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Liebe tüchtige Hausfrau

Liebe tüchtige Hausfrau, wann hat man(n) dir diesen Titel verliehen? Du thronst am Ende des biblischen Sprüchebuchs, einem Buch mit manchmal überraschend treffenden und manchmal höchst kuriosen Weisheiten. Für jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets findet sich ein Vers auf dich. Ein kunstvoll gestaltetes Lob.

Was ist eine Hausfrau?

Wenn am Freitagabend der Shabbat beginnt, wird – zumindest in traditionellen jüdischen Settings – dieses Loblied vorgelesen und die Frau für ihre Arbeit geehrt. Auch in der Bibelschule, die ich besuchte, wurde das ähnlich gehandhabt. In der christianisierten Version, die ich kennenlernte, ging man davon aus, dass damals wie heute dasselbe gemeint war, wenn man von Hausfrau sprach: Eine Frau, die ihre berufliche Tätigkeit aufgab, sich um Kinder und Haushalt kümmerte und sich allenfalls freiwillig gesellschaftlich engagierte.

Dir muss ich am allerwenigsten erzählen, dass der Titel über deinem Lob deinen tatsächlichen Aufgaben mitnichten gerecht wird. Eigentlich könnte man ja bereits darauf kommen, wenn man die Lobverse auf deine Arbeit liest.

Da steht kaum etwas von lieblicher Hausdekoration oder schöngeistiger Kindererziehung. Vielmehr erfüllst du grundlegende ökonomische Funktionen, damit dein Haushalt versorgt ist: Du handelst mit Gütern, kaufst ein, verkaufst und kümmerst dich um eine illustre Anzahl Angestellter in deinem Haus. Ich schreibe das nicht, weil ich die Arbeit von dem, was wir als «Hausfrauentätigkeiten» kennen, abschätzig betrachte. Ich bin selbst inmitten von Hausfrauen grossgeworden und weiss, dass es anspruchsvoll ist, einen Haushalt zu führen, wenn man allein ist und wildchaotische Wesen hat, die alles andere tun, als die Ordnung zu wahren. Umso realistischer ist die Schilderung der biblischen «Hausfrau».

Doch die Ausprägung dieser Hausfrauenrolle, wie wir sie heute kennen, entstand im 19. Jahrhundert und zementierte sich im 20. Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg mit dem wirtschaftlichen Aufschwung.

Was ist eine Hausmutter?

Die Möglichkeit, dass eine Frau nicht finanziell erwerbstätig sein musste, wie es damals ausgedrückt wurde, war das Ergebnis von gesellschaftlichen Umstrukturierungen. Industrialisierung, Urbanisierung und die Entstehung von politischen Rechtsstaaten hatten den Lebensraum von Menschen grundlegend verändert: Vor diesen Veränderungen lebten Menschen mehrheitlich in ländlichen Familienverbänden, denen ein Hausvater und eine Hausmutter der Familie und den auf dem Hof arbeiteten Knechten und Mägden vorstanden.

Eine «Hausmutter» war in diesem Kontext etwas ganz anderes als eine «Hausfrau». Eine Hausmutter führte gemeinsam mit ihrem Mann, dem Hausvater und «Patriarch» im wortwörtlichen Sinn, das Kleinstunternehmen.

In diesem familiär geführten Gemeinschaften hatte die Frau genauso Mitspracherecht wie der Mann, weil Politik innerhalb des Haushalts- und Familienverbands stattfand. Auch die Arbeit der Frau war finanziell existenzsichernd. Erst indem durch Fabriken Arbeitsort und Lebensort aufgeteilt und einzig die Erwerbsarbeit ausser Haus finanziell entlöhnt wurde, arbeitete eine Frau unbezahlt – sofern die Familie nicht darauf angewiesen war, dass auch sie Geld nach Hause brachte.

Und dadurch, dass nur Männer politisches Mitspracherecht erhielten, weil nur sie innerhalb dieser neuen rechtsstaatlichen Strukturen als politische Bürger galten, verloren Frauen ihr politisches Mitbestimmungsrecht. Die Berner Historikerin Beatrix Mesmer oder die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes (Beatrix Mesmer: Eingeklammert – Ausgeklammert; Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau) beschreiben diesen Rollenwandel noch viel differenzierter und ausführlicher, als ich es hier je in aller Kürze zusammenfassen könnte.

Wer bist du?

Der Beschrieb einer «Hausmutter» aus dem 18. Jahrhundert kommt deiner Lebenssituation folglich viel näher als der einer «Hausfrau», obwohl beide Begriffe heute nicht mehr viel Wertschätzung ausdrücken. Mit «Hausmutter» assoziiere ich eher die Hausmutter aus den Internat-Romanen von Enid Blyton. Diese kümmert sich hauswirtschaftlich um Sauberkeit und Ordnung in den Schlafsälen und ist gleichzeitig Krankenschwester, wenn die Gesundheit der Mädchen auf dem Spiel steht.

Passender für die heutige Zeit wäre es, dich als selbstständige Unternehmerin zu bezeichnen.

Umsichtig verwaltest du das dir anvertraute Gut, arbeitest hart und lange, wenn deine Angestellten bereits schlafen. Dir ist es ein Anliegen, die Menschen in deinem Haus zu versorgen und ihnen sichere Lebensbedingungen zu schaffen. Dein Unternehmerinnentum hat gerechte sozioökonomische Lebensbedingungen als Basis. Du schaffst eben beides: ökonomischen Erfolg und soziales Denken. Du bist eine gute Geschäftsfrau, aber eine mit Werten, Vision und Herz – um das mal so kitschig auszudrücken.

Ein neuer Name für dich?

In dieser Hinsicht empfinde ich dich als Vorbild: Du kannst dich durchsetzen und dich gleichzeitig um Menschen kümmern. Man sollte es sich besser nicht mit dir verscherzen. Ich stelle mir vor, dass du den Charakter einer mutigen, starken und schlauen Löwin hast, die ihre Familie beschützt und verteidigt. Das ist doch mal ein Bild von Weiblichkeit! Und du schaffst es, dich selbst zu bezahlen. Du machst quasi beruflich bezahlte, unternehmerische Care-Arbeit.

Wie revolutionär wäre es, wenn wir Menschen es hinbekommen würden, dass Care-Arbeit in unserer Gesellschaft finanziell besser oder ganz grundsätzlich entlöhnt würde? Wie wäre es, wenn das ein ebenso angesehener Beruf wäre wie Abteilungsleiterin oder Geschäftsführerin?

Liebe tüchtige Hausfrau: Du wirkst so eingestaubt und dein Titel wird dir nicht gerecht. In dir finde ich ein Vorbild. Deine Form von Weiblichkeit inspiriert mich, in meinem Heute. Ich schlage vor, dass wir dir einen anschlussfähigeren Titel verpassen. Anstelle eines «Lobs auf die tüchtige Hausfrau» sollte es heissen: «Lob auf eine schlaue Unternehmerin und faire Arbeitgeberin, die sich selbst und ihre Familie versorgt». Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was du dazu meinst.

Herzlich
Deine Fabienne

In dieser Serie schreiben Fabienne Iff, Johanna Di Blasi und Evelyne Baumberger Briefe an Frauen aus der Bibel. Die Briefe sind inspiriert von feministischer Exegese und von der afroamerikanischen Bibelauslegungs-Praxis des «Womanist Midrash»/«Sanctified Imagination». 

Illustration: Rodja Galli

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