konnotiert. Es kann somit nicht mit Bibliomanie gleichgesetzt werden. Bei letzterer, die auch in einem Buch von Gustave Flaubert mit dem Antihelden und Büchernarren Giacomo thematisiert wird, geht es um die zwanghafte oder suchtvolle Ansammlung von Büchern. Die Bibliophilie kann hingegen als Liebe zum Buch bezeichnet werden, die sich als Sammeln von schönen und wertvollen Büchern manifestiert. Das Ziel eines Bibliophilen ist der Aufbau einer Privatbibliothek.

Die Paradoxie des Haufens

Beim Tsundoku werden im Grunde genommen auch Bücher erworben und gesammelt, die aber dann nicht gelesen werden. Und es ist nicht klar, wie gross die Sammlung sein muss, um den Begriff zu verdienen.

Ab wieviel Zentimeter Höhe (oder Breite) ist ein Bücherstapel (oder eine Bücherreihe) Tsundoku-verdächtig?

Die Sorites-Paradoxie (oder auch die Paradoxie des Haufens) beschreibt genau das. Diese Paradoxie wird je nach Quelle entweder Eubulides von Minet oder Zenon von Elea, beide griechische Philosophen, attestiert. Dabei geht es um diesen grundsätzlichen Gedankengang:

Es lässt sich keine konkrete, nicht willkürlich beschlossene Anzahl von Elementen (z.B. x Bücher) angeben, aus denen ein Haufen mindestens bestehen müsste. Kehrt man diesen Gedanken um, so wird es schwierig zu bestimmen, ab wann eine Ansammlung von Elementen objektiv als Haufen gelten kann.

Ist Tsundoku eruierbar?

Das macht es nun für uns ziemlich schwierig.

Ist Tsundoku objektiv feststellbar?

Bleibt es ein Turm, wenn wir doch ein paar Seiten der jeweiligen Bücher lesen? Wird dann der Bücherturm imaginär ein paar Stockwerke kleiner?

Das Gute ist: Externen Beobachtern bleibt die Tsundoku-Eigenschaft eigentlich verborgen. Niemand, ausser der Bücherbesitzer, kann eigentlich wissen, ob diese gelesen oder ungelesen sind. Man kann somit immer noch angeben, man sei ein Vielleser bzw. ein Gelehrter. Es ist ein bisschen so, wie mit den Fitnessgeräten, die zuhause ungenutzt herumstehen und für Sportlichkeit und Dynamik einstehen.

Ich muss zugeben, dass ich selbst über eine Anzahl Bücher verfüge, die ich (noch) nicht gelesen habe.

Ich liebe das Gefühl, jederzeit auf ein ungelesenes Buch zugreifen zu können. Als hätte ich eine kleinere Buchhandlung zuhause.

Ich wühle auch gerne in Schachteln und Kisten, die am Strassenrand stehen und mit «Gratis zum Mitnehmen» beschriftet sind. Da passiert es oft, dass ich Bücher orte und mit nach Hause begleite, die ich nicht wirklich benötige. Bei mir können dann diese Tsundoku-Bücher in literarischen Säulen versteckt sein, die ich eigentlich lese.

Die Hoffnung nicht aufgeben

Denn ich gehöre zur Gattung der Lesenden, die problemlos drei bis vier Bücher gleichzeitig lesen kann. Meistens geschieht es, wenn die Bücher nicht ganz so spannend sind, aber trotzdem nicht so schlecht, dass man sie nicht zu Ende lesen möchte. Oder es besteht die Hoffnung, dass die Handlung im Buch am Ende doch eine überraschende Wendung nimmt.

Vielleicht braucht es auch eine Bezeichnung für Bücher, bei denen ich lesend die Hoffnung nicht aufgegeben habe? Und einen Begriff für Bücher, die älter sind als die Besitzer, also diese überleben und dann weitervererbt werden? Gibt es auch eine Umschreibung für Bücher, die man mehrmals gelesen hat und die dann, je nach Lebensabschnitt des Lesenden, eine neue Bedeutung bekommen und unterschiedliche Botschaften mitteilen? Oder auch ein Wort für Bücher, die ich am Schluss langsamer lese, weil ich ich nicht möchte, dass sie aufhören?

Vielleicht kennst du weitere literarische Gefühlsprozesse oder Zustände, die schwierig beschrieben werden können. Ich bin auf deine Kommentare gespannt. Ich werde sie sammeln, stapeln und auf alle Fälle lesen! Versprochen 😉

 

Foto von Florencia Viadana auf Unsplash

Alle Beiträge zu «Lost in Translation»

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox

RefLab-Newsletter
Podcasts, Blogs und Videos, alle 2 Wochen
Blog-Updates
nur Blogartikel, alle 2 bis 3 Tage