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Lost in Translation: Kaukokaipuu

Waren Sie schon einmal auf Sizilien? Ich sage Ihnen, Sie haben noch sie so intensive Zitronen gerochen, so tieftürkises Meer gesehen.

Die Strassen sind laut, quellen über vor sich bewegenden Figuren. Autos, Menschen, Roller, Kleintransporter. Alles in Bewegung, alles macht Geräusche. Intensität überflutet die Netzhaut mit Farben und Bildern.

Auf den Balkonen tummelt sich häusliches Inventar, Pflanzen, Stühle, Wäscheleinen, über die Strasse gesponnen. Über einem Balkon fällt ein weiss-gelb gestreifter Vorhang, nebst Handtüchern und anderer Wäsche. Auf einem anderen bearbeiten alte Hände frisches Gemüse. Das Leben stapelt sich vom Asphalt in die Höhe, bis auf die Dachterrassen.

Wunschvorstellung

Waren Sie schon einmal auf Sizilien? Ich nicht. Ich träume mich dahin, wo die Limonen wohnen und die Transporter sich verorten. Wo die Anzugmenschen sich durch enge Gassen quetschen und Gemüsestände sich kaufenden Händen zuwenden. Fleischige Fäuste und warme Tomaten, die babelgleich von Balkonen in den Himmel ragen.

Kaukokaipuu. Ein finnischer Ausdruck für die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man noch nie gewesen ist.

Bei mir ist es Sizilien.

Ich spiele mit meiner Vorstellung von einer irgendwo existierenden Realität. In meinem Kopf reise ich dorthin. Fantasie, angereichert von den Märchen und Geschichten, die ich früher dazu gelesen habe, den Instagram-Bildern, die mir irgendwann mal in den Feed zu dem Ort gespült wurden, den Impressionen aus Nachrichtenmeldungen und Filmen, die dort zu spielen vorgeben.

Kaukokaipuu ist Kopfurlaub. Ich träum‘ mir die Welt, wide, wide, wie sie mir gefällt. Aber es ist auch mehr als das.

Sehnsüchtig

Kaukokaipuu spielt mit der Sehnsucht. Die Sehnsucht spielt mit dem Konjunktiv. Sie glorifiziert ihn und legt sich selbst zu seinen Füssen. Ich bin ganz dein, wenn es nur schon so wäre. Ich sehne mich so sehr danach.

Das Leben ist Leiden, solange es nicht so ist, wie es auch sein könnte. Wenn es doch nur schon soweit wäre, wenn die Zeit schneller verginge und ich doch nur schon hier oder dort wäre. Oder dieser eine Mensch bei mir wäre und ich meinen Abschluss schon in der Tasche hätte und dieses innere Verlangen nicht mehr so stark in mir brennen müsste.

Wenn ich nach einem Menschen sehnsüchtig sein kann, dann doch auch nach einem Ort.

Kaukokaipuu ist der Ausdruck für den Ort gewordenen Celebrity Crush.

Ein Verliebtsein in etwas gänzlich Unbekanntes, einzig und allein gespiesen von meiner Begierde und meiner Vorstellungskraft. Ein Wort für einen Ort in meinem Kopf. Wie Fernweh in zielgerichtet, verknüpft mit ganz bestimmten Bildern. Für eine Vorstellung, die so, aber auch anders sein könnte.

Alles nur in meinem Kopf

Kaukokaipuu ist so individuell wie unrealistisch und hat meist mehr mit unseren Wünschen und Träumen zu tun als mit der Stadt oder dem Ort, auf den sich dieses Gefühl bezieht.

Ich sehne mich so sehr nach Fülle und Leben, dass ich es auf meine Vorstellung dieses einen Ortes projiziere. Dann sehe ich die Balkone und Dachterrassen, die übervollen Strassen und das rauschende Leben.

Nur dort ist es dann möglich, diese Fülle zu erleben. Dort kommt es alles zusammen.

Als ob ich nicht auch hier all das haben könnte. Aber ich bin ein Mensch – wenn ich mir nicht mehr selbst im Weg stünde, hätte ich wohl das grösste Rätsel der Menschheit gelöst. Und das hatte ich nun wirklich nicht vor. Erstmal nach Sizilien reisen, irgendwann, oder in meinem Kopf.

 

 

Foto von Krsitin Snippe @unsplash

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